Marlen Stahlhuth beeindruckt – mit ihrem Blog, toller Streetstyle-Fotografie, ihrer Arbeit für das Blonde Magazin sowie FashionDaily.TV, dem blonden Lockenkopf und ihrer sympathischen Art. Im Interview spricht die Berlinerin über die wachsende Blogosphäre, eigene und andere Styling-Unfälle und die neue Lässigkeit.

Marlen, du hast Modejournalismus/Medienkommunikation an der AMD Hamburg studiert, später hat es dich nach Berlin verschlagen. Wie viel Hansestadt steckt in der Hauptstadt?

Leider gar nicht so viel. Darum habe ich mir auch hier eine Wohnung am Landwehrkanal gesucht – so fühlt sich Berlin wenigstens etwas nach Hamburg an. Beide Städte sind die wohl coolsten in Deutschland und trotzdem schon sehr unterschiedlich. Ich finde, dass Berlin für junge Leute eine ganz gute Startmöglichkeit ist.

Du wohnst im Graefekiez, eine der schöneren Ecken der Hauptstadt. Wo kann man in Berlin am besten den Sommer verbringen?

Die Gegend am Maybachufer ist toll. Auch das Tempelhofer Feld kann da mithalten – das ist einer der besten Orte hier. Nirgends findet man so riesige weite Flächen. Und der Wind, der da weht, erinnert mich an Hamburg.

Wird Berlin als Modestadt unterschätzt?

In Deutschland ist das der Fall. Im Ausland wird Berlin dagegen etwas überschätzt. Ohne Zweifel: Die Hauptstadt hat Potenzial.

Blogger sind heute viel anerkannter als noch vor ein paar Jahren. Was hat sich deiner Meinung nach verändert?

Die Bloggerwelt wird immer größer, es gibt immer neue Blogs. Immer mehr Leute wollen mitreden. Man benötigt ja auch keine journalistische Ausbildung, um gut schreiben zu können oder um eine Nase für Themen zu haben. Ich glaube, die Entwicklung hält noch an. Besonders Modeblogs werden von mehr Leuten gelesen als die Vogue. Da ist es doch logisch, dass sich Redakteure sowie die Werbung an diesen Trend anpassen. Darum werden Blogs nicht mehr belächelt, sondern ernst genommen. Fakt ist aber auch: Es gibt noch unfassbare Unterschiede zwischen den ganzen Seiten.

Dein Blog heißt Paperboats, übersetzt also so viel wie Papierboote. Papierboote sind einfach gehalten, erinnern an Bastelversuche im Kindesalter. Dein Blog ist so ziemlich das Gegenteil: voll professionell. Warum also der Name?

Mein erster Blog hieß Vergissmeinnicht – die Namensgebung erfolgte sehr spontan. Im Ausland war der Titel schwer verständlich, man vergaß ihn ziemlich schnell. Irgendwann war die Zeit einfach reif für einen professionellen Blog. Sein neues Konzept sollte simpel gehalten werden, zudem sollte der Name als Logo funktionieren. Auf meinem Handgelenk habe ich ein kleines Boots tätowiert. Und so kam ich schließlich auf „paperboats“ – damit konnte ich mich identifizieren. Es hat einfach gepasst!

Wie lange hast du bis zum Launch an deinem Blog gewerkelt?

Insgesamt schon so ein dreiviertel Jahr. Zum Team gehören ein Grafiker und ein Programmierer. Da wir alle nebenbei noch richtigen Jobs nachgingen, haben wir uns lediglich ab und zu getroffen. Der richtige Prozess hat dann so zwei, drei Monate in Anspruch genommen.

Wie hat sich dein Modestil entwickelt?

Ich habe eine Weile bei COS gearbeitet. Schon verwunderlich, dass die mich überhaupt eingestellt haben: Zum Vorstellungsgespräch hatte ich ein Blümchenkleid, eine Strickmütze und irgendwelchen Seventeen-Stiefeln kombiniert. Da hat nichts zusammengepasst! COS war der erste Schritt.

