Vor gut zwei Wochen brannten die ersten Autos in London. Unser Redakteur Benjamin verbrachte zufällig seinen Urlaub vom Schreiben zeitgleich im „Battlefield“ Tottenham. Aus dem Urlaub wurde dann natürlich nicht viel.

Punkt zwei Uhr in der Nacht wache ich vom sich elendig wiederholenden Gluckern des Abflusses und von Sirenen der geschätzten 100 Polizeiwagen auf, die am Hotel vorbeifahren. Man hätte sich den Wecker stellen können, schließlich kam die Geräuschkulisse in der Reihenfolge Gluckern, Sirenen, Gluckern, Sirenen, jede Nacht wieder. Es war mittlerweile die dritte Nacht in unserem Zimmer. Die dritte Nacht, die gleichzeitig der Höhepunkt der Krawalle in London sein sollte. Unser Hotel lag in Tottenham. Tottenham, ein ganzer Stadtteil, der am Rande des Existenzminimums lebt, wenngleich die Arbeitslosenquote laut dem „Office for National Statistics“ hier „nur“ 10,9 Prozent beträgt, gleicht der Anblick der Gesellschaft derjenigen Berlin-Neuköllns. Ein hoher Migrantenanteil, Menschen, die in ihren Autos schlafen, weil sie sich die hohen Mieten – für ein Zimmer rund 175 Euro pro Woche – nicht leisten können. Einen Tag zuvor waren wir in Camden, in der Bar Lock Tavern. Später sollten wir erfahren, dass sie am nächsten Abend überfallen worden ist. Auf der Busfahrt zurück sahen wir schon etliche Polizeiwagen vor unserem Hotel stehen. Polizisten hielten einen Mann, geschätzte 15 Jahre alt, fest. Ein schwarzer Mob zog an uns vorbei, als wir aus dem Bus aussteigen wollten. Sie waren jung und maskiert. Die Menschen standen auf der Straße, schauten neugierig, was vor ihren Häusern passierte. Am Tag danach bot sich uns ein Bild der Zerstörung: Vor den Geschäften sah man Blutflecke auf dem Boden, Fensterscheiben waren eingeschlagen, Läden verwüstet. Eigentlich wollten wir uns mit Lenny, 20, einem Freund, den wir in Berlin kennengelernt haben, treffen. Allerdings brannte auf seiner Buslinie ein Bus. Auch andere Freunde, aus Camden, trauten sich nicht aus ihrem Haus, weil es auch bei ihnen Überfälle gegeben hatte. Lenny Hodges studiert Geschichte und Französisch am University College London und wohnt im südlichen Zentrum von London – in Camberwell, Peckham. „Ich finde es sehr traurig, wenn man seine Straße in Flammen sieht“, beschreibt er seine Gefühlslage. Gegen Nachmittag wird an den Londoner U-Bahnhöfen der „Evening Standard“ verteilt. Eine kostenlose Abendzeitung, aus der wir die meisten Informationen erhalten haben. Dort ging man immer wieder darauf ein, dass die Aufständischen Opportunisten seien, die aus Lust am Verbrechen in Geschäfte einbrachen. Lenny sieht das nicht ganz so: „Es ist zu einfach nur Opportunismus als Grund aufzuführen. Ich denke, dahinter stecken tiefere soziale und wirtschaftliche Beweggründe. Die Menschen kommen nie aus ihrem Alltagstrott heraus. Die Plünderer haben sich eigentlich nur das genommen, was sie wollten. Das ist die logische Konsequenz der kapitalistischen Kultur in England, weil die Menschen zu arm sind, sich das zu leisten, was sie jeden Tag in den Werbungen sehen.“

