Herzschmerz, Zickenkriege, große Liebe: Die spannendsten Geschichten schreibt das eigene Leben. Durch Aufschreiben werden sie konserviert. In Diary Slams öffnen Mutige ihre Tagebücher und lesen daraus vor. Autorin Anita wollte mehr über den Trend herausfinden und suchte kurzerhand selbst ihre alten Tagebücher heraus.

„Heute habe ich meine große Liebe wieder gesehen. Ich liebe ihn soooo sehr. Seit er in der Pausenhalle neben mir gestanden ist, kann ich mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Ich muss endlich rausfinden, wie er heißt!“

Solche und ähnliche Sätze werden in privaten Momenten geschrieben. Wenn man als Teenager alleine ist mit dem Büchlein, das mehr über einen selbst weiß als jeder andere Mensch. Streit mit der besten Freundin, Peinlichkeiten im turbulenten Leben von Pubertierenden, unglaublicher Liebeskummer, wenn sich der Schwarm nicht für einen interessiert: all das wird dem Tagebuch anvertraut, und nur dem Tagebuch!

Der kleine Ausschnitt hat es herausgeschafft aus den Tiefen der geheimen Aufzeichnungen. Auf diese Worte wird reagiert, mit Lachen, „Och wie süß“-Getuschel und verklärten Blicken. Sie sind die Protagonisten eines ganz besonderen Abends, zusammen mit anderen Tagebuchfetzen von Menschen, die ihre einstigen Geheimnisse Jahre danach der Öffentlichkeit präsentieren. Gelegenheit dazu gibt es bei Diary Slams. Die funktionieren wie Poetry Slams – nur, dass die Kandidaten statt aus extra dafür geschriebenen Texten aus ihren Tagebüchern vorlesen. Am Ende wird abgestimmt, welcher Tagebucheintrag die Zuhörer am meisten begeistert hat. Und das, obwohl er eigentlich geschrieben wurde, um nie von jemandem gehört zu werden.

Was treibt einen Menschen dazu, sich in gewisser Weise innerlich nackt Jugenderinnerungen vorlesend in einem vollbesetzten Café auf eine Bühne zu stellen? Das möchte ich herausfinden. Ich habe meine Tagebücher aus der Schublade gekramt und stelle mich dem Publikum. Werden meine Einträge überhaupt Emotionen hervorrufen? Immerhin war niemand in den Situationen dabei, über die ich geschrieben habe.

Ich sitze in München im proppenvollen Café voller neugieriger Zuhörer. Mein Vor-Leser ist gerade zu seinem Platz zurück applaudiert worden. Die Aufregung steigt. Ich kann meine Hände schon nicht mehr stillhalten und überfliege die Passagen, die ich ausgewählt habe, noch ein letztes Mal. Warum tue ich mir das an? Mittlerweile bin ich von meiner grandiosen Idee, hier vorzulesen, so gar nicht mehr überzeugt. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Gespannte Gesichter sehen mich an, als ich auf dem Stuhl Platz nehme und das Mikrophon zurechtrücke. Ein schüchterner Blick ins Publikum. Die Haare nervös aus dem Gesicht streichen. Kurz lächeln. Dann los. Ich lese aus der Zeit vor, als ich 18 war. Die erschien mir zuhause beim Auswählen turbulent genug für diese Bühne, mittlerweile sogar viel zu turbulent! Es geht um einen Jungen, in den ich unglücklich verliebt war. Mit zitternder Stimme erzähle ich von einem ganz privaten Abend. Und siehe da: Das Publikum amüsiert sich köstlich über meinen Liebeskummer. Allein dass ich Reaktionen bekomme, macht mich mutiger. Die Worte finden nun viel leichter aus meinem Mund. Die Leute lachen und schlagen sich die Hand vor dem Mund, sehen sich amüsiert an und dann wieder mitleidig zu mir.

