Wenn Kim Gordon von Sonic Youth und Perry Farrell von Jane’s Addiction sich auf eine Schuhlinie einigen können, kann diese so schlecht nicht sein. Zumal John Fluevog sein gleichnamiges Label direkt 1970 gegründet hat und diese authentischen Einflüsse noch heute sichtbar sind. So steht man also vor zuckersüßen Damenpumps und groovy Männerbudapestern und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Im Flagshipstore in Gastown, Vancouver – einem weiten Raum mit Industrialcharme in der Stadt, in der John Fluevog seine Marke auch gegründet hat – ist eine ganze Wand dem Mantra hinter den Schuhen gewidmet: Die Produktion soll so umweltfreundlich wie möglich sein, damit die coolsten Schuhe, die man jemals gesehen hat, herauskommen. Eines interessiert mich vor allem an diesem groß gedruckten Text: Nicht alle, aber schon ziemlich viele der ausgestellten Schuhe sind vollkommen vegan hergestellt. Sie sehen aus wie schöne Lederschuhe, sind aber kein bisschen aus diesem Material.

Man liest das zurzeit öfter: „Vegane Mode“

Die britische Designerin Stella McCartney verzichtet schon seit Jahren komplett auf Pelz und Leder, was bei Sommerkleidern vielleicht nicht so schwierig ist, bei Schuhen jedoch schon. Zudem wurden 2013 erstmals von der Tierrechtsorganisation PETA UK Preise für tierfreundliches Engagement verliehen. Nicht nur McCartney nahm eine Auszeichnung mit nach Hause, sondern unter anderem auch Vivienne Westwood, Ted Baker, H&M, Topshop, New Look und Burton für verschiedene Produkte. Hier fallen keine Indienamen, die sich mit Größen wie Gordon gleichsetzen zu lassen. Mainstream it is.

Und irgendwie schwirrt dabei bald der Kopf über Ökobaumwolle, vegane Verarbeitung – die Bioecke im Supermarkt. Was früher Straight-Edge-Kids und Hippies vorbehalten war, hat nun im Mainstream Einzug gehalten. Doch kann jeder so konsequent den Trend vertreten wie die Hardcorefans? Muss man sich nicht wahnsinnig viel einschränken und enorm viel Zeit investieren?

„Jeder macht Diät, niemand isst mehr Fleisch“ – Marteria

Szenenwechsel. Abschiedsessen vor der großen Reise. Ich kenne B. seit Jahren und seit Jahren isst sie kein Fleisch. Dass ich in meinem Freundeskreis zur Fleisch essenden Minderheit gehöre, ist mir inzwischen durchaus bewusst. Ein einjähriger Verzicht auf tierische Produkte sorgte bei mir für akuten Eisenmangel, mein Arzt bestand darauf, mit dem fleischfreien Leben aufzuhören – ist man auf eine handelsübliche Kantine angewiesen, ist eine konsequente Ernährungsumstellung auch einfach schwierig. Selbst Kollegen mit Lebensmittelunverträglichkeiten probieren die wildesten Sachen aus, um sich irgendwie durch den vollgetakteten Tag zu bekommen. Mega Zeitinvestment fällt bei mir schon mal aus. Man muss wohl vollkommen dahinter stehen, um durchzuziehen. Und notfalls Tabletten schlucken.

Seit einem halben Jahr lebt B. nun völlig vegan. Den Sommer hat sie in einem Ashram verbracht, sie mochte Detox-Smoothies schon, bevor Modeblogger draufkamen, und sie ist eine der schönsten und modischsten Frauen, die ich kenne, talentiert und klug obendrein. Da es immer schwieriger ist, mit B. auswärts zu essen, sitzen wir in ihrer süßen Wohnung. Klar, inzwischen sprießen vegane Restaurants immer schneller aus dem Großstadtboden, aber welcher Student kann es sich andauernd leisten, in hippe Läden zu gehen, die man Wochen vorreservieren muss? Es gibt Zucchininudeln nach einem Rezept von Attila Hildmann. Nicht nur B. findet Hildmann toll, ganz Fernsehdeutschland ist in ihn verliebt. Er kochte mit Stefan Raab und gegen Alfons Schuhbeck. Vor allem aber nahm er absurd viele Pfunde durch seine Ernährungsumstellung ab. Dominierte noch letztes Jahr „Low Carb“ die einschlägigen Frauenmagazine und die Jahre zuvor die Methoden von David Kirsch und Dr. Robert Atkins, ist vegan nun angesagt, um die perfekte Bikinifigur zu erlangen. Und nicht nur das, ein Gesprächsthema hat man immer.

„Wie machst du denn dies und jenes?“

„Wie machst du denn jetzt das mit dem Sushi?“, frage ich B. also. „Mit Brokkoli“, antwortet B. und fängt an, zu schwärmen. Und irgendwie landen wir bei ihren 100 Sit-Ups täglich und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Womit wir wieder bei den einschlägigen Frauenmagazinen wären – und die überwiegende Bevölkerung. Die macht gerade Sport, als würde sie dafür bezahlt werden. Und stärkt sich nach dem Dauerlauf mit veganen Snacks. An Nachhaltigkeit denkt dabei nicht unbedingt jeder.

Inzwischen sind wir bei unserer beidseitigen Ablehnung von Tierfellen angelangt – und beim zweiten Teller Zucchininudeln. Ziemlich lecker. Ob ich noch einen dritten Teller darf? Ich kenne genug, die sich jetzt trotzdem noch zügeln würden. Schlank und fit sein um jeden Preis, kein Genuss, solange kein Ernährungsexperte etwas anderes behauptet. Immerhin soll das nächste große Ding die Steinzeiternährung – auch „Paleo“ genannt und von Schauspieldarling Jessica Biel praktiziert – sein, also das komplette Gegenteil zum Veganismus – und vermutlich zu dem, was man wirklich damals gegessen hat.

Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt

Sicher, da gibt es ja noch die Frauen und Männer, die nicht gerade jedem Schönheitstrend unterliegen und die aber vielleicht auch gerne so interessant wären wie zum Beispiel B. Auf Fleisch oder sogar auf alle tierischen Produkte verzichtet bereits jeder zehnte Deutsche. Da sind auf jeden Fall auch Idealisten dabei – die, die wirklich durchziehen. In Dokumentationen sieht man Hunde, die vegan ernährt werden, Kinder und auch Schwangere wollen keine Kompromisse eingehen. Ob das dem Ungeborenen schadet? Eins ist klar: Es kommt stets darauf an, welchen Experten man erwischt und ob dieser pro oder contra ist. Und auch auf einen selbst, ob man nach Neujahrsvorsätzen und der Fastenzeit durchhält oder weitermacht. Nicht jeden muss es bei umgestellter Ernährung so schlecht gehen wie mir – er kann auch auf jeden Fall so strahlen wie B.. Und ganz verzichten sollte man ja auch nicht. Es gibt ganz fabelhafte vegane Cupcakes – und die sind mindestens genauso süß wie die Schuhe von John Fluevog.