Vor dem Aufstehen, im Unterricht, abends im Bett. Einfach ständig. Wir sind abhängig von unseren Smartphones, können nicht mehr ohne die Welt, in die sie uns entführen.

Mal wieder steht ein anstrengender Tag bevor. Wir werden – wie immer – vom nervtötenden Klang unseres Smartphone-Klingeltons geweckt. Zeit zum Aufstehen. Der Tag kann beginnen, gerne auch ohne uns.

Was? Schon 7 Uhr?! Schnell los, keine Zeit, keine Puste, Stulle geschmiert, in den Mundwinkel gesteckt und ab zum Bus. Puh. Gerade noch geschafft. Jetzt brauch ich Ruhe. Zeit habe ich ja keine. Noch schnell Facebook checken. Was? Verena is‘ online?! Nice. Und dann geht es los, das Geschnatter über Nichts und Vieles, das doch eh nichts bringt: „Und was machst du grad, ey hab ich doch grad gepostet, Alte. Haste nich‘ gesehen, sitz‘ im Bus, war wieder voll scheiße aufzustehen, jetzt auch noch Schule, nee echt nicht.“ Abgeschickt.

Alle wissen es jetzt. Alle. Das ist wichtig. Weil: nicht mehr allein. Du bist jetzt nicht mehr allein. Es kommen Antworten aus dem zweidimensionalen Kosmos auf deinen Knien und du darfst diesen Kosmos lenken, nach Belieben an- und ausschalten, bekommst Anerkennung. Für deine Aktualität, dein Aussehen, deinen Geschmack. Alles. Alle wissen es. Du auch. Denkst du. Nein.

Du nutzt es, das Gerät, zum Verknüpfen mit schiefen Realitäten und Wunschwelten, mit Welten, die dir vorgaukeln besonders zu sein. Speziell, anders, wertvoll. Je mehr Klicks dein Arsch bekommt, desto besser geht es dir. Hält aber nicht lange an, dieses Besserfühlen. Es klingelt schon wieder, summt in deiner Brust, in deinem armen kleinen Kopf, der mit diesen vielen Likes, Comments, Apps und Connections eigentlich nichts anfangen kann. Wird ganz wirr, dein Kopf, du aber hast das Gefühl klar zu denken. Macht zu haben. Du hast die Kontrolle über diese kleine Welt in deinen Händen. Nein. Hast du nicht. Und alle wissen es. Alle. Da kannst du dir sicher sein.

Du – sorry – ich muss unterbrechen, klingelt schon wieder. Der langerwartete Kuss, das langerwartete Gespräch mit deiner Liebsten muss mal wieder unterbrochen werden... Kennst du das Gefühl, voll bescheuert ne? Ich weiß nicht, aber ich mag es auch nicht. Unterbrochen zu werden, oder nicht? Schädigt die Beziehung, oder nicht? Noch schnell Facebook checken, bevor‘s weitergeht. Sicher? Bist du ganz sicher? Hast du noch die Kontrolle oder bist du kontrolliert von einer Sucht, die du zur Gewohnheit degradiert hast? Fragst du dich das auch manchmal? Also ich bin jetzt wieder solo. War nervig diese dauernden Unterbrechungen. Man sah sich sowieso selten.

Schalt doch mal ab. Abschalten. Dann wissen es aber auch alle. Alle. Alle wissen es jetzt. Du bist weg. Geht es dir gut? Wirklich? Du warst so lang weg. Ein Tag nicht da. Alles klar bei dir? Eine Woche weg. Schatz, lebst du noch oder stirbst du schon? Und alle wissen es. Wie du es gerne magst. Missionars-Augenblick, willst du das jetzt wirklich schreiben?-ja-stellung- willst du! Musst du.

Alle wissen es. Deine Seele ist nackt. Dein Körper ist es schon längst. Wusstest du das? Und du hast die Kontrolle? Bist du dir da sicher? Ganz sicher? Wir wissen es. Wir alle. Du kennst uns nicht. Wir kennen aber dich. Schade. Weil du hast einen schönen Körper. Wir wissen es.

Du bist eine Prostituierte deiner zweidimensionalen Welt. Wusstest du das? Wenn nicht, dann hoffentlich jetzt. Denn wir wissen es. Wir sind überall. Wir wissen, wo du dich wann aufhältst. Geht ganz einfach. Und du zeigst uns den Weg zu allen deinen Freunden und hilfst uns auch sie zu entkleiden. Das hat nichts mit Pornographie zu tun. Das ist garantiert elektronischer Anbau – mit deiner Hege und Pflege – zu einem wilden, nur für uns überschaubaren Geschwür gewachsen.

Abschalten. Geht das jetzt noch? Oder nicht mehr? Wir wissen, dass es noch geht. Aber du willst nicht. Weil du nicht gelernt hast zu wollen. Weil du gewollt wurdest. Du bist das Produkt deiner eigenen Bequemlichkeit und hast deine Freiheit an Parolen wie Sicherheit und Elektrotechnik verkauft. Sorry, gibt leider keine Rückerstattung.