Mando Diao haben vor Kurzem ihr neues Album „Aelita“ veröffentlicht. Damit zeigen die Schweden mit Hilfe von digitalen und analogen Techniken, mit basalen und exotischen Instrumenten wieder eine neue Seite von sich. Wir haben Gustaf Norèn und Björn Dixgard getroffen und mit ihnen über Technik und Musik, Philosophien und Kreativität gesprochen.

„Schau dir diesen Fisch an. Man muss ihn jetzt füttern!“ Gustaf Norén hält mir sein iPhone vor die Nase. Ein dicker animierter Fisch guckt mir mitten ins Gesicht. Dann zieht er es wieder weg, tippt ein bisschen auf dem Bildschirm herum und blickt den Fisch ganz fasziniert an. Ich bin im Soho House in Berlin, um mit Mando Diao zu sprechen.

Während Tische und Couchen in der riesigen Lounge verschoben werden, um eine gute Interviewkulisse zu schaffen, erfahre ich faszinierende Dinge. Gustaf zieht sich mit seinem iPhone auf einen Sessel zurück. Björn Dixgard kommt in spacig leuchtenden Turnschuhen auf mich zu und erklärt mir, wie praktisch diese Schuhe durch ihre flexible Sohle zum Tanzen sind. Mando Diao sind sehr begeisterungsfähig.

Fliegend im Albumcover

Bevor ich mich richtig auf die Schuhe konzentrieren kann, bekomme ich einen schwarzen, eckigen Kasten auf die Augen gesetzt wie eine Taucherbrille, und fette Kopfhörer auf die Ohren. Im nächsten Moment finde ich mich in einer neuen Welt aus Farben, Formen und Mustern wieder, die um mich herum fliegen und sich drehen, und ich mit ihnen. Es ist das Artwork, das sich auch auf dem Cover von Mando Diaos neuem Album „Aelita“ befindet. Ich fliege durch ein buntes psychedelisches Universum, begleitet von neuen Liedern der Band. Die Künstler haben ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das über das bloße Hören der Songs weit hinausgeht.
„Wir haben so viel Technik zur Verfügung! Das Problem ist, dass wir sie nicht nutzen“, sagt Gustaf. „Wir sehen uns auf dem Smartphones Vinylcover an. Das ist eigentlich total unsinnig, wo es doch viel mehr Möglichkeiten gäbe, zum Beispiel ein sich bewegendes Artwork für digitale Geräte.“

Weniger Wissen, mehr Kreativität

Gegenüber neuen Techniken sind Mando Diao sehr aufgeschlossen und neugierig. Das merkt man schon an der Wandlung, die sie musikalisch in ihrer über zehnjährigen Bandgeschichte durchgemacht haben. Sie ließen sich nie auf nur ein Genre festlegen, kombinierten Stile wild durcheinander. „Das ist das Problem heute: Du hast viele Informationen über die Musik, weißt, was welcher Stil und welches Genre ist, was zusammen passt und was nicht. Aber von diesen Gedanken muss man sich lösen. Aber das Herzstück, der Kern ist das selbe: Es sind nur Melodien“, erklärt Gustaf. Björn pflichtet ihm bei: „Manchmal ist ein bisschen weniger Information ganz gut. Dann bekommt bleibt die pure Erfahrung.“ Genau deshalb passe Musik und Intellekt nicht immer zusammen, führt Gustaf aus. Denn Intellekt kreiere Informationen, und Kreativität funktioniere manchmal besser ohne.

Die Philosophie eines Synthesizers

Mando Diao entdecken, spielen, probieren aus. Sie wirken ganz versunken in ihrer eigenen künstlerischen Welt, fasziniert von den Möglichkeiten die es gibt, voller Drang und Neugier herauszufinden, was möglich ist. Ihr Album „Aelita“ ist nach einem russischen Synthesizer benannt, den sie in ihrem Lieblings-Secondhandladen in Stockholm gefunden haben. Dass sie ihre Songs um dieses Instrument herumgebaut haben und dadurch freiheitlich etwas gehemmt waren, verneinen sie aber vehement.

„Es geht um die Philosophie der Aelita und das Gefühl das wir haben, wenn wir sie um uns haben. Wir haben angefangen, sie wie ein Tier zu behandeln“, betont Björn. Denn es benimmt sich wie kein anderes Instrument, das sie je in der Hand hatten. Es benimmt sich sogar ziemlich irrational, wie sie sagen, und manchmal macht es wohl Sounds einfach so von selbst. „Aelita half uns, offene Arme und offene Herzen gegenüber Technologie zu haben. Es als etwas zu sehen, das dir helfen kann, und nicht Angst davor zu haben“, sagt Gustaf.

80er und doch nicht

Auch den 80er-Jahre-Sound, der ihnen im Zusammenhang mit Aelita angehängt wird, will Björn nicht so ganz bestätigen. „Man macht es sich zu leicht, wenn man sagt, es ist 80s Sound, denn manche der Zutaten zu dem Sound gab es in den 80ern noch gar nicht. Dubstep und House, die so in den 90ern entstanden, beeinflussen uns beispielsweise auch. Der Sound, den wir jetzt haben, wäre in den 80ern nicht möglich gewesen.“

So ist also ein Album, inspiriert von einem exotischen Instrument mit Eigenleben. Neu und elektronisch, mit hörbarem 80er-Jahre-Einschlag, der keiner ist. Doch der typische Mando-Diao-Sound der leicht melancholisch klingenden, tanzbaren, griffigen Rock-Melodien, getragen von Björns und Gustafs unverwechselbaren rauchig-schrillen Stimmen, ist unverkennbar herauszuhören. Denn den gibt es trotz aller Neuerfindungen, Experimente und Weiterentwicklungen auch.