Der Fleischhunger der Menschheit ist gigantisch. 2012 erreichte er einen Spitzenwert. Kaum verwunderlich, denn ein tiefgefrorenes Hähnchen ist heute billiger als ein Glas Bier in der Kneipe. Autor Stephan will wissen: Isst du noch oder denkst du schon?

Auf unserem blauen und einmaligen Planeten gibt es Menschen, Tiere und die Natur. Im Laufe der Jahrhunderte haben wir, die Menschen, uns angewöhnt, Tier und Natur mehr und mehr als Objekte anzusehen. Wir haben uns von ihnen innerlich und äußerlich distanziert. So war und ist es uns möglich erstere zu jagen, zu töten und zu großen Teilen auszurotten. So war und ist es uns auch möglich unseren natürlichen Lebensraum in immer radikalerem und kurzsichtigerem Maße zu zerstören und zu vergiften. Wie kann das sein? Wie konnte das geschehen? Welche Schlüsse kann man heute daraus ziehen?

Wir haben den Menschen, der als einziges Wesen dieses Planeten mit den Fähigkeiten des aufrechten Ganges, den freien Händen und mit einem intelligenten Selbstbewusstsein gesegnet ist. Dadurch ist es ihm möglich moralisch zu handeln. Deshalb kann er begreifen, erkennen und bestimmen. Und er hat eine Fähigkeit, die ihn im Einklang mit seiner Umwelt handeln lässt: die der Empathie. Sie ermöglicht ihm ein tieferes Verständnis für Naturvorgänge, Handlungsvorgänge von Menschen und Tieren. Durch sie kann er sehr direkt am emotionalen Leben seiner Umgebung teilhaben. Nur verkümmerte diese Eigenschaft zunehmend mit einem abnehmenden Mensch-Natur-Zusammenhang. Sie verblasste hinter einem immer stärkeren Macht- und Profitdenken, das sich spätestens  mit der Urbanisierung und Industrialisierung endgültig durchgesetzt hatte. Der (westliche, weiße) Mensch war nun das vernunftbegabte Wesen, dass sich das Recht anmaßte über gut und schlecht zu urteilen und seine Umwelt zu bewerten.

Er sah und sieht sich auch heute noch als Krone der Schöpfung, die, um wie es heißt, bestehen zu können, sich gegen Tier und Natur wehren muss und sie deshalb zum eigenen Schutz versklaven darf und muss. Es gilt das Gesetz „survival of the fittest“, das ein friedliches Zusammenleben auf Augenhöhe von Mensch und Natur von vornherein verteufelt und ausschließt. Der Mensch ist Herr im Erdenhaus, das Tier ist Haustier, landet im Kochtopf, als Vergnügungsobjekt in Zirkus und Zoo oder ist pseudowissenschaftliches Versuchsobjekt.

Der Moralbegriff wird hier weit gefasst und gilt auch wieder nur im „survival of the fittest“-Kontext. Ist also zensiert. Alles ist Ware, hat einen objektiven Wert, der je nach Angebot und Nachfrage steigt oder fällt. Fällt was auf? Nein, meistens nur unter. Das meiste fällt dabei unter den Tisch. Denn wir wollen und können, um ohne Gewissensnöte fortleben zu können, nicht sehen, was wir anrichten und welchen Abfall wir produzieren. So lange es noch geht, fließt das Blut weiterhin von unseren mit Steak und Currywurst belegten Tellern. Es fließt um uns herum in den Abwasserkanälen. Es gerinnt in kleinen Flussläufen. Es verdampft in der Luft und kommt mit dem Regen wieder herunter. Es gelangt über den im blutdurchtränkten Meer gefangenen Fisch auf unseren Teller. Medizin. Die Tiere brauchen Medizin. Sonst schreien sie. Schreie, die hält man als Mensch nur schwer aus. Kälbchen-, Hühnchen-, Schweine- und sonstige Schreie, die gehen direkt unter die Haut, wenn wir uns nicht schon eine dicke Schutzschicht angelegt haben und wir hören unser Gewissen aufschreien. Also Pillen für das Schwein. Damit‘s aufhört zu schreien. Das scheiß Schwein. Ich muss es ja noch irgendwann essen können, oder nicht? Musst du das? Ja, musst du, ist ja eh schon völlig verstört und traumatisiert das arme Tier. Wäre zu unverantwortlich das Tier wieder freizulassen, würde elendig verrecken da draußen, war ja sein ganzes erbärmliches Pillen- und Antibiotikum-Leben eingesperrt. Zähne hat‘s auch nicht mehr. Hat sich auch eine ganze Menge Krankheiten eingefangen, das scheiß Schwein. Besser ich esse es. Ist das Beste für uns beide.

