Praktika können manchmal den Weg ins Berufsleben ebnen. Aber eben nur manchmal. Autorin Juliane berichtet über zwei Wochen, in denen sie erfuhr, wie Wasserknappheit zu Geld, Geld zur Maschine, zum Arbeitsplatz, zur gesellschaftlichen Groteske wird. Oder so ähnlich.

Ich hätte sehr gerne ein Praktikum bei der taz gemacht, doch das klappte nicht ganz. Ich habe sieben Jahre lang studiert und künftige Unentgeltlichkeiten indoktriniert bekommen, bin zeitlich, räumlich und moralisch unsagbar flexibel. Dazu noch abartig motiviert, ehrenamtlich total engagiert, unvorstellbar dynamisch, im Besitz einer Millionen Referenzen und eines in Zukunftsangst begründeten Masochismus. Fünf Praktika reichen für eine befristete Anstellung nicht? Kein Problem.
Und siehe da: eine internationale interkulturelle und interreligiöse Einrichtung auf der Suche nach willigen „irgendwas mit Medien“-Girls.

„Sollten wir uns für Sie entscheiden, lässt sich auch über eine Übernahme sprechen. Irgendwann muss dieser Praktikums-Wahnsinn ja aufhören.“ Beeindruckt von generösem Scharfsinn, wie ihn der Theologe, der jetzt doch lieber die Yacht mit den beiden Mädels im Goldkettchen-Arm hätte, an den Tag legt, lodert meine Hoffnung in eine Wirklichkeit von öffentlichen Bewerbungsverfahren und einer bezahlbaren Zukunft auf.

Unter der Registerkarte meiner eigenen Unkenntnis verbuche ich den Fakt, dass man im „Co-working space“ des Vereins – also der Wohnung des Chefs – nur via Skype-Chat kommuniziert und sich die Sex-Stories seines 13-jährigen Sohnes anhören muss. Doch ungetrübten Pflichtbewusstseins hole ich am ersten Arbeitstag um 8 Uhr „Geschäftsleute“ vom Flughafen ab. Den Lachshäppchen-Tisch herzurichten und zu wischen, während der Altherren-Club dann in die Weinstube schlendert, ist schließlich auch sowas wie „Öffentlichkeitsarbeit“, lasse ich mir sagen. Und für die „Geschäftsleute“ sauge ich auch gerne den Co-Wir-erfinden-uns-eine-Daseinsberechtigung-Space; wollte ich nicht eine Arbeit, bei der ich genug Raum zum Denken habe? So macht es mir beispielsweise auch nichts aus, tagtäglich von seiner hormongestörten Katze angefallen und den 100-jährigen Freunden des Chefs nach gemeinsamen Drinks gefragt zu werden. Das Ganze hat nämlich auch Vorteile, versuche ich den Stolz zu striegeln. Zum Beispiel, wenn er einen seine „international prominenten Salons“ veranstaltet, zu denen seine mitleidigen Freunde 15 Euro Eintritt (ich darf umsonst rein; war ja schon zum Putzen da) und Wein bezahlen müssen, den ich gerade von Lidl angekarrt habe. Ein 16-Stunden Tag für monatliche 300 Euro „muss schon drin sein,“ wenn man auf internationalen Ebene arbeiten will. Ich denke an Ahmed, meinen Lieblings-Späti-Mann, und frage mich, ob das stimmt.

Anstatt jedoch Sterni und YumYum zu verkaufen, sitze ich lediglich am Telefon. An diesem koordiniere ich als „Project Coordinator“ nämlich eine Tagung in Peking. Auf Nachfrage werde ich eingeweiht, dass die Summe erst fast finanziert sei, aber „das wird schon“. Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising sind nämlich „im Grunde ein- und dasselbe“, weiß ich jetzt. Ach, und die Tagung hätte schon vor einem Jahr stattfinden sollen. Aber da war das Geld auch erst „fast da“. Die Flüge für die 30 Teilnehmer sind quasi gebucht, ich muss nur noch eben die 120.000 Euro zusammen kriegen. Ich halte mich für eine relativ Multi-Tasking-fähige Type und fühle mich herausgefordert – eine relativ beschränkte Reaktion, weiß ich retrospektiv.

Die Konferenz tagt zur „Wasserknappheit entlang der historischen Seidenstraße“. Interessant, notwendig sicherlich auch – mach‘ ich mit. Aber der Inter-Alles-Verein ist ja nicht von gestern und weiß, dass es heute für und gegen fast alles Maschinen gibt: Problem? – Maschine. Warum also nicht gegen Wasserknappheit?! Gesagt – getan, zwei Mitarbeiter eingestellt, eine handvoll regelmäßiger „wichtiger externer Gäste“, und dann müssten die Dinger doch gebaut sein! Kann man im Grunde also schon verkaufen. Das wäre vor allem gut für das Konferenz-Budget, denn durch diese werden die Maschinen ja an den Mann gebracht, und dann irgendwann sogar gebaut. Mit dieser feingliedrig logistischen Kenntnis wird auch mein Arbeitsalltag am Telefon klarer.

Beim legeren Socken-Gang auf dem Weg zum Kätzchen, lugt etwas ins Zimmer „Ruf doch mal eben bei Coca Cola in Peking an!“ – Stimmt! Die Schamgrenze hier längst überschritten und eine belegte Leitung simuliert, der nächste heiße Tipp: „Und was ist mit McKinsey?“. „Hallo, spricht dort McKinsey? Hier Juliane aus Berlin, ich würde gerne Geld für eine Tagung bekommen, die nächsten Monat vielleicht stattfindet und Wasser-Reinigungs-Maschinen bewirbt. Von deren Geld wir hier angestellt sind. Nein, die gibt es noch nicht. Nicht absehbar. Nun, wenn genug Maschinen verkauft sind, um den „Techniker“ zu bezahlen. Na auf der Konferenz! Grand Hotel Peking. Schade, schön‘ Tag!“. Techniker heißen nämlich diejenigen Menschen, welche Dinge, die wir Geisteswissenschaftler uns ausdenken, so hinmachen, dass es sie gibt.

Dem Wunsch, bereits nach der zweiten Woche gehen zu dürfen, begegnet man mit dem Angebot einer Festanstellung. Ein Heftchen bekomme ich dazu, da sind große graue Klötze abgebildet, die wahrscheinlich in einem zukünftigen Modus ihrer Existenz Wasser entlang der historischen Seidenstraße entsalzen. Ich verabschiede mich also von den Konferenz-Teilnehmern aus Afghanistan, Tajikistan und Usbekistan, denen wir Praktikanten seit einem Jahr Visa versprechen; auch von den Maschinen-Bauern, die wöchentlich anrufen um sich in heroischer Zeitlupe und im Namen jedweder Handels-Codices vor den Bau der aberwitzigen Aufträge des „Chefs“ zu werfen und ich verabschiede mich selbst von der Dame, die unter dem bezaubernden Namen „Mme Noelle“ ganz reizende Salon-Einladungen schreibt – eine der Chef-Fantasie entsprungenen Figur („klingt doch gut, finden Sie nicht?“). Wahrscheinlich während einem seiner Pornos in der „Head Office“ nebenan, während ich bei Google, H&M oder Nestlé um Geld bettle.

So gerne will ich eine Maschine bauen, die Hybris und Unfähigkeit zu wenigstens umweltfreundlichem Toilettenpapier oder Delphin-freien Thunfischdosen „macht“. Entlang der historischen Seidenstraße. Zumindest deren Existenz habe ich in diesen zwei Wochen verifizieren können.