Charlotte Roches schnoddriger Roman über trübe Körperflüssigkeiten hat es auf die Kinoleinwand geschafft. Autorin Anne Juliane hat sich die Verfilmung mal angesehen – und versteht die Aufregung nicht.

Ich merke nichts, dann sehe ich das zarte Rot. Beobachte, wie es schnell an Intensität gewinnt und zu einem immer größer werdenden Tropfen wird, der sich allmählich einen Weg zu den Badfliesen sucht. Autsch und verdammt. Scheiß Ladyshaven! Ich krame nach Kosmetiktüchern und presse ein weißes Knäuel sieben Zentimeter über meine Ferse. Action-Painting at its best. Jackson Pollock kann mich mal. Und nicht nur der! Ich habe Wut. Wut auf Ole. Der ist Schwede, auch Erasmus- Student, Bartträger und sowieso unglaublich gut aussehend. Ole wird in knapp einer Stunde an meine Tür klopfen, bestenfalls mit Sixpack unterm Shirt und dem Heineken-Sechser in der Hand. Dieser Jackpot hat nur einen winzigen Haken: Jungs mögen Mädchen, deren Beine sich nach Delfin anfühlen – zumindest versichert das die Werbeindustrie glaubhaft. TV-Spots und Magazine drangsalieren uns mit dem Verdacht, Körper seien Problemzonen und müssten geduscht, gecremt, parfümiert und vor allem rasiert werden.
Klartext über Trübes

Mit höchster Konzentration beende ich mein Werk und erfreue mich an meiner Babyhaut. Wie gut, denke ich, dass nur dieses namenlose Körperteil über der Ferse in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wie gut, dass die Rasierklinge nicht mehr versaut hat. Wie gut, dass Ole diese winzige Schnittverletzung dann sicher nicht einmal wahrnehmen wird. Arme Helen Memel! Denn die hatte wesentlich mehr Pech:

Eines Morgens missglückte ihr nämlich die Intimrasur. Mit Blut besudelt landete ihr Einwegrasierer auf dem Boden – und Helen mit einem sehr wunden Po im Krankenhaus. „Analfissur“, so lautete dort die Diagnose der Mediziner – und damit beginnt Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“. Der schnoddrige Klartext über trübe Körperflüssigkeiten, der sich allein hierzulande 2,5 Millionen Mal verkaufte, lässt derzeit die Kinokassen klingen. Alle wollen Helens kaputten Hintern sehen.

Mal ganz unmädchenhaft

Hauptprotagonistin Helen Memel hat längst kapiert, dass Gott nichts richten kann. Auf die eigenen Hände aber ist Verlass. Mit dem ausgestreckten Mittelfinger provoziert die 18-Jährige oft und gern. Mit den restlichen Fingern besorgt sie es sich – und diversen Männern. Mit ordentlich Promille und diversen anderen Mittelchen intus rauscht sie auf dem Longboard durch die Berliner U-Bahn. Helen streift durch die Hauptstadt, hangelt sich von Club zu Klo. Am Ende der Nacht wird ordentlich gekotzt, das Kinn landet auf der versifften WC-Brille. Hygiene spielt bei Helen ja eh nur eine Nebenrolle.

Auch die Sache mit der Analfissur wirft Helen nicht wirklich aus der Bahn. Vor und nach ihrer Operation erzählt sie dem durchaus hübschen Pfleger Robin vom Geschlechtsverkehr mit Männern sowie Frauen und von der Masturbation mit diversen Obst- und Gemüsesorten. Alles besser als unbefriedigt! Scham kennt die Hauptstadtgöre nicht. Ganz unmädchenhaft spricht sie aus, was andere nicht einmal zu denken wagen. Damit eckt Helen an, auch weil sie ohne falsche Ausschmückungen redet und mit Weisheiten nur so um sich ballert: „Wenn man Schwänze, Sperma und andere Körperflüssigkeiten ekelhaft findet, kann man es mit dem Sex auch direkt bleiben lassen.“ Stimmt genau.

Rebellion aus der Not

Korrekt ist auch: Es ist bequemer, ein nettes sauberes Mädchen zu lieben und zu akzeptieren. Das berichtete Schauspielerin Carla Juri, die die Rebellin verkörpert, einst in einem Interview. Juri meint: Helens ständige Provokation hat Grund. Die Rebellion kommt aus der Not. So hat Helen den missglückten Selbstmordversuch der Mutter, die den jüngeren Bruder mit in den Tod genommen hätte, nie richtig verarbeitet. Auch beim Vater findet sie keinen Halt, der ist selbst ein Kindskopf geblieben.
Dass sich eine bescheuerte Kindheit nicht wegficken lässt, hat Fräulein Memel immerhin eingesehen. Nur die Hoffnung, dass sich die getrennt lebenden Erzeuger durch ihre Hintern-OP am Krankenhausbett wieder vereinen, treibt Helen an.

Hingehen, gucken

„Feuchtgebiete“ sind 109 Minuten, in denen nackte Haut, Brüste und Penisse zu sehen sind. Melodisch untermalt von der kanadischen Electroclash-Sängerin Peaches und den Rockern von Canned Heat. Würgereiz-Potenzial? Iwo. Liebe Kritiker, jetzt macht mal halblang! Pervers ist hier wenig. Vielmehr wird gezeigt, dass Fantasie besser ist als Blümchensex. Dass Körper eben nicht immer schön anzugucken sind. Und natürlich, dass Frauen keine Delfine sind.