Taxifahren ist in unserer westlichen Welt ganz normal. Es zählt zu den Dingen, die man eben so tut, wenn man unterwegs ist. Anders ist das in Indien: Dort wird das Taxifahren gerade zu einer Art emanzipatorischer Demonstrationsbewegung. Das Unternehmen „Sakha Consulting Wings“ bietet den Service exklusiv für Frauen an. Am Steuer der Taxis sitzen ausschließlich Fahrerinnen, die ihre Kundinnen von Ort zu Ort bringen. Filmstudenten der Filmakademie Ludwigsburg begleiteten zwei Taxifahrerinnen. Das Ergebnis: der sehenswerte Dokumentarfilm „Where to, Miss?“.

Nacht. In der Epoche der Romantik, der Bereich des Rausches, des Unterbewussten und der Selbsterkenntnis. Voll von Gefühlen und Magie. Und genauso wirken die Bilder des Teasers von „Where to, Miss?“.

Chandni ist seit 2010 die erste Taxifahrerin Indiens. Geschickt lenkt sie ihren Wagen durch ein Meer aus bunten Lichtern. Devki, die gerade ihre Ausbildung zur Taxifahrerin macht, lächelt am Tag des Holi-Festes mit farbverwischtem Gesicht. Auf der Straße steht eine Kuh, die im Morgengrauen aus der Hand eines Mannes gefüttert wird. Die Schönheit dieser Bilder steht im krassen Kontrast zur Thematik des Filmes.

Erst im Dezember 2012 beschäftigte die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin in Delhi die Weltöffentlichkeit. Gewalt gegen Frauen ist dort kein Einzelfall. Nacht bedeutet für indische Frauen Angst und Sperrzeit und so sind die „cabs for women, by women“ wichtig für ihre Kundinnen. Die Dokumentation „Where to, Miss?“ zeigt, wie Chandni und Devki in der männerdominierten Gesellschaft ihres Heimatlandes zurechtkommen und wie sie einen Beitrag gegen Rückständigkeit und vorgefertigte Traditionen leisten.
Die Idee zum Film kam Manuela Bastian, Studentin für Dokumentarregie, bei einer Indienreise. Gemeinsam mit Jan David Günther (Kamera/ Bildgestaltung) und Arvid Klapper (Ton) flog Manuela dann im Frühjahr 2013 auf eigene Kosten und ohne langwierige Vorrecherche nach Indien.

Der Soundtrack zu „Where to, Miss“ wird übrigens von Milky Chance produziert. Nicht nur, dass die Jungs sich einem solch wichtigen Thema annehmen ist ein Glücksfall, sondern auch, dass sie durch ihre momentan exponentiell wachsende Bekanntheit, die Menschen auf das Thema aufmerksam machen. Aber hauptsächlich ist es schön, wie wunderbar Bild und Ton miteinander harmonieren.
Im März 2014 wird das Team noch ein mal nach Delhi reisen und die Dokumentation fertigstellen.

Von ihren Erfahrungen beim Dreh und mit ihren beiden Hauptprotagonistinnen berichten Manuela und Jan David im Interview.

Manuela, wie war es für dich als Frau nach Indien zu reisen?

Hauptsächlich besteht erstmal kein Unterschied, ob man nun als Frau oder als Mann nach Indien reist, weil du sowieso als westlich-aussehender Mensch die ganze Zeit angestarrt wirst. Am Anfang kann man da noch ganz gut darüber hinwegsehen. Aber nach einigen Wochen ist das dann so penetrant, dass es einfach anstrengend wird. Gerade auch als Kamerateam. Aufmerksamkeit wird dann zur Schwierigkeit. Da ich nie allein unterwegs war, bin ich auch nicht in gefährliche oder beängstigende Situationen gekommen. Allerdings sind wir während unseren Dreharbeiten in eine recht unangenehme Lage geraten, als wir von einem Ladenbesitzer in dessen Shop eingesperrt wurden, weil er nicht wollte, dass wir dort weiter filmen.

Und wie war es für dich als Mann, Jan David?

Für mich war die Reise an sich ein Abenteuer und ich habe es schon so empfunden, dass Frauen noch ein bisschen intensiver angestarrt werden.

Für den Film ist schon eine Menge Geld durch Crowdfunding zusammengekommen. Zudem habt ihr den Pitch der deutschen Filmhochschulen auf der Berlinale gewonnen, Glückwunsch dazu. Ihr scheint irgendetwas richtig zu machen! Gibt es Neuigkeiten in Sachen Finanzierung?

Jan: Es gibt einige Möglichkeiten, die sich im Umfeld der Berlinale, durch den Gewinn des Pitches und natürlich auch durch die Promo seitens Milky Chance ergeben haben und die ziemlich vielversprechend sind. Wir sind gerade in einer Abwägungsphase. Generell arbeiten wir alle neben unserem Studium mehr als drei Stunden am Tag für das Projekt. Da ist es natürlich großartig, wenn unser Projekt so honoriert wird. Auch die positiven Zusprüche zu dem Teaser in den sozialen Medien sind bestätigend und schön.

Devki verweist in dem Teaser darauf, dass sie keine Angst haben möchte und so als gutes Vorbild vorangehen kann. Wie habt ihr das bei den anderen Frauen in Delhi wahrgenommen?

