Über ein kommunistisches Känguru und seinen kleinkünstlerischen Mitbewohner. Marc-Uwe Kling hat seine Trilogie fertig gestellt und präsentiert in „Die Känguru-Offenbarung“ eine dramatische Verfolgungsjagd um die Welt, oder so ähnlich.

Frankfurt, Alte Oper. Alles ganz schön groß, ganz schön viel Gold. Ganz schön viele wie Stewardessen gekleidete Frauen, die einem den Weg in den Saal weisen. 2400 Plätze, allesamt ausverkauft. Es ist dunkel. Ein Mann betritt die Bühne oder sagen wir eher: Er läuft verstohlen zu seinem Tisch, hinter dem er Platz nimmt. Es ist Marc-Uwe Kling, Kleinkünstler von Beruf. Seit 2009 verarbeitet er sein Trauma des Kleinkünstler-Daseins in einer Buchreihe: Der Känguru-Trilogie. „Er hat es geschafft“, werden seine Poetry-Slam-Kollegen sagen, „er lebt den Traum des Kleinkünstlers!“

Zurück zu den Fakten. Damit auch jeder weiß, worum es hier überhaupt geht: Herr Kling hat mit den „Känguru-Chroniken“ und dem „Känguru-Manifest“ zwei Bestseller geschrieben, in denen er über sich und das Känguru, was zufällig eines nachmittags bei ihm einzog, berichtet. Nun ist das letzte Buch der Trilogie erschienen, was „Die Känguru Offenbarung“ heißt – und mit dem sich der ehemalige Student der Philosophie momentan auf Lesetour befindet.

Das Känguru ist Kommunist, Marc-Uwe Anarchist und so kämpfen sie beide, wenn sie mal gerade nicht Nichtstun, gegen die böse Marktwirtschaft. Die Känguru-Chroniken behandeln die erste Zeit des gemeinsamen Zusammenlebens und sind voll von Gesprächen mit absurdem, aber auch stets kritischem Inhalt. Subtil und humoristisch gelingt es Kling Kritik am Kapitalismus, dem Umgang mit Technik und Medien, der Staatsgewalt oder auch an der erfolgsorientierten Erziehung von Kindern zu üben. Aber hauptsächlich ist er einfach nur furchtbar witzig!

Vor allem die Hörbuch-Versionen der Bücher sind zu empfehlen. Es ist stets wunderbar, den Diskursen der Beiden beim Kiffen zuzuhören oder sie in die Kneipe zu Herta, einem wahren Berliner Original, zu begleiten. Im Manifest gründet das Känguru dann schließlich eine Organisation. „Das Assoziale Netzwerk“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit „Anti-Terroranschlägen“ den Kapitalismus von innen heraus zu zermürben. Vielleicht sollte man auch noch erwähnen, dass das Känguru beim Vietcong war und dort seine Führungsqualitäten erlernt hat. Naja, und in diversen Filmen, bevorzugt mit Terence Hill und Bud Spencer. Die Grundstrukturen der Vorgänger-Organisation des „Assozialen Netzwerks“ basieren beispielsweise auf den Regeln des Boxklubs aus „Fightclub“. Man merkt, dass die gesamte Trilogie ganz schön verworren und mit tausend Anekdoten bespickt ist, oder?

Jedenfalls gibt es da auch noch einen Antagonisten, einen Gegenspieler zum Känguru: den Pinguin. Von diesem Pinguin weiß man bis zum dritten Teil nicht, was er eigentlich macht, außer, dass er immer das Gegenteil vom Känguru tut. Genau diese Lücke füllt „Die Känguru-Offenbarung“. Das Känguru, was aus der Haft des „Ministeriums für Arbeit und Produktivität“ fliehen konnte (lange Geschichte, hat was damit zutun, dass die Politik immer rechter und wirtschaftsdiktierter wird und man nicht mehr faul sein darf, aber das Känguru gerne faul ist), ist am Anfang des Buches noch im Untergrund, kehrt dann irgendwann zu Marc-Uwe zurück. Der ist völlig depressiv geworden, weil er nicht mehr ohne Känguru kann. Dann beginnen die Beiden den Pinguin um die ganze Welt zu verfolgen. Känguru und Kleinkünstler treffen ständig Leute aus dem „Assozialen Netzwerk“,  welches sich jetzt schon über die gesamte Erde verteilt hat, oder Backpackerinnen, die „you-know-Backpacker-Englisch“ sprechen und auf Stimmungsaufhellern sind.
Aber auch Personen aus der Vergangenheit des Kängurus finden immer wieder ihren Platz. So zum Beispiel sein ehemaliger Mitkämpfer beim Vietcong oder auch seine ehemaligen Bandkollegen von der Band „Krankenhaus“, die noch immer „Big in Japan“ sind. Sie bringen Licht in das Dunkel der Vergangenheit des Kängurus und so klären sich viele Fragen, die sich in den ersten beiden Büchern immer wieder stellten, endlich auf.

Auf der Bühne präsentiert Marc-Uwe Kling das alles mit sehr viel Charme und Witz. Seine Känguru-Stimme ist unnachahmlich gut und zwischen den Kapiteln plaudert er ein bisschen mit  Techniker Kevin über ihre Partie „Quizduell“. Und so wird das Programm zu einem lockeren Vorleseabend – mit anschließendem Bauchmuskelkater vom vielen Lachen. Es lohnt sich also nicht nur alle Bücher zu lesen oder sich die Hörbücher anzuhören, sondern Herrn Kling auch mal live zu erleben. Das kann man übrigens noch bis Ende Mai. Und tatsächlich ist hier der Satz „Zu empfehlen für die ganze Familie“ angebracht. Okay, korrigieren wir den, indem wir „Familie“ durch „Gesellschaft“ ersetzen, denn an meinem erlebten Abend waren vom Punk, über den Anzugschnösel, den Max Mustermann und den siebenjährigen Zahnlückenträger (Begriffe sind bitte frei zu gendern), alle Formen des Menschen vorhanden und lachten zusammen. Eigentlich eine wunderbare Sache, dass im Humor doch alle zueinanderfinden! Und merkwürdigerweise wohl dann auch in der Unzufriedenheit mit unserem politischen und wirtschaftlichen System, was ja stetig unter Beschuss steht und belacht wird, aber diesen Sack lassen wir heute mal zu.

„Die Känguru-Offenbarung“ mag von Langzeit-Fans kontrovers diskutiert werden und es werden Fragen aufkommen wie: „Ist das noch Kleinkunst, oder nur noch Geld?“ Ich sage dazu: Es ist das Ende einer Trilogie. Und manchmal ist es eben schmerzhaft, wenn Geheimnisse gelüftet werden. Dass die Geschichte nicht mehr in Berlin-Kreuzberg seinen Spielgrund hat, sondern auf der ganzen Welt und vor allem, dass es mehr Handlung hat und nicht nur kleine Anekdoten erzählt werden, das alles kann missfallen – aber Sir „Kleinkunst“ Kling hat das alles sehr elegant gelöst und einen würdigen Schluss geliefert.

In dem Sinne: Bye Bye and Tudelu Känguru!