Die politische Landschaft in England ist eine andere, als die in Deutschland. Wo man in Deutschland für jedes Gänseblümchen auf die Straße gehen würde und politische Motive als Gegenargumente sucht, hat man im monarchisch inspirierten England nur kapitalistische Motive an vorderster Front. „Deutschland ist weniger kapitalistisch als Großbritannien. Hier zählt der Konsum an erster Stelle. Außerdem plündern die Aufständischen Tante Emma Läden, sie klauen aus ihrer eigenen Gesellschaft. Das ist nicht politisch, das ist reine Gier.“ Mark Duggon, der von einem Polizisten bei einer Razzia erschossen wurde, gilt als Auslöser der Gewalt in London, dennoch nicht als Grund. Die Aufständischen führen immer wieder die steigenden sozialen Kürzungen als Ursache an. In den 80er Jahren gab es schon einmal Aufstände in London. Damals war Margeret Thatcher an der Macht im „English Houses of Parliament“. Sie ist das Hass-Symbol vieler Menschen in England, weil sie damals die Streichung sozialer Mittel eingeleitet hat: „Die Aufstände im Brixton der 80er hatten vielmehr politische Hintergründe und in diesen Aufständen ging es eher um Rassenprobleme, auch Mark Duggon hatte einen Migrationshintergrund. In Birmingham gab es rassistische Elemente bei den Vorfällen. Dort wurden drei asiatische Männer von einem Auto überfahren. Auch die rechte Szene muss man einbeziehen, denn sie haben eine Art Bürgerwehr eingerichtet. Sie suchen nicht gezielt nach Ärger, sondern jemanden, den sie beschuldigen können“, sagt Lenny. In London sind zu dieser Zeit Sommerferien gewesen. Es war sehr auffällig, wie man in den Medienberichten sehen konnte, dass immer viele junge Menschen an den „riots“, wie man die Aufstände in England nennt, teilnehmen. Eigentlich kann man sich gut vorstellen, wie es für einen jungen Menschen sein muss, der aus einer armen Familie kommt, der dann schon beim U-Bahnfahrschein nicht weiß, wie er es sich leisten soll, um so aus seinem Gebiet, seinem Kiez, heraus zu kommen: Ein Tages-Fahrschein kostet umgerechnet circa 12 Euro. „Es gibt viel Ungerechtigkeit in London. Es gibt sehr reiche Nachbarschaften neben sehr armen. Es gibt auch viele Gangs, die ausschließlich kriminell motiviert sind. Sie verkaufen Drogen und so etwas. Ein Junge aus meiner Schule wurde beispielsweise erschossen“, sagt Lenny und wirkt dabei nachdenklich.

Vor unserem Hotel gab es ein Mc Donald‘s. Dort tranken wir Kaffee, sahen wir andere junge Menschen, die sich scheinbar täglich ihr Fast Food-Menü hinein schaufeln. Nicht nur die Frage nach der Beweglichkeit interessiert uns, auch nach deren Zukunft, wenn sie denn in einer schlechten sozialen Struktur aufwachsen und vielleicht selber an den Aufständen teilgenommen haben. „Sie haben vielleicht ein paar Fernseher mehr“, sagt Lenny, lacht dabei und wirkt dann aber wieder gefasster: „Wir werden vielleicht eine Generation verlieren. Ich denke, dass mehr Jugendliche kriminell werden könnten. Das ist logisch, wenn man einen Blick auf die Kürzungen von Premierminister Camaron wirft, die gerade Jugendliche betreffen. Allein die Studiengebühren sind zu hoch, als dass man die Jugendlichen unterstützen könnte.“

In unseren Bus stieg einmal ein junger Mann ein. Er trug eine Kapuze und sein Tuch zog er sich bis über die Nase, so dass man sein vollständiges Gesicht nicht erkennen konnte. Wir schauten uns in unserer Gruppe aufgeregt an und hofften, dass er gleich wieder aussteigen würde. Es ist nicht das einzige Bild der umgreifenden Angst, dass wir aus London mitnehmen. In der sonst so chaotisch wirkenden Innenstadt in der Oxford Street, war an den Abenden alles leer. Es war wie in einer Geisterstadt: Nur vereinzelt sah man Touristen, dafür aber viele Polizisten. London war dieser Tage mehr als sonst eine andere Welt.