Manu: Devki ist bisher auch nur zu einem gewissen Teil emanzipiert. Sie ist mit dem Emanzipationsprozess noch nicht ganz fertig. Sie konnte sich nicht immer durchsetzen und kämpft noch immer, um an den Punkt zu gelangen, wo sie hin will. Chandni ist da schon emanzipierter. Sie wird aber weiterhin jeden Tag mit den Problemen des Frau-Seins konfrontiert – beispielsweise durch die männlichen Taxifahrer oder andere Männer, die sie nicht akzeptieren. Emanzipation ist ja nie ein abgeschlossener Prozess und ist anstrengend, gerade in diesem Umfeld.
Jan: Die Angst kam mir allgegenwärtig vor – und zwar in allen Schichten. Bei allen indischen Frauen, die ich kennengelernt habe, schien sie mir vorhanden zu sein. Natürlich ist es so, dass – je nachdem aus welcher Schicht man kommt – man andere Möglichkeiten hat sich gegen die Angst zu wehren. Wer weniger Geld hat, kann sich – wenn überhaupt – eine Rikscha nehmen. Das ist dann natürlich schon gefährlicher, als eine Taxifahrt.

Ist Emanzipation dort schon auf der Tagesordnung?

Manu: Es ist seit einigen Jahren so, dass in dieser Richtung viel passiert. Das hat man medial in Deutschland auch gar nicht so mitbekommen. Noch fehlt die Öffentlichkeit. An der Tagesordnung ist Emanzipation nicht, aber es gibt gerade seit dem Bekanntwerden der Vergewaltigungen im Jahr 2012 viele Frauen und Männer, die sich für die Stellung der Frau immer mehr einsetzen.

Jan, wie war aus deiner Perspektive der Umgang der Männer mit Manuela als Frau und Regisseurin?

Jan: Grundsätzlich wurde ich von den Männern angesprochen, Manu wurde gar nicht beachtet. Der Vater von Devki hat es beispielsweise nicht akzeptiert, dass Manu das Sagen hat und sie musste, obwohl sie ja die Regisseurin ist, darum kämpfen von ihm anerkannt zu werden. Das ist uns an allen Stellen widerfahren: Sämtliche Fragen oder organisatorischen Dinge wurden nur an mich gerichtet.

Was hat dich am meisten erschreckt?

Manu: Für uns unvorstellbar: Frauen in Indien können nachts nicht auf die Straße gehen. Beziehungsweise müssen sie sich genau überlegen, ob sie noch einmal rausgehen und ob sie noch eine Begleitung finden. Frauen in meinem Alter können nicht einfach abends mal ein Bier trinken gehen. Sie müssen das Risiko abwägen. Das war schockierend für uns.

Wie war das Arbeiten mit euren Protagonistinnen und wie seid ihr dabei vorgegangen?

Manu: Die Sprachbarriere war tatsächlich eine Schwierigkeit. Ich hatte eine Übersetzerin, mit der ich viel zusammengearbeitet habe. Es gab dann aber auch eine Kommunikation zwischen Devki und mir, die – ohne dass wir die gleiche Sprache sprechen – ziemlich gut funktioniert hat.

Was war euch besonders wichtig in Sachen Bildgestaltung? Ihr habt beispielsweise nur nachts und im Morgengrauen gedreht...

Jan: Da wir ja durch künstliche Beleuchtung nicht in das Bild eingreifen konnten und wollten, habe ich mir ein paar Regeln aufgestellt, wie meine Bildgestaltung aussehen soll. Gestaltung fängt ja da an, wo man bewusste Entscheidungen für eine Richtung trifft. Die Entscheidung nachts zu drehen hat natürlich mit dem Thema zu tun, aber auch mit der künstlichen und interessanten Farbwelt, die dadurch entsteht. Und natürlich mit der Welt der Nacht. Es geht um das Spiel der Lichter und die Isolation durch sie gegen die Dunkelheit. Man kann das vielleicht übertragen auf die Sicherheit, die durch Lichter in der Nacht entsteht oder eben nicht.

So eine Reise samt Flug, Equipment und Unterkunft muss ja auch geplant sein...

Manu: Ja, da muss ich mal meiner großartigen Produzentin Bianca Laschalt danken. Durch sie wurde das erst alles möglich. Es ist toll, wie sie mit einer unglaublichen Energie diesen Film vorangetrieben hat!

Der Soundtrack zu „Where to, Miss“ wird ja von Milky Chance produziert. Wie war es, als ihr das erste Mal den Track für eure Dokumentation angehört habt?

Jan: Es war ein sehr bewegender Moment, weil wir so viele Monate eine Idee verfolgt haben. Es ist gar nicht so einfach für jeden, der irgendetwas Künstlerisches macht, zu kommunizieren, was man eigentlich will und das geht jeweils nur über das eigene künstlerische Medium. Wir haben uns unglaublich von Clemens und Philipp verstanden gefühlt. Der Track hat etwas getroffen, was wir mit dem Film ausdrücken wollen. Es war eine Kommunikation, die über das Sprachliche hinausging.
Manu: (lacht) Ich fand den Track so toll, dass ich ihn am liebsten für mich und das Team behalten hätte. Der allergrößte Milky Chance Fan in unserem Team ist unser Cutter Maximilian Raible!

Mal was ganz anderes: Auch in Deutschland gibt es Sexismus im Alltag. Wie begegnest du dem, Manu?

Das ist eine Energiefrage bei mir, ob ich mich damit konfrontiere oder ob ich das ignoriere. Es gibt schon viele Situationen, die mich provozieren können und die sich ändern sollten. Aber es gibt auch Sexismus gegen Männer, der genauso unangebracht ist.

So zum Abschluss: Beschreibt doch noch bitte, wie „Where to, Miss?“ für euch sein soll. Und das bitte in drei Worten!

Jan: Ich kann das eigentlich nur in drei Bildern beantworten...
Manu: Mutig, neu, inspirierend.