Wirklich? Du bist was du isst. So ein Schund! Welcher irre Idiot hat denn diesen Spruch erfunden? Das Pillenschwein ist doch jetzt tot. Weshalb sollen die Pillen mir schaden, wenn ich es esse? Weil, achso, du meinst, weil es krank war, Haufen von Würmern, Mitessern, Geschwüren am ganzen Körper, deswegen soll es mir schlechter gehen, wenn ich es esse? So ein Quatsch. Bist du sicher? Ja, weil, wird doch gekocht das Schwein, da sterben die doch die ganzen Keime, Bakterien, Krankheitserreger und die Pillen? Die sind weg. Weg! Weil ich sage, dass sie weg sind! Ganz einfach. Das Hühnchen, denkst du, dass das noch pickt? Nee, so ähnlich, aber picken tut es nicht. Nicht mehr. Als es noch klein und verletzlich war, hat man ihm den Schnabel gestutzt, ich meine natürlich mit einem glühend heißen Schneideisen abgeschnitten. Gepiepst hat es, laut und wehleidig. Picken kann es nicht mehr. Damit es nicht die anderen seiner anderen Art tot pickt, in seiner Angst, Klaustrophobie, so auf engstem Raum aufeinander, übereinander. Alles nur zu seinem Schutz, das Kopfüberhängen, Elektroschock im Wasserbad, spritzendes Blut, weil Kehle jetzt offen rot. Armes steifes, totes, leckeres Pillenhühnchen. Industriell, biologisch, weiß der Gott was angebautes Fleisch. Alles das Gleiche. Ob mit oder ohne Pille, am Ende landet‘s in deinem kleinen Magen, du lieber empathisch-intellektuell philosophierender Mensch. Was, ich? Nee. Die, die, d-d-d-die anderen. Die Mörder.

Original echtes Leder!  Schuhe, Handtaschen, Jacken, Mäntel, bei lebendigem Leibe dem armen kleinen Seehund oder dem halbverreckten Rind abgezogen. Was, du wusstest das nicht? Wächst alles auf den Bäumen. Leder wird doch genäht, hab ich mal so gehört. Was? Wie? Ja, Leder, das ist doch klar, kommt von toten Tieren. Aber warum sind sie tot? Sind sie natürlich gestorben? Nee, weil: heute gibt’s ja keine Natur mehr. Nur noch kultürliche Natur. Hab ich gehört. Also natürlich und glücklich gestorben heißt, das ist doch ganz klar: Kehle durch, Erschießen, Verrecken lassen im eigenen Kot, durch Erschöpfung oder einfach Verhungern. Das ist natürlich. So sehe ich das jetzt. Jeder muss einmal sterben. Manche halt früher. Ich. Ich habe Hunger. Hunger auf totes Fleisch, das ich anschauen darf in Zoos und Zirkussen, das tote Fleisch, das kultürlich-natürliche. Teuer ist es ja. Aber, es tut mir gut. Mein Kind schon mit Antiobiotika und Pillen mästen, wenn es klein ist. Wirkung? Nee, und wenn ja, warum nicht? Schadet sicher auch nicht, beruhigt meinen Zappelphilipp vielleicht, der mit seinem Syndrom. Das Syndromkind ist ein Problemkind. Sagen die Ärzte und Wissenschaftler. Die müssen‘s ja wissen. Geier essen Aas. Diese Aasfresser. Ich hab Angst, wenn die so über mir fliegen, die wollen meinen kleinen, erschöpften Körper, warten, lauern auf ihre Möglichkeit sich auf mich herabzustürzen. Das erzählt das kleine Küken abends seiner Mutter. Es spricht von mir. Mir, dem Aasfresser. Ich esse sogar andere Aasfresser. Lecker. Mmh. Mit Brot und Ketchup. Weil, das Schwein frisst Schwein. Das Huhn frisst Huhn. Das Felltier frisst seinen Artgenossen. Wenn die endlich tot sind. Weil, sie haben Hunger im Käfig. Wie ich. Ich habe immer Hunger.

Eine warme Dusche am Morgen. Nach meinem Aasbrötchen. Voll mit Pillen. So lebe ich glücklich. Glücklicher als du. Weil, du denkst zu viel. Zu viel. Die Pillen betäuben die Schmerzen, dieses komische Etwas in der Brust, was mich immer stört. Manchmal ist es auch schön, aber meistens geht’s mir damit schlecht. Die anderen nennen es Gefühl oder Gewissen. Kommt, sagen sie, wenn man zu viel denkt. Schalt mal ab, man. Es ist so, wie es ist. Ich will kein Risiko eingehen. Ich könnte mich ja verletzen, sterben, ins Gefängnis kommen. Und nur wegen diesem Denken und Fühlen. Mit der Pille bin ich glücklich, entspannt und funktioniere, wenn ich will. Glaubst du das? Ja. Weshalb? Ja,… weil es so ist. Warum ist es so? Hä, wie jetzt? Weil halt. Nerv nicht. Nimm deine Pille und halt dein Maul!