Wir ergreifen kaum noch die Initiative, viel lieber schlucken wir Ärger kommentarlos runter. Dabei gibt es doch genug Grund für Aufstand: Hier ein Skandal, da Unrecht. Doch das Beschweren ist anstrengend.

„Prism“ – ein Wort, das wohl niemand mehr gerne liest. Lieber wird munter weitergescrollt, Fotobeitrage und Musikvideos sind doch viel unterhaltsamer. Kurzum: Der Skandal, der eigentlich jeden Nutzer von Telekommunikation beschaftigen müsste, wird beiseite gekehrt. Dieses „Prism“ nervt eher, als dass es empört.

Unsere allzeit vernetzte Smartphone-Generation wird von Informationen geradezu überschüttet. Dem medialen Overkill halt kein Gehirn auf Dauer stand. Und trotzdem lassen wir die Informationsflut freiwillig über uns ergehen. Weil wir ja nichts verpassen wollen! Doch führt genau das zu neuen Problemen: Da wir in kürzester Zeit immer mehr Informationen prasentiert bekommen, wird es immer schwieriger zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu entscheiden. Noch aufwendiger ist dann die Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen – dazu gehört, mehrere Quelle heranzuziehen, sich eigene weiterführende Gedanken zu machen, sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Eine Person, die diesen Weg geht, wird sich namlich nicht mehr zurücklehnen, sondern wird das tun, was heutzutage viel zu selten getan wird: Sie wird sich für eine Sache engagieren! Und Engagement beginnt schon, wenn man Erkenntnisse und Wissen mit anderen Personen teilt.

Meinung wird Einheitsbrei

Es ist langst nicht damit getan, dass man alle vier Jahre seine politische Meinung per Kreuzchen ausdrückt. Warum findet Empörung hauptsachlich nur noch über Kommentarfunktionen von Zeitungen oder anderen Medien statt? Warum gibt es das Recht auf Versammlung, wenn wir davon nicht Gebrauch machen, indem wir beispielsweise Demonstrationen organisieren? Die Antwort ist recht einfach: Bequemlichkeit, Verdrossenheit, dazu das Gefühl von Wirkungslosigkeit, auch Unwissenheit und – nicht zu unterschätzen, aber keine Entschuldigung – Zeitmangel.

Wenn man junge Menschen wahrend ihrer schulischen Laufbahn durch immer höhere Lernansprüche überfordert, dann fördert das sicherlich nicht gerade das eigenständige Denken. Meinung wird so zum Einheitsbrei.

Leistung auf Knopfdruck

In Schulen wird menschlicher Umgang gelernt. Empathie, Toleranz und Hilfsbereitschaft – alles wichtige soziale Kompetenzen – werden geprägt. Wenn sich jedoch Unterrichtsinhalte auf blankes Faktenwissen beschränken, dann bleibt Sozialkompetenz auf der Strecke. Das ist mehr als schade, denn fest steht: Jeder Mensch braucht Bildung und die Möglichkeit das soziale Miteinander – auch außerhalb der Familie – zu erlernen und zu praktizieren. Nur durch diese Komponenten können sich Individuen frei entfalten – und was ist stärker, als eine Gesellschaft aus gebildeten Individuen?

Leider bleibt dieses Idealbild von Schule eine Utopie. Alles was zählt, ist abfragbares Wissen. Eben Leistung auf Knopfruck, damit sich Schüler nach abgeschlossener Hochschullaufbahn nahtlos in das funktionierende System einfügen. Diese falsche Ausrichtung von Schule und auch Job führt dazu, dass Jugendliche und Erwachsene von morgens bis abends lediglich mit „ihren Aufgaben“ beschäftigt sind. Aufraffen, sich in gesellschaftliche Themen einbringen? Nö. Der Griff zur Fernbedienung ist um vieles verlockender.

Bequemlichkeit als Armutszeugnis

Die Öffentlichkeit ist in einer Demokratie das größte Druckmittel. Gut organisierte Demonstrationen sind auch medial ein Highlight und setzen Politiker mehr unter Druck als jede Petition. Doch Empörung ist anstrengend. Und so ist die weit verbreitete Bequemlichkeit ein echtes Armutszeugnis.

Bequemlichkeit hat wiederum viel mit politischen Entscheidungen zu tun: Politik geschieht heutzutage oft mit dem Anspruch der Optimierung. Wachstum, Wachstum, Wachstum. Was fehlt, ist Kreativität zur Veränderung von Politik dahingehend, dass es doch vor allem um ein gutes soziales und kulturelles Miteinander gehen sollte. Leider gibt es keine Lobby für Glück. Geld ist nicht alles. Uns geht es gut, zumindest den meisten. Elend wird geschickt ausgelagert, die wirklich unmenschlichen Dinge passieren weiter entfernt.

Empört euch!

Zu oft denkt man, als Einzelner könne man nichts verandern. Doch auch das hat uns die Geschichte gezeigt: Wirkmachtigkeit entsteht aus Einzelnen, Masse kann dann einiges bewegen. Es gilt also die Kommunikation wieder zu stärken, Bequemlichkeit zu überwinden und den direkten Kontakt zu suchen. Einmischen, Gleichgesinnte finden und sich empören. Ja, es geht noch besser!

Der erst kürzlich verstorbene Resistance-Kampfer Stephane Hessel fasst es in seinem Aufruf „Empört Euch!“ großartig zusammen: „Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: ›Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.‹ Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören, und das Engagement, das daraus folgt.“