Das Gras: kniehoch. Zwei Jacken, die ein Fußballtor mimen und begrenzen sollen. Der Ball springt hoch hinaus, fast bis in die Wolken - das Spiel beginnt. Zwei Kinder spielen gegeneinander. Ein Mädchen, das gerade ihre ersten Schulzähne bekommen hat und ein Junge, dessen blonde Locken wie ein Drachen im Spiel mit dem Wind wehen. Der Junge ist viel kleiner als das Mädchen, aber dennoch scheinen beide eines Alters. Der Bursche steht im Tor, das junge Mädel tritt mit voller Wucht gegen den Ball - er springt gegen eine der Jacken und kullert ins Tor. „Unfair“, schreit der Junge und fragt in seiner Verzweiflung, wie er den Ball hätte halten sollen. Dem Mädchen scheint das egal, sie lässt sich nicht vom Jubel abbringen und lacht den jungen Torwart aus, dessen Trikot jetzt voller Grasflecken ist.

Frauen-WM in Deutschland und man weiß nicht recht, wie man sich verhalten soll. „Darf man sich da auch freuen, wenn die ein Tor schießen?“, fragt ein älterer Mann in seiner Stammkneipe. Die Frage bleibt unbeantwortet. Nicht, weil man sich nicht traut zu antworten, sondern weil man wirklich nicht weiß, wie man reagieren soll, wenn Prinz, Garefrekes  und die anderen ein Tor schießen. Gar die Frage, wer denn die anderen seien, kann nicht beantwortet werden. Ein Public-Viewing im großen Stil wie es das bei der WM der Männer 2006 und 2010 gab, findet nicht statt.  Die Straße des 17. Juni in Berlin wird dieser Tage nicht von berauschender Fußball-Atmosphäre heimgesucht, sondern von Männern, die der Welt ihre Kleider präsentieren wollen. Die Fashion Week dominiert die Hauptstadt - nicht der Ball, nicht die Bälle. Nicht die Bälle, die gegen den Fußball schlagen, leuchten erstrahlt im „Glanze dieses Glückes“, sondern die Mode von den Star-Designern dieser Welt. Unweit davon gewann ein paar Tage zuvor die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ihr erstes WM-Spiel gegen Kanada. Bei den Toren Deutschlands wurde nicht einmal die Tormusik eingeschaltet, das Jubeln der Zuschauer glich eher einem Schreien als einem ernstzunehmenden Torjubel. Während des Spiels erinnert die Geräuschkulisse eher an Disneys große Pause, als an spannende Fußballatmosphäre. Gut, so sind Frauen nunmal. Dennoch: Bis auf die Tatsache, dass die Berliner S-Bahn etwas mehr Züge zum Eröffnungsspiel der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft eingesetzt hat, merkt man kaum etwas von umgreifender Fußball-Atmosphäre in der Hauptstadt Deutschlands. Nur in den Zügen vom und zum Stadion sieht man bunt angemalte Frauen mit Deutschlandfahne und -schal. Feierwütige Männer, die brüllend mit der Bierpulle im Stadion mitfiebern lassen ebenso auf sich warten wie schwarz-rot-goldene Fähnchen an den Autos.

Doch wieso schafft es der Frauen-Fußball nicht, aus dem Schatten der Männer herauszutreten?

„Fußball ist was für Männer“, hört man eingefleischte Fans sagen, wenn sie gefragt werden, ob sie sich für die Frauen-WM interessieren. Männer, die interessieren sich wenn dann nur für schweißgebadete Frauenkörper in knappen Höschen und erfüllen so das Bild des klassischen, brustbehaarten Mannes, der vor dem Fernseher sitzt und seinem Bier frönt. Sie jubeln nicht, wenn Deutschland ein Tor schießt, sie freuen sich dann, wenn das Trikot bei einem Zweikampf vielleicht mal dorthin rutscht, wo es nicht sein sollte. Zur Feier des Tages liefert die Ehefrau und hauptberufliche Hausfrau das nächste Bier. Es sind nicht mehr die Lesben oder Mannweiber, die Fußball spielen, sondern Tussen – wenn man die öffentliche Meinung erfragt – die dort auf dem Platz stehen und von selbigen auf den Tribünen angetrieben werden. Unterstrichen wird das vom Werbeslogan der Frauen-WM: „2011 von seiner schönsten Seite“. Die Berliner Zeitung vergleicht dies wie folgt: „Als würde man ein Treffen von Hillary Clinton und Angela Merkel mit Politik von seiner schönsten Seite beschreiben“.

Bei Pressekonferenzen wird nicht etwa auf Taktik, Einstellung und Gegner eingegangen. Mehr Brisanz hegt eher die Frage, was sich die deutschen Spielerinnen bei einer Shopping-Tour durch  Berlin gegönnt und gekauft haben. Lira Bajramai, sie sollte das Gesicht der WM werden und als Symbol für die schöne Seite der WM auftreten, stolziert mit High Heels und Lipgloss durch einen Werbefilm, spielt während der WM aber als Bankwärmerin, wie Oma Birgit Prinz, deren Tage schon längst gezählt sind. Die Frauen-WM sollte mehr als nur ein sportliches Ereignis werden, sie sollte die Deutschen Frauen zu einem Zeitbild einer emanzipierten Bewegung machen. Die moderne Frau, die nicht mehr am Herd steht und für den Mann kocht, wenn er von Arbeit kommt. Die Frau, die gleichgestellt mit dem Mann ist und die die neu-gewonnene Stärke offen zeigt. Sie wollten es nicht nur Eva Hermann zeigen, die 2006 mit ihrem Buch „Das Eva Prinzip“ forderte, dass sich Frau doch wieder auf alte Tugenden besinnen sollte, sie wollten es einer ganzen Nation zeigen. Nicht nur einer Nation, sie wollten es der Welt zeigen.

Angetrieben und unter Druck gesetzt wurden die Deutschen Frauen von Bundespräsident Christian Wulff, der ein zweites Sommermärchen sehen wollte, und dem DFB, der, mit Theo Zwanziger an der Spitze, die deutschen Frauen genauso im Rampenlicht sehen wollte wie die Männer 2006. Komplettiert wird das Duo durch die öffentlich-rechtlichen Sender ZDF und ARD, die eigens eine Werbekampagne mit Sprüchen wie „3. Plätze sind was für Männer“ und „Jungs, wir rächen euch“ geschaltet haben. Am Ende blieb nicht viel vom nächsten Deutschen Sommermärchen übrig. Die Deutschen Frauen schieden im Viertelfinale gegen Japan enttäuschend aus und landeten bei ihrer Heim-WM in der Versenkung.

Ob man sich vielleicht doch mehr auf den Sport hätte konzentrieren sollen, wie einst der Junge und das Mädchen auf dieser Wiese? Diese Frage wird unbeantwortet bleiben. Im Übrigen, falls es jemand nicht mitbekommen haben sollte: Die japanischen Frauen, ihre Nachnamen erinnern uns an Keuchhusten, gewannen das Finale der Frauen-WM gegen die USA mit 5:3 im Elfmeterschießen.