Irgendwie mag das alles nicht so ganz zusammenpassen. Eine in blaues Licht getränkte Bühne, ein bärtiger Kellner im Frack, der mit dem Swiffer-Staubmagneten noch kurz ein bisschen den Mikrofonständer putzt, jetzt dröhnen die Boxen, eine Stimme, wie die eines Minnesängers erfüllt den Raum und dann Lichtshow und zwar nicht zu knapp. Okay, es ist doch ein Konzert – nicht, dass sich gerade mein Traum von einem Nobelrestaurant mit einer Dauerwerbesendung mischt. Alle Zweifel sind beseitigt: Ein Typ in beigefarbenem Safari-Outfit steht im Lichtkegel und rappt. Es ist wohl eher ein Sprechgesang, von den großen Ticketportalen wird Alligatoah als „Rapbarde“ und „Minnesänger“ angepriesen und das trifft es ziemlich genau.

Er ist eigentlich eine Hip-Hop-Band, bestehend aus dem Rapper Kaliba 69 und dem Beatproduzenten DJ Deagle, zwei fiktiven Figuren, die er erfunden hat, weil er beim Texte schreiben und Beats basteln nicht alleine sein wollte. Eine Ein-Mann-Armee, die alles, was sie publiziert, noch selbst macht. Der zweite Herr im Frack ist den meisten bekannt als Battleboi Basti und unterstützt Alligatoah auf seiner Tour als Backup-Rapper, damit die Punchlines noch mehr knallen.

Direkt beim Intro wird klar, dass die beiden nicht nur feine Lyric mitgebracht haben, die übrigens auf dem Index gelandet ist, sondern auch wummernde Bässe, die ordentlich reinhauen. Der Hip-Hopper freut sich, über den Flow, der doch in letzter Zeit bei vielen anderen Rappern unter Synthies verschwindet, auch wenn es bei Alligatoah meist überhaupt keine typischen Hip-Hop Beats sind. Von Pop, über Rock bis hin zur Flöte im Hintergrund: Was immer bleibt, sind die perfekten, humoristischen Reime.

So abwechslungsreich wie die Musik sind auch die stets ironischen, ziemlich verworrenen Texte. Das erste Hören reicht oft nicht, um die vielen genialen Wortspiele zu erkennen und man ist geneigt zu denken, wenn man nicht wirklich dem Text folgt, dass Alligatoah nur ein Spaßrapper ist. Er selbst sagt, er mache Satire und das stimmt auch. Denn seine Lieder, so verrückt und provokant der Inhalt auch ist, sind voll von Kritik. Ob Alligatoah sich über den hippen Dorgenkonsum in seinem Charterfolg „Willst du“ auslässt, oder in „Rabenväter“, die Helicopter-Eltern unserer Gesellschaft anblufft, er tut es mit so viel Selbstironie und Satire, dass es kein plakatives Rumgejammere ist – sondern richtig Spaß macht und wirkt.

In „Rabenväter“ wird eine weitere Qualität deutlich, Alligatoah kann sich auch batteln, und seine, in den Songs immer wieder angedeutete, Dissfähigkeit macht im direkten Duell mit Battleboi Basti besonders viel Spaß. Gerade weil Battleboi Basti mit seiner extrem schnellen Raptechnik die ganze Sache noch anfacht.

Die Show ist aufgebaut wie eine Geschichte: Alligatoah erzählt sie, leitet gewitzt über zum nächsten Track und bringt so nebenbei noch zum Lachen. Das Bühnenbild besteht aus einem Stuhl, ein paar Möbeln, einem Kleiderständer und zwei Kinderwagen, aus denen es ab und zu raucht. Alligatoah beschwert sich dann kurz „Kind, wenn das deine Mutter wüsste... Das bleibt unter uns“ und macht weiter.

Sein Song „Es ist noch Suppe da“ wird für ein kleines Gepoge genutzt, aufgefordert durch die Frage, ob man nicht einen kleinen Suppenkessel bilden könne. Das Publikum macht willig mit, es überrascht generell, wie textsicher neue und alte Fans sind, denn auch das wird klar: Alligatoah hatte schon eine große Fanbase vor seinem neuen Album Triebwerke, was ihn in die Charts auf Platz 1 und natürlich auch in den Mainstream brachte. Der Student steht jetzt also neben dem Girlie, es ist ein buntes Publikum, was da zusammen seinen Star feiert. Man merkt direkt, dass das kein 0815-Konzert ist, sondern eines, was mit viel Liebe und Freude durchdacht wurde. Ähnlich einer selbstgemachten Pizza, oder so.

Mein ganz persönliches Highlight, ist nicht „Willst du“, auch wenn seine Drogenhymne an diesem Abend natürlich am meisten gefeiert wird, sondern „Fick ihn doch“, weil hier meiner Meinung nach alles zusammenkommt, was gute-Laune-machenden Rap ausmacht: Flow, dröhnender Bassbeat, und Punchlines en masse! Nach dem Abend in Kassel bin ich auf jeden Fall Fan und freue mich, dass es immer wieder neuen intelligenten und satirischen Rap gibt.

All denen, denen KIZ zu hart geworden ist, denen bei Marteria manchmal der Witz fehlt, die wissen, wer Käptn Peng ist, oder nicht viel von Standard-Hip-Hop halten, wird Alligatoah gefallen. Und generell werden viele ihn entdecken, oder weiter lieben und so ist es wohl nicht allzu spekulativ, wenn man behauptet, dass Alligatoah einer der Großen im deutschen Rapbiz werden kann!

Gegönnt sei es ihm – ist er doch, wie viele Interviews beweisen, ein äußerst sympathischer Kerl. „Denn sein Herz hat ihm befohlen, dass die Stadt in Flammen steht.“ – den Befehl hat der Herr definitiv ausgeführt!