Zimmergröße: 23 Quadratmeter, frei ab erstem November, Gesamtmiete 400 Euro. Gesucht wird:  „Mann oder Frau zwischen 18 und 97 Jahren, Rauchen nicht erwünscht. Dank großem Wohnzimmer gibt es oft Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen. Alles kann, nichts muss. Manchmal sind wir oft daheim, manchmal oft weg. Natürlich keine Zweck-WG.“ So lautet der Text  der gefühlt tausendsten Anzeige, der ich auf der Suche nach Wohnraum in Berlin im Internetdschungel begegne.

Gerade zum Semesterbeginn ist die Lage besonders angespannt. Berlin ist eben angesagt und Wohnungen sind rar und teuer. Ungefähr 1600 Studenten warten zur Zeit beim Berliner Studentenwerk auf einen Wohnheimplatz. Nur 6,65 Prozent von ihnen werden einen Platz bekommen. Der Rest muss in WGs unterkommen. Da der Andrang hoch ist, sind die Vermieter verwöhnt.  
Von Freunden und aus den Medien hört man die kuriosesten Geschichten, WG-Castings haben den Charakter von Castingshows wie DSDS angenommen. Aber wie schwer ist es wirklich, einen Platz in einer Wohngemeinschaft zu bekommen? Ich habe mich zu Beginn des Wintersemesters in Berlin auf die Suche begeben.

Meine Suche beginnt in einem Web-Portal. Uninah sollen sie sein, am besten auch irgendwie zentral gelegen und natürlich Altbau. Klick. Suchen. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Manche Zimmer kosten bis zu 500 Euro, sind oft nicht größer als zwölf Quadratmeter, unbezahlbar für einen Studenten. Oft werden Bewerbungen mit Foto verlangt. „Schreib uns irgendwas Persönliches über dich, was ist das Lieblingsessen deiner Mutter“, steht in einem Inserat. Ich fühle mich an eine Partneragentur erinnert. Dabei will ich doch nur wohnen, nicht heiraten.

Schließlich steht mein erstes WG-Casting an. Neubau in der Nähe des Potsdamer Platzes, klingt schonmal nicht schlecht. Paul macht mir auf. Er ist dreißig Jahre alt, Informatikstudent und Kickboxer. Aus dem Hintergrund höre ich ein Stimmengewirr. „Wir haben gerade parallel zwei Bewerber per Skype, deswegen führe ich dich erstmal rum und dann macht Annika mit dir weiter“, erklärt er.

Um die fünfzig Leute hätten sich innerhalb von drei Tagen auf die Annonce gemeldet, sagt er. Mein zukünftiges Zimmer hat eine niedrige Decke und ein kleines Fenster in den Hof. Der Boden ist mit Laminat ausgelegt, an der Wand stehen eine Matraze und vor dem Fenster ein Schreibtisch mit Computer, auf dem so ziemlich alles gestapelt ist, was nicht auf dem Boden herumliegt. „Das ist sozusagen dein Zimmer, das ist alles noch mein Zeug. Das kommt dann noch raus“, sagt Paul.

Dreihundert Euro soll die Miete kosten, mehr kann man dafür auch nicht verlangen. Durch einen Türspalt sehe ich das Gesicht einer Konkurrentin auf dem Bildschrim flackern, dazu etwas verzögert und blechern ihre Stimme. Dann werde ich Annika und Ahn vorgestellt, meinen potenziellen Mitbewohnern. Wir gehen in das Wohnzimmer, das auch gleichzeitig von Annika bewohnt wird. Ob das eine gute Idee ist, wissen die Bewohner noch nicht. Die WG wurde erst vor zwei Monaten gegründet. Ich bekomme ein Glas Wasser angeboten. Dann folgt die obligatorische Vorstellungsrunde. Annika studiert Informationswissenschaften und schwört auf die englische Bibliothek in der Nähe. Ahn sagt nicht viel über sich, er lächelt nur nett. Auch ich stelle mich vor „Wie ist das bei dir so mit Feiern?“, fragt mich Annika vorsichtig, „Naja, weil es wäre jetzt schon irgendwie blöd, wenn jetzt hier jemand einziehen würde, der das ganze Wochenende Party macht“, fügt sie hinzu. Natürlich mache sie auch Party, nur nicht jedes Wochenende eben. Dann kommt Paul zurück, Annika übernimmt Skype. Ich erzähle dasselbe nochmal, Ahn sitzt immer noch da und lächelt, es scheint ihn auch beim zweiten Mal nicht zu langweilen. „Wir melden uns dann“, sagen die drei, als sie mich zur Tür begleiten. Beim Hinausgehen wird mir noch einmal die Raucherecke im Treppenhaus gezeigt. Dass ich nicht rauche, müsste ich eigentlich gesagt haben. Die Absage kommt eine Woche später per Mail: „Du warst uns echt sehr sympathisch, aber leider haben wir uns dann doch für einen anderen Kandidaten entschieden.“

