Dieses Bild lügt!

„Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war“, schrieb Mark Twain irgendwann im späten 19. Jahrhundert und schaffte es damit in so viele Aphorismensammlungen, dass an der Sache wohl oder übel was dran gewesen sein muss. Inzwischen sind die Dinge anders geworden. Zu warm ist es eigentlich seit Jahren, und zwar überall. Schuld tragen die Erdenbürger, aber auch Kühe und Kälber werden seit einiger Zeit zur Verantwortung gezogen. Es lässt sich tatsächlich kaum leugnen: das Wetter spinnt. Was viele aber vergessen oder nicht wissen, ist, dass der sogenannte Klimawandel nicht bedeutet, dass es immer nur noch warm ist und bleibt. Was uns hier seit Ende letzten Jahres widerfährt, ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, dass manchmal auch alles in die entgegengesetzte Richtung schief laufen kann.

Im Winter war es kalt, feucht-kalt, so kalt, dass es fies überall reinzog und das einzige Mittel, sich dieses Grauses zu erwehren, ein Ganzkörperanzug aus Fleece war – Globetrotter dürfte da sehr auf seine Kosten gekommen sein. Auch spezielle Schuhe, die schon recht nah an eine professionelle Ausrüstung zur Gletscherbesteigung herankamen, fanden ihre Abnehmer. Kein Wunder – bei all dem ewig überfrierenden Matsch wähnte man sich bisweilen in einer der alpinen Gefahrenzonen, die diese Welt (noch) zu bieten hat.
Als die Pein im März schließlich allmählich zu einem Ende kam, gab es einen richtig schönen Frühling. Es war warm, die Vögel zwitscherten aufgeregt um die Wette, wie sich das für diese Zeit gehört, und man konnte erste weiße Uhren-Abdrücke auf der sonst gebräunten Haut erkennen. Wo Twain für dieses Jahr daneben lag, konnte Möricke umso mehr punkten. So weit, so gut.
Dann begannen die Ferien, Zeit des Glücks und der Erholung, des Badens und Eisschleckens, der Sorglosigkeit, aber auch: der schwitzigen Achseln, klebenden Kleidungsstücke und müffelnden Verkehrsmittel. Doch selbst diese sonst so gehasste Tortur war uns in diesem Jahr nicht vergönnt. Denn ziemlich genau dann, als man ihn am dringendsten brauchte, hat sich der Sommer einfach verpisst. Was böse klingt, trifft die Sache ziemlich gut – statt blauem Himmel und Sonnenschein schüttete es wie aus Kübeln, manch einer hat vermutlich schon sein Boot gezimmert und die Tiere zusammengesucht, aufs Schlimmste gefasst.

Auch der Festivalmensch litt erbärmlich. Es gab nämlich nicht nur feinen, aber äußerst effektiven Nieselregen, sondern auch Temperaturen, die verdächtig an November erinnerten: über elf Grad konnte man sich plötzlich freuen und endlich einmal zeigte sich, was die ganze Campingausrüstung taugt, wenn die Probleme akut werden. Offenbar nicht allzu viel – dort, wo wir uns tummelten, ließen sich durch den dichten Nebel hindurch große Menschenmengen erkennen, die schmatzend gen Ausgang irrten. Irgendwann hatte das Wetter uns so weit, dass ein Minimum genügte, um Freude zu bereiten: „Oh, sieh einmal da, hoch oben, hängt ein Fitzelchen blauer Himmel!“ - Ja, man passte sich an, hatte eine Erwartungshaltung, die so niedrig war, dass man‘s schon zufrieden sein wollte, wenn sich überhaupt Konturen am Himmel erkennen ließen. Und man stimmte sich allmählich auf den Herbst ein. Teekochen, backen, basteln, Hörspiele hören – all diese schönen Dinge, sie kehrten in unseren Alltag zurück, nur eben ein wenig früher als sonst. Und gerade, als man sich arrangiert hatte und sich in Brauntönen, Gamaschen und Mützen wieder wohl fühlte, kehrte er zurück. Unverhofft, fidel, vital und rotzfrech mit geballten 28 Grad, die einem zuallererst einmal Kopfschmerzen bereiteten. Ein jeder schleppt sich seitdem, der Kreislauf will nicht mehr, die Sonne, nach der man seit Wochen suchte – sie nervt nun. And now? Wir sind ratlos, die Tipps sind uns angesichts der vielen Wetterwechsel, die Körper und Gemüt ertragen mussten, ausgegangen. Das einzig Gute ist: Man ist nun gelassen, es kann kommen was will.