Wie ging es weiter?

Durch mein Studium habe ich dann verschiedene Designer kennengelernt. Auch der Umzug nach Berlin hatte sicher Einfluss auf meinen Stil. Hier sind die ganzen Agenturen der Labels vertreten, Designerstücke gibt‘s vergünstigt. Auslandsreisen, Freunde und Blogs formen natürlich ebenfalls.  Aber so richtig habe ich meinen Modestil noch nicht gefunden, der Prozess dauert an.
Wie viel Lässigkeit verträgt Stil?

Ich persönlich laufe im Moment gern bequem-lässig durch die Gegend. Wenn ich die Wahl zwischen hohen Schuhen und Sneakern habe, gewinnen – ganz klar – die Turnschuhe. Da fühlt man sich doch gleich entspannter. Gerade in Berlin fällt man doch direkt auf, wenn man hohe Schuhe anhat. Das ist in anderen Städten anders. Als ich beispielsweise in Mailand war, fühlte ich mich auf meinen flachen Sohlen völlig fehl am Platz.

Du bist bekennende Hutliebhaberin, hast über vierzig Stück. Welches Teil darf in deinem Kleiderschrank auerdem nicht fehlen?

Ich habe ungefähr zehn Paar weiße Schuhe. Auch weiße Blusen, weiße T-Shirts, weiße Kleidchen und Rucksäcke: Clean chic dominiert meinen Kleiderschrank. Auch pastellfarbene Sachen, die nach Bonbon aussehen und nicht zu niedlich sind, finde ich toll.

Du läufst mit weißen Stiefeln durch Berlin. Mal ehrlich: Wie oft musst du Schuhe putzen?

Ich putz nie Schuhe! Ich trage sie solange, bis sie auseinander fallen. Wenn das der Fall ist, dann kaufe ich mir ein neues Paar. Und ich bügle auch nicht, weil ich einfach zu faul bin.

Kann Mode peinlich sein?

Früher fand ich alles peinlich, ich traute mich nichtmal ein Kleid zu tragen! Ich glaube, das ist eine Frage des Alters. Heute denke ich nämlich vollkommen anders und lasse mich auch nicht mehr verunsichern. Wer gucken will, der soll halt hinsehen. Sich modisch ausleben – klar! Aber es darf bitte nicht nuttig wirken. Peinlich ist Mode nämlich dann, wenn alles billig wirkt.

Vor deiner Linse standen schon Bonnie Strange, Lexy Hell und andere bekannte Namen. Was macht ein gutes Foto aus?

Wenn ich ein Magazin durchsehe, dann muss ich beim Anblick eines wirklich guten Fotos kurz inne halten. Dieser Moment zählt. Oft ist die Stimmung oder ein ausdruckstarkes Model, auf das es ankommt. So etwas zu erreichen, ist unglaublich schwer. Auch bei den Fotos, die ich selbst mache, bin ich extrem kritisch. Modefotos bleiben wenig in Erinnerung. Mein Ziel ist es, Dokumentarstrecken zu schießen. Ich finde, die sind erstens viel wichtiger und zweitens geben sie mir mehr. Es gibt tolle Strecken, die das ZEIT Magazin herausgebracht hat, an deren Bilder ich mich noch erinnern kann. Das geht mir bei Modestrecken eher seltener so.

Mal angenommen, du würdest gerade eben in einem Papierboot sitzen. Wohin treibt es dich als nächstes?

Am Wochenende fahre ich zur Fashion Week nach Tunesien. Ansonsten finde ich es ganz gut, so wie es gerade läuft. Nur Fotografie, nur MTV oder Viva, nur adidas – das wäre mir wirklich zu einseitig. Fashionweeks, Videointerviews, Festivals und Shootings: Von allem ein bisschen – der Mix gefällt mir.