Miss Platnum ist die Balkan-Queen unter den deutschen Künstlern. Die Rhythmen ihrer frechen Songs sind tanzbar, ihr Englisch unterlegt von rumänischem Akzent. Mit ihrem neuen Album traut sie sich heraus aus ihrer eigenen Inszenierung und gibt mehr preis von der „echten“ Ruth Renner. Autorin Anita erzählte sie von der Überwindung, nun auf deutsch zu singen, von schlaflosen Nächten und dem Feuer in sich.

Lesefaul? Hier gibts das ganze Interview auf Video: http://slyle-magazin.de/blog,347

Du bist die laute, schlagfertige, immer gut gelaunte  Balkan-Queen. Davon ist auf deinem neuen Album nicht mehr so viel zu hören. Es klingt nachdenklich und ruhiger. Was ist mit der wilden Frau passiert, die einst so übermütig Peter Fox geheiratet hat?

Ja, was ist mit ihr passiert? Sie hat sich einfach weiterentwickelt. Ich habe mich entschlossen, ein deutsches Album zu machen, was auch beinhaltet, dass ich die Kunstfigur Miss Platnum abgelegt habe. Miss Platnum und Ruth sind jetzt eine Person, es gibt nicht mehr diese Trennung. Ich möchte jetzt einfach über andere Themen singen als damals. Das ist eine ganz natürliche Entwicklung.

Hast du dich früher hinter der Kunstfigur Miss Platnum versteckt?

Man kann sich hinter einer Kunstfigur gut verstecken, das ist ja auch der Sinn davon. Ich habe die Zeit gebraucht, um das Selbstbewusstsein zu entwickeln, das ich heute habe, damit ich mich viel nackter präsentieren kann. Jetzt bin ich so weit.

Man ist angreifbarer, wenn man seine Emotionen so öffentlich zugänglich macht...

... und wenn man auf Deutsch singt, weil es dann jeder versteht. Früher habe ich auch emotionale Texte gesungen, aber dadurch, dass sie auf Englisch waren, ist das nicht so aufgefallen. Das war ein bisschen unpersönlicher.

Und versteckter, hinter fröhlichen Balkan-Beats.

Wobei sich das für mich nicht ausschließt. Auf meiner aktuellen Platte gibt es auch den Song „Gläser an die Wand“. Wenn man den Titel hört, denkt man „geil, Party, da wird nur gefeiert“, aber in Wut und in Traurigkeit kann auch sehr gute Energie drin sein. Ich finde nicht, dass sich das ausschließt.

Tut es gut, Situationen aus deinem Leben kreativ in deinem neuen Album verarbeitet zu haben?

Für mich als Künstlerin ist das natürlich ein Ventil, mit dem ich mich ausdrücken kann und auch muss. Es ist wie eine Art Zwang. Ich mache nicht Kunst, weil ich berühmt sein oder Platten verkaufen will. Das ist ein Aspekt, der auch mitspielt und das möchte ich auch. Aber ich mache es, weil ich es einfach muss, weil es ein innerer Drang ist. Das, was in mir drin ist, was sich gerade emotional in mir abspielt, muss raus.

Wie hast du bemerkt, dass du jetzt bereit bist auf Deutsch zu singen? Gab es da einen bestimmten Punkt oder war es einfach die Entwicklung der letzten Jahre?

Es war eher die Entwicklung der letzten Jahre, die da hingeführt hat. Die Mitarbeit an der Platte von Peter Fox und an der Platte von Marteria haben geholfen, dass ich die Angst oder vielleicht auch eher die Abscheu vor dem Deutschen verloren habe. Ich finde nicht viel deutsche Musik gut, gerade was Pop oder R’n’B angeht. Natürlich war es dann eine sehr bewusst Entscheidung. Es war von vornherein klar, es wird eine deutsche Platte.

Dann haben Peter Fox und Marteria also eine große Rolle bei dieser Entscheidung gespielt.

Ja klar, die haben mich da ran gebracht. Marteria hat ja auch mit mir an der Platte geschrieben und mit mir zusammengearbeitet.

Dein Album heißt „Glück und Benzin“. Das passt für mich überhaupt nicht zusammen.

Ich finde, das passt sehr gut zusammen! Auf den ersten Blick ist es ein Gegensatz, aber das ist es nicht. Wie ich schon meinte, ich finde nicht, dass Trauer eine positive Energie ausschließt. Wenn man glücklich ist oder etwas unfassbar Tolles erlebt, ist es manchmal so, dass man wie so ein Feuer in sich hat, eine Leidenschaft. Deswegen finde ich überhaupt nicht, dass sich diese Begriffe ausschließen.

Dann assoziierst du mit Benzin also Feuer, Brennen.

Genau. Diese Energie, die natürlich auch negativ und destruktiv sein kann, aber in dem Fall nicht. Man sollte immer entflammbar bleiben im Leben!

Hast du denn auf dem Album einen Song, der dir ganz besonders nahe geht?

Das kann man wirklich nicht sagen. Das ist, als hätte ich drei Kinder und müsste dann sagen, welches mein Lieblingskind ist. Die ganze Platte ist mein Werk, mein Baby. Die kann ich nicht zerstückeln und mich auf etwas Einzelnes festnageln.

Verarbeitest du in deinen Liedern verschiedene, teilweise negative Situationen aus deinem Leben oder war dein letztes Jahr einfach nur unfassbar traurig?

Nein. „Frau Berg“ zum Beispiel ist ganz klar eine fiktive Geschichte. Ich bin nicht Frau Berg. Als Künstlerin und Sängerin sehe ich mich auch als Geschichtenerzählerin. Ich kann mich in bestimme Lagen gut hineinversetzen. Das muss nicht unbedingt etwas mit meinem derzeitigen Leben zu tun haben. Aber natürlich kenne ich viele Situationen wie die, die in „Letzter Tanz“ beschrieben ist, dass man das Bedürfnis hat, jemanden noch ein letztes Mal festzuhalten, mit ihm zu feiern, ihn zu lieben. Oder bei „Glück und Benzin“, dass man eine Beziehung mit vielen Auf und Abs hat. Nichtsdestotrotz gibt es noch die andere Ebene, dass ich mich auch in Geschichten anderer gut hineinversetzen kann, oder mir zu einem bestimmten Thema oder Bild eine Geschichte ausdenken kann. Da schwinge ich immer mit, aber es ist nicht alles biographisch.
 
In einem Song singst du von 99 Problemen. Welches Problem hast du, das du unbedingt loswerden möchtest?

Meine Morgenmüdigkeit nervt mich sehr. Gerade im Winter, wenn man aufwacht und es draußen grau ist und den ganzen Tag grau bleibt. Ich bin eh ein Morgenmuffel. Das nervt mich so doll, dass ich das gerne ablegen würde. Aber ich glaube, das wird nicht wirklich passieren. Ich bin eher ein Nachttyp, bleibe bis drei oder vier Uhr wach und kann da auch noch arbeiten. Ich habe den Luxus, dass ich das ausleben kann, andere müssen schon um zehn Uhr ins Bett und um sechs Uhr aufstehen.

Tanzt du auch noch manchmal, bis die Wolken wieder lila sind?

Na klar, ganz oft. So oft es geht!

Kannst du uns deine Musik zum Abschluss noch in drei Worte fassen?

Future-Gipsy-R’n’B.