Es ist noch nicht lange her, da saß ich in gemütlicher Runde am Frühstückstisch und plötzlich leuchtete sie unpassenderweise, frech am T-Shirt vorbei, direkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit; die eine von zwei Brüsten, sieht man von weiteren verdeckten, doch anwesenden Brustpaaren ab. Es ist nicht erwähnenswert, dass es die rechte meiner eigenen Brüste war, bzw. die linke aus der anderen Perspektive. Aber ja, sie war da, unübersehbar und auf geradezu charmante Weise provokant, eine Charaktereigenschaft die den runden Dingern eigen ist.

Alles weitere Gekicher darf sich jeder an dieser Stelle frei nach Lust und Laune selbst ausspinnen, doch ehrlich gesagt war es halb so aufregend, wie erwartet. Theoretisch blieb die Nacktheit jedoch an unserem Tisch kleben. Vielleicht lag es auch an der Hitze der letzten Wochen, die das Thema unumgänglich zu machen schien.

Verwunderlicherweise bringt mich das Thema immer noch in eine gewisse Verlegenheit. Bei all den Brüsten, die mir tagtäglich von riesigen Werbetafeln zuzwinkern, sollte ich doch von einer befangenen Meinung zum Thema Nacktheit geheilt sein und wenn ich an dieser Stelle von mir spreche, so meine ich mich als Repräsentant der Generation Y; denn einige unwissenschaftliche doch nicht zu unterschätzende empirische Feldforschungen haben ergeben, dass ich erstens nicht die Verklemmteste bin, wobei das nichts zur Sache tut und zweitens eine allgemeine Unsicherheit bzw. Verlegenheit bei tatsächlich nackter Haut, außerhalb des eigenen düsteren Schlafzimmers auftritt.

Wie kann das sein, wo wir uns den ganzen Tag von aufreizenden Bildern zum Kaufen animieren lassen, müsste sich doch eine gewisse Normalisierung eingeschlichen haben. Gut, es ist sicher ein Unterschied, ob man Freunde oder Fremde ohne jegliche Bekleidung herumtollen sieht, doch was spricht gegen eine Entsexualisierung der Nacktheit im eigenen Freundeskreis, in der eigenen WG? Da wir doch sowieso an den Anblick nackter Körper gewöhnt sind, könnten wir doch den eigenen naturalisieren im Sinne davon, dass wir ein natürliches Verhältnis zu ihm aufbauen und der Angst wir könnten mit den Modellen auf der Straße nicht mithalten, die Show stehlen.

„Das wäre doch langweilig, wenn ich alle nackt kenne. Wo bleibt da die Spannung, wenn du das erste Mal eine Person ausziehst und den Körper den du vorher nur erahnen konntest, enthüllst. Liegt darin nicht die Lust?“ Ein Argument das ich einsehe, doch habe ich so einiges dagegen zu halten, denn zum einen kennt jeder die goldene WG-Regel, die bei der es darum geht, dass man weder angezogen noch nackt Körperflüssigkeiten mit seinen Mitbewohnern austauscht, denn Vorsicht ist besser als Nachsicht oder so ähnlich, am Ende ist immer einer eifersüchtig.

Wie auch immer, gerade dieses Argument spräche für mehr Nacktheit in Wohngemeinschaften, da, wie aus dem obigen Zitat ersichtlich wird, genau damit der Prozess der Naturalisierung gefördert würde. Unter uns gesagt, würde ich aber gerade so offenen WGs hier und da mal eine Orgie andichten, ich meine wer von euch würde das nicht? Wenn man schon nackt ist. Genau darin liegt die Widersprüchlichkeit der Nacktheit, ist sie allseits gegenwärtig, übersexualisiert sie, ist sie in Kleidung und Tücher gehüllt so steigt die Spannung , der Reiz sie zu erkunden und trotzdem ist nicht jeder Körper an jedem Ort ein Sexobjekt.

Ich für meine Wenigkeit plädiere genau deshalb für mehr Nacktheit in unserer Gesellschaft, vielleicht aus purer Freude, unter anderem aber auch aus der Überzeugung, dass es die Zweifel an der Schönheit des eigenen Körpers beheben könnte.

Nun reißt euch die Kleider vom Leib, ein Hoch auf den heißen Sommer!