Polen ist kein gänzlich unbekannter europäischer Nachbar mehr, doch können die Wenigsten mit handfestem Wissen über das Land hinter Oder und Neiße punkten. Unser Autor Henrik  will das ändern und liefert eine kleine Anregung für eine Tour in den wirklich nahen Osten.

Breslau – oder doch besser WrocÅ‚aw?

Auch bei aller politischen Korrektheit ist es in Ordnung von Breslau zu sprechen. Genau so wie es legitim ist, von Kopenhagen statt Kjøbenhavn zu reden, oder Москва́ als Moskau zu bezeichnen. Wer allerdings seine interkulturelle Kompetenz unter Beweis stellen möchte, kann den Namen WrocÅ‚aw gern nutzen. Doch wenn, dann bitte auch richtig! Gesprochen: „Wrozwuaw“, mit einem gerollten „r“. Wer diese erste Lektion verinnerlicht hat, bucht von Berlin die nächste Mitfahrgelegenheit und setzt sich in Andrzejs VW Golf, der dann in sagenhaften drei Stunden über Polens herrlich buckelige Autobahnpiste Richtung Südosten heizt. Vier Stunden später steht man bereits mitten auf dem „Rynek“, dem zentralen Marktplatz der Stadt – und die Erkundung kann beginnen.

Świdnica, 58-106 Wrocław

Dreh- und Angelpunkt

Rund um das ansehnliche Ratusz (Rathaus), umrahmt von herrschaftlich bunten Giebeln im Jugendstil, pulsiert das junge Leben der Stadt. WrocÅ‚aw beherbergt über 140.000 Studenten, also etwa so viel wie Berlin. Doch bei einer Einwohnerzahl von 630.000 sind die Studierenden deutlich tonangebend im Stadtbild. Viele Cafés, hier und da kleine Fakultäten der altehrwürdigen Universität und übertrieben viele Kirchen schaffen einen bunten Strauß, der immer wieder noch unentdeckte Ecken offenbart. Nachts öffnen sich hier die Türen zu Kellern und Gewölben von Clubs oder schummrigen Kneipen. Es gibt keinen Ort, der so viel Leben in sich vereinigt wie die kleine Innenstadt Breslaus. Bei Tag und bei Nacht.

Ratusz/ Rynek, 50-996 Wrocław
 

Bärchen-Kantine

Über nackten Beinen prangt die Kittelschürze der Mitte-50‘er Damen, die einen eilig und kühl abfertigen. Lange war ich fasziniert von dieser etwas speziellen Umgebung der Milchbar MiÅ› („Bärchen“). Nach drei Wochen mit der täglichen Portion Pirogi, Polens Teigtaschen-Klassiker, musste ich dann doch woanders essen gehen nach der Uni. Nicht weil mir die Pirogi für drei ZÅ‚oty (70 Cent) über waren, vielmehr bildete ich mir ein, die schaurig-schöne Atmosphäre einer Krankenhaus-Kantine auch auf dem Teller schmecken zu können. In Maßen genossen bleibt MiÅ› trotz allem ein Erlebnis – und erste Anlaufstelle für Studenten und hungrige Touristen.

Kuźnicza 48, Wrocław

Brücke der Liebenden

Auf dem Weg zum Dom folgt man einem kleinen Geflecht von Brücken, weshalb die Breslauer diese Gegend selbstbewusst als ihr Venedig bezeichnen. Doch anders als die ihrer Seele beraubten Stadt Venedig, kann man hier wahrhaftig die Liebe entdecken: Überall knutschende Pärchen auf Parkbänken und junge Verführer, die auf der Brücke mit einer Rose in der Hand auf ihr Date warten. Polens Hang zur Romantik – nirgendwo wird dieser so augenscheinlich wie rings um die Brücke zu den eindrucksvollen zwei Türmen des Doms. Kein Wunder, dass irgendwann mal ein Pärchen auf die Idee kam ein schmuckes Schlösschen als Zeichen ihrer Liebe an das Stahlgeländer der Brücke zu hängen. Mittlerweile baumeln diese dort zu Zehntausenden, die Aleksandras und Kamils, Kasias und Mareks, MaÅ‚gorzatas und Jakubs... Nach dem Befestigen werfen Paare die Schlüssel in die hier noch gemütlich fließende Oder.

Katedralna 12, 50-328 Wrocław

Improvisiert und spontan

Schummrige Keller mit teuer eingekauften Elektro-DJs, dementsprechend hohe Eintrittspreise und hippes Klientel: Läden, die in ihrer Aufmachung den Berliner Clubs in nichts nachstehen, kolonisieren die Breslauer Karte für Nachtschwärmer. Im Schatten zwischen diesen neuen Tempeln und den klassisch-klischeehaften Ost-Proll-Schuppen müht sich eine kleine alternative Szene um Aufstieg im insgesamt reichhaltigen Nachtleben der Stadt.
Von all dem unbeeindruckt thront das Art Café „Kalambur“ in zentraler Lage. Innen ist es verwinkelt, klein und sehr gemütlich. Tanzabende wirken oft improvisiert und spontan – wohl auch deshalb sind sie so entspannt und kommunikativ, sodass die Zeit beinah unbemerkt verstreicht. Auch tagsüber ist das „Kalambur“ jederzeit eine Anlaufstelle für ein kühles Książęce Ciemne, das wohlschmeckende Schwarzbier aus der Region. Im Sommer gibt es hier Klavierkonzerte in der Fußgängerzone. Noch nie habe ich mich so in eine Bar verliebt!

Kuźnicza 29A, 50-328 Wrocław

Wer noch immer glaubt, dass Russland östlich von Berlin beginnt, für den ist ein Tag in WrocÅ‚aw das  ideale Einstiegsprogramm. Und nach durchzechter Nacht im „Kambur“, fährt schon am Morgen MichaÅ‚ zurück nach Berlin.