All das merke ich nur gefiltert, da ich mich nicht oft überwinden kann, meinen Blick von den Seiten zu lösen. Merkwürdigerweise fühle ich mich gar nicht so allein hier oben: mein Tagebuch, das mir viele Jahre neben meinen Freundinnen als treuester Zuhörer zur Seite stand, ist ja bei mir. Vielleicht hätte ich es schon viel früher aus der Schublade holen und darin lesen sollen! Nie hätte ich gedacht, dass mein jugendlicher Herzschmerz einmal der allgemeinen Unterhaltung dienen würde. Zugegebenermaßen etwas stolz über meine eigene Überwindung räume ich schließlich die Bühne – nicht, ohne noch eine Zugabe zu geben.

Meike und Gabi Gerlach veranstalten seit eineinhalb Jahren regelmäßig Tagebuch-Abende in München. „Das Tolle ist: Jeder Abend ist anders, auch wenn es bei uns einige Stammleser und -hörer gibt“, erzählt Gabi. Sie ist fasziniert von diesen Veranstaltungen und davon, wie viele jedes Mal kommen, um Geschichten aus dem Leben fremder Menschen zu hören. „Das Überschreiten der eigenen Schamgrenze und das Überwinden der Nervosität sind eine Herausforderung!“,  findet Meike. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb lesen sie und ihre Schwester noch immer jedes Mal selbst vor.  Studentinnen, Hausfrauen in den Vierzigern, Büroangestellte, Rentner: Die Vorleser erstrecken sich quer durch die GesellschaftWas Gabi besonders beeindruckt? „In die Welten wildfremder Menschen einzutauchen und dabei doch immer wieder auch ein Stück von sich selbst zu erkennen.“

Was der Abend lehrt: Als Teenager hatten scheinbar alle ähnliche Probleme. Was eine jetzt Mittzwanzigerin vorliest ähnelt überraschend den Erzählungen einer Überachtzigjährigen: auch sie hatte in ihrer Jugend einen regelrechten Männerverschleiß, komplizierte Halb-Beziehungen und Entscheidungsschwierigkeiten. Und als ein Mann von den heimlichen Bemühungen, seine Angebetete auf sich aufmerksam zu machen erzählt, fühlt man sich selbst ertappt.

Worin wurzelt der Drang, Privates der Öffentlichkeit preiszugeben? Das Verständnis von „privat“ hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Dank sozialer Netzwerke und Datensammlerei im Internet bleibt viel weniger tatsächlich privat und geheim – gewollt und ungewollt. Manche nutzen Facebook regelrecht als öffentliches Tagebuch und lassen ihre sogenannten Freunde an jedem Schritt ihres Lebens teilhaben. Sein Innerstes nach außen kehren – in der heutigen Gesellschaft also gar nicht mehr ungewöhnlich. Dem Format Diary Slam haftet trotzdem eine weitreichendere Intimität an. Im Gegensatz zur Selbstinszenierung, wie sie online meist bewusst vorgenommen wird, finden den Weg ins Tagebuch ehrliche Gedanken. „Tagebuchschreiben ist etwas, das man nur für sich alleine macht, um sich zu erleichtern oder besser zu verstehen“, sagt Slam-Veranstalterin Gabi. Dieser Meinung ist Meike:  „In einem Tagebuch, das eigentlich nicht in die Öffentlichkeit drängt, wird alles ungeschliffen aufgeschrieben, unzensiert und unreflektiert in Bezug auf die Außenwirkung.“

Vielleicht macht gerade das den Reiz dieser Veranstaltungen aus: Unverfälschte Gefühle zu hören, nichts Inszeniertes. Dass es für die Öffentlichkeit sehr unterhaltsam sein kann, privaten Erlebnissen unbekannter Menschen zu lauschen, haben nicht nur Gabi und Meike erkannt: Diary Slams gibt es auch in Berlin, Hamburg und vielen anderen Städten.