Sein, wer man sein will, sich am richtigen Platz fühlen: In der „Neuen Heimat“, einer gemütlichen Kneipe in Berlin-Moabit, treffen wir Lisa Thiele. Warum sie sich in der Hauptstadt zu Hause zu fühlt, verrät Lisa im Gespräch.

Sie wirft die Lakritztüte auf den Tisch, setzt sich lässig auf das abgenutzte Sofa. In der Lockenmähne steckt noch die Sonnenbrille. Gerade eben hat sie die gebraucht. Anbaden, Fotos schießen, den Feierabend genießen: Lisa Thiele, im Netz bekannt als Spiegeleule, kommt direkt vom Plötzensee, einem im Volkspark Rehberge gelegenen See in Berlin-Wedding. Zwölf Fahrradminuten später sitzt sie in der „Neuen Heimat“. Hier stapeln sich Flaschenkisten bis zur Decke, über der Eingangstür hängen schwarze Kabel herab. Lisa nimmt einen großen Schluck vom Bio-Eistee, ich verfalle mal wieder der Salzstangensucht. Im Hintergrund singt Axel Bosse von Ferne und Wiederkehr.

Wohnzimmerersatz in der Jagowstraße

„Ich bin auf dem Land groß geworden, doch da habe ich mich als Teenager nie so richtig wohl gefühlt“, beginnt Lisa. Ihr Bedürfnis nach einem eigenen Ort sei schon immer sehr stark gewesen. Einen solchen hat sie nun genau hier gefunden; die „Neue Heimat“ in der Jagowstraße 14. „Im Jahr 2010 bin ich in die Hauptstadt gezogen. Irgendwann lief ich diese Straße entlang, entdeckte den Laden und durfte hier aushelfen“, erinnert sich die 27-Jährige. Schnell sei die „Neue Heimat“ ihr Wohnzimmerersatz geworden. Mit Unterstützung von Freunden und Bekannten wurde dann mehr möglich: Es gab regelmäßige Öffnungszeiten sowie verschiedene Abendprogramme, darunter Konzerte, Poetry Slams und an Sonntagen wird „Tatort“ an die Wand projiziert. Mittlerweile halten neun Leute den Laden am Laufen. „Viele Mitwirkende waren erst Gäste, haben dann hier Freunde gefunden und packen nun selbst mit an. Das ist der Zauber dieses Ortes: Hier treffen Berliner auf wundersame Weise Menschen, die sie schon anderswoher kennen.“

„Biete super abgefuckte Wohnung“

Ihre Entscheidung nach Berlin zu gehen, sei spontan gefallen. So hätte es keinen Anlass, keinen rationalen Grund für den Umzug gegeben. „Es war eher eine Schnapsidee – aber eine gute“, ergänzt Lisa „Absurderweise bin ich dann auch noch in Moabit gelandet. Außenstehende können das meist nicht nachvollziehen, für sie sind Kreuzberg oder Friedrichshain die lebenswerteren Ortsteile.“ Lisa denkt da anders.

Die Fotografin wohnt noch immer in der gleichen Wohnung, einem Altbau mit hohen Decken, Ofenheizung, Holzfenstern und unverputzten Wänden, nur wenige Gehminuten von der „Neuen Heimat“ entfernt. Ihr Weg in die Wohngemeinschaft war ein gewöhnlicher: über die Suche im Internet. „Ein Mädel hatte eine super abgefuckte Wohnung ergattert. Die Wohnung war mit Mitte gekennzeichnet – ein üblicher Trick. Witzigerweise gehört Moabit ja zu Mitte, nur die wenigsten haben das auf dem Schirm. Vielmehr hat der Ortsteil ein schlechteres Image als Neukölln.“ Damals fuhr die gebürtige Leipzigerin bei strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Besichtigungstermin. „Als ich die Bude – komplett renovierungsbedürftig – gesehen habe, war es dunkel, Licht gab es noch nicht.“ Trotzdem ist sie eingezogen, irgendwie hat es zu ihr gepasst. Die eigene Handschrift statt Einbauküche – das sei ihr wichtig. „Die Wohnung hat Charakter und bietet viele Möglichkeiten, sich auszuleben. Mein Vater hatte damals einen alten Bauernhof gekauft. Ich bin mit Bauschutt und viel Nostalgie aufgewachsen“, lacht sie.

„Geschützt durch ein schlechtes Image“

Die neuen Kollegen des kleinen Start-ups denken, sie wohne am Arsch Berlins. „Der Ortsteil ist ein blinder Fleck im Zentrum von Berlin, besser gelegen als Neukölln, geschützt durch ein schlechtes Image“, so Lisa. Dabei könne Moabit durchaus glänzen: „Im Süden lockt das Spreeufer. Mittig findest du die Turmstraße, den Äquator Moabits mit seinen Schlaglöchern, der Intensität, dem Trubeltreiben. Dann gibt es die Markthalle, zahlreiche versteckte Cafés und natürlich auch Parks wie den Tiergarten und im Norden Rehberge. Ich kann hier Wochen verbringen. Manchmal ist das erschreckend, dann bekomme ich einen Moabit-Kollar.“ In solchen Fällen steigt Lisa aufs Fahrrad. „Ganz schnell flüchten“ nennt sie das.
Modisch schön daneben

Im Jahr 2006 fing Lisa mit dem Bloggen an, damit zählt sie zu den ersten deutschen Modebloggerinnen überhaupt. „In Moabit trägt man häufig schlechtes Rasierwasser, zu viel Haarspray und Leggings“, weiß sie. „Letztens habe ich einen Typen in einem weißen Trainingsanzug mit goldenen Streifen gesehen. Hier findet man noch die Ungezwungenheit, wir sind weit entfernt von der Uniformität.“ Generell würden das Unaufgehübschte, die modischen Fehlgriffe, die ganze Stadt ausmachen.

Lisa hat sich aus der Modeblogosphäre zurückgezogen. Zu wenig Ecken und Kanten, viel zu bekömmlich, nur nehmen anstatt zu geben: Die Motive der neuen Generation seien nicht mehr die, weswegen sie einst mit dem Bloggen begann. „Ich finde Blogger interessant, die noch polarisieren, die sich das ‚auf die Kacke hauen‘ noch trauen und den Finger in die Wunde der anderen Blogs legen“, erklärt Lisa.

Ihr eigener Weblog sei mehr zu einem Fototagebuch geworden, garniert mit gefühlsgetriebenen Gedanken und etwas Musik. Besonders die analoge Fotografie hat es ihr angetan. „Es gibt den Moment, da gibst du den Film ab, drei Tage später holst du ihn wieder ab und du siehst das Ergebnis deiner Erlebnisse.“

Die letzte Salzstange wandert in meinen Mund. Bosse singt schon lang nicht mehr. Es ist spät geworden, Zeit für den Rückweg. Nur Lisa, die bleibt noch.