New Yorks Straßen reißen auf. Die Stadt scheint sich in Schutt und Asche zu verwandeln. Doch dann fliegt er herbei: Walter Mitty (Ben Stiller). Er surft durch die Luft und wird die Katastrophe abwenden.

Das denkt er zumindest. In Wirklichkeit ist Walter Mitty Angestellter im Fotoarchiv des Magazins „Life!“ – und ein Träumer. Er sitzt in seinem staubigen Büro im Keller; viele Stockwerke über ihm eine glänzende, blitzende Redaktion mit hochmodernen Großraumbüros. Darin: Cheryl Melhoff (Kristen Wiig), um die sich viele seiner Träume drehen. Unerreichbar scheint die Differenz zwischen dem langweiligen Walter und der Frau, die mitten im Leben steht, eindeutiger könnte sie kaum dargestellt werden. Weil es das Magazin in Zukunft nur noch Online geben soll, muss Walter um seinen Job bangen. Auf die Titelseite des letzten gedruckten Covers soll ein bestimmtes Foto des berühmten Fotografen Sean O’Connel (Sean Penn), das nicht auffindbar ist. Angestiftet von der Angst um seinen Job und der Verliebtheit für seine neue Kollegin Cheryl begibt sich der schüchterne Walter, der bis dahin nichts erlebt hat, auf die Suche. Die führt ihn bis ans andere Ende der Welt. Die Abenteuer, von denen er bisher nur geträumt hat, erlebt er nun selbst.

Die Story ist simpel: Langweiler Mann mit wenig Selbstbewusstsein glaubt nicht an sich selbst, verliebt sich eine scheinbar unerreichbare Frau und wird durch Umstände zum Helden. Diese klassische Geschichte wurde so aufgebauscht und in ein Netz aus intensiven Bildern, außergewöhnlichen Locations und starken Nebencharakteren verpackt, dass auf den ersten Blick schwer auffällt, wie wenig Handlung sich dahinter verbirgt. Ben Stiller zeichnet seine ganz eigene Walter Mitty-Geschichte. Mit dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1947 und der Kurzgeschichte von James Thurber von 1939 ist er nur noch mit lockeren Fäden verbunden.

Ben Stillers Version brilliert durch seine gewaltige Bildsprache. So einfach die Story ist, so ausgeklügelt ist ihre Umsetzung. An vielen Stellen erscheint der Film wie bewegte Fotografie. Die Einstellungen wirken bis ins Detail durchkomponiert, an eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen wird nicht gespart. Künstlerische Schnittkonzepte und Überblendungen runden den Kunstcharakter des Optischen ab: So verwandelt sich ein Filmstreifen, den Walter betrachtet, in einen Brunnen mit schwarzem Rand, auf dem er im nächsten Moment sitzt. Traum und Wirklichkeit verschwimmen oftmals. Wenn Walter in seine Gedanken abdriftet, fliegt der Zuschauer mit, und das fast ein bisschen zu oft um es genießen zu können.

„Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ lebt von der Aussagekraft der Bildern und Symbolik. Walter Mitty ist Angestellter beim Fotomagazin „Life!“. Das Leben und Erleben, das Ausschöpfen des eigenen Lebens ist das Grundmotiv des Werks. Eine kleine Detektivgeschichte um das Foto und den Aufenthaltsort des Fotografen ist auch mit eingebaut, doch die verschwindet beinah unter den Momentaufnahmen, der gehetzten Reise und der Liebesgeschichte.

Auch eine unterschwellige Kritik an der Technisierung der heutigen Gesellschaft scheint mitzuschwingen. Der Rahmen um die ganze Handlung ist das Internet. Einerseits beginnt Walters Misere damit, dass das „Life!“-Magazin nur noch online erscheinen soll. Auch die Annäherungen zu Cheryl beginnen online – auf einem Datingportal. Als sich Walter auf seine Reise begibt, ist er durchgehend auf seinem Handy erreichbar, ganz egal ob er sich gerade in New York, auf dem Himalaya oder im Atlantik befindet. Er ist gehetzt und so sehr in Eile, dass er sich am Ende seiner Reise nicht einmal das Foto ansieht, um das sich alles gedreht hat.  Das ist der springende Punkt: Walter flüchtet und vergisst dabei, sich umzusehen. Er denkt und träumt, ohne dabei die Schönheiten seines eigenen Lebens zu beachten. Der Fotograf Sean wird dabei regelrecht als Gegenpol dargestellt, er scheint den Fluch des technischen Fortschritts zu durchschauen: Er ist nicht erreichbar, nicht auffindbar, fotografiert noch analog – und ruht in sich selbst.

Der Film thematisiert nicht nur die Suche nach dem Foto, sondern Walters Suche nach seinem Selbstbewusstsein. Er wird durch die Reise nicht zu einem anderen Menschen, ihm werden nur die Augen dafür geöffnet dafür, wie besonders er vorher schon war. Insgesamt macht es den Eindruck, als wollte Ben Stiller auf jeden Fall ein brillantes Werk schaffen. Er überlud es mit Effekten und baute so viel wie möglich um eine magere Story herum. Er spielte etwas zu viel mit Klischees und schuf ein unrealistisches Abenteuer, jedoch mit großer, wenn auch nicht allzu versteckter Symbolkraft. Doch „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ will gar nicht realistisch sein. Es soll wohl vielmehr dazu anregen, an sich selbst zu glauben und unmöglich scheinende Dinge zu wagen – wenn auch sehr plakativ. Währenddessen kann man sich wunderbar in den atemberaubenden fotografischen Bildern verlieren.