Auf zum nächsten Casting. Gründerzeitvilla in Dahlem, nur ein paar Kilometer zur Uni. Florian öffnet mir. In der dunklen Eingangshalle hängen Geweihe und Wappen  an den Wänden, es stinkt nach Rauch. Die elf Männer in der Anzeige hätten mich eigentlich gleich stutzig machen sollen. Richtig: Es handelt sich hier um eine sogenannte katholische Studentenverbindung. Im Wohnzimmer sitzt auch schon ein Polohemdenträger mit einem Bierglas, es ist etwa 15 Uhr am Nachmittag.

Florian führt mich durchs Haus. Im Garten stehen Bierbänke. Es gibt sogar eine Bar, die Wände sind mit Kiefernstämmen ausgekleidet. Am Tresen hängt ein Minentelefon. „Das haben wir hier, weil das ja schon manchmal rumfliegt, das muss halt mehr aushalten, als ein normales Telefon“, erläutert Florian.

Er will mir etwas zu trinken anbieten und überspielt die Enttäuschung, dass ich nur Wasser nehme, ganz gut. Wir gehen in den Keller, wo sich mein zukünftiges Zimmer befinden soll. Auf der Treppe schlägt mir ein muffiger Geruch entgegen, der irgendwie an Jugendherberge erinnert. Die Gemeinschaftsduschen im Flur irgendwie auch. Und das dunkle Souterrainzimmer mit Teppichboden irgendwie auch.

„Du würdest erstmal das Zimmer kriegen und wenn du der Verbindung beigetreten bist, dann irgendwann auch eins oben“, erklärt mir Florian, als wir danach in den abgewetzten Ledersofas im Salon sitzen. Julius, auch Mitglied der Studentenverbindung, sitzt mir mit seiner Freundin gegenüber und stellt Fragen, die er sich auf einer Liste ausgedruckt hat: „Wer ist die wichtigste Person in deinem Leben?“, „Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“, „Bist du eher der Katzen oder Hundetyp?“. Ich lasse das Kreuzverhör über mich ergehen. „Wir melden uns dann“, höre ich wieder zur Verabschiedung. Offenbar bin ich nicht der Burschenschaftstyp, ich bekomme nicht einmal eine Antwort.

Es ist mittlerweile Anfang Oktober, das Semester hat begonnen, Wohnungen sind Mangelware. Ich versuche es noch ein letztes Mal. Diesmal bei einer WG in Tempelhof; Marlene schreibt gleich am nächsten Tag, ich solle einfach vorbeikommen. Sie zieht aus und sucht einen Nachfolger, der sich mit ihrer Mitbewohnerin die Wohung im dritten Stock eines Mehrfamilienhaus teilt. Das Zimmer, das später meins sein soll, ist zur Zeit stark auf Ostsee getrimmt. Eine Wand ist dunkelblau, auf der Schrankwand türmen sich weiß-blaue Leuchttürme, Robbenfiguren und Rettungsringe.

Leider gehören Marlene die gesamte Küche und eigentlich die meisten Möbel der Wohnung. Die werden dann mit ihr ausziehen. Wir sitzen auf der Ikea-Couch im Wohnzimmer, ich bekomme Gummibächen angeboten. Hier ist man nicht ganz so routiniert im WG-Casting, die Fragen  nach Hobbys und Musikgeschmack sind schnell beantwortet.

„Gestern habe ich die Anzeige reingestellt und von den 25 Bewerbern haben wir etwa vier eingeladen“, berichtet Marlene. Ihre Mitbewohnerin macht noch ein Foto von mir. „Damit ich dich zuordnen kann“, sagt sie. Es grenzt ja auch ans Unmögliche, vier Bewerber ohne Foto im Kopf zu behalten. „Wir melden uns dann am Dienstag bei dir“.  Dienstag, vier Bewerber – immerhin etwas Konkretes. Im Treppenhaus angekommen, in dem es nach Kohlsuppe riecht, fühle ich mich, als hätte ich schon eine Zusage bekommen. Dass mich die zwölf Quadratmeter fast 400 Euro Miete im Monat kosten sollen, habe ich schon vollkommen vergessen.