Poetry Slam ist Wortkunst, ist Herz und Verstand, ist Adrenalin pur. In Kreuzberg trafen wir Slammerin Julia. Ihren Text über Dinge, die man nicht sehen kann, die aber eben doch so manche Spuren hinterlassen, haben wir hier abgedruckt.

Ich sitze an einem Sonntagnachmittag
mit meiner Familie im Café
und es ist laut - von überall tönt
Lachen, Reden, Stuhlgeschiebe.
Lange Weilen  sitzen wir hier
Langeweile hatten wir
und so verpflichten Kinderaugen
der Geschwister mich zum Spielen.

„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist blau!“

„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist dunkelgrau!“
„Und ICH sehe was, was du nicht siehst und das ist flamenco“

„Das ist keine Farbe, du Blödmann, das ein Vogel.“

Und so fängt das Gezanke an,
die wollen sich nicht verstehen,
ich denk so:

„Ich sehe was, was du nicht siehst
und das kann man nicht sehen.“

Ich hab den Satz nur leis gedacht
doch plötzlich herrscht hier Stille
und plötzlich hör ich nichts mehr sagen
Jeder hält auf einmal inne,
wie beim Film auf Pause gedrückt
Dornröschens Schlaf umgarnt die Straßen
Die böse Fee hat ihren Stab gezückt
verwandelt Menschen nun in Statuen.
verwandelt Laute nun in Schweigen
verwandelt Zeit in den Moment
in dem sie alle jetzt im Reigen
einer Ewigkeit verbleiben,
die Welt ist stehen geblieben.
„Ich zeig dir, was man nicht sehen kann“
steht auf meiner Hand in weiß geschrieben.

Ich lös mich von dem Standbild raus
lauf durch die starre Welt
und kann nun plötzlich  ganz klar sehen,
wie die Luft um einen schwellt
Lauf durch Parks und lauf durch Straßen,
ganz allein und ganz verloren, aber auch
Ganz fasziniert vom Augenblick wie eingefroren
Menschen starr und Vögel stehen
in der Luft kurz überm Boden -
sind gerad erst losgeflogen.

Und mit einem Mal sehe ich
wie die Gefühle eines Menschen
wie ein Pulver auf ihm liegen
wie die Blicke eines jeden
durch die Luft wie Vögel fliegen
wie die Seele leuchtet in den Augen,
sie ist da
und funkelt sanft
Gerüche haben Farben, plötzlich Welt so unbekannt

Ich sehe plötzlich jede Wunde
die einem zugefügt mit Worten
ich sehe jedes
„Du bist hässlich“, „Du bist scheiße“ „Du bist fett“ - alle Sorten
Ich sehe „Fotze“ „Arschloch“ „Hure“ „Bitch“
„Verpiss dich Schlampe, wir wollen dich nicht“
Diese Worte sind wie Risse
die sich ziehen durch die Haut
auf jedem Riss steht das geschrieben,
was einen einfach umhaut.
manche Menschen haben Risse
die Kleber in sich tragen,
manche haben aber Risse
die wie tiefe Schluchten ragen.  
ich sehe wie das dicke Mädchen dort
die meisten von ihnen trägt
das Gesicht ist kaum erkennbar mehr
der Körper von Worten geprägt,
geh zu ihr, und setz mich kurz,
streiche drüber sacht
Und frag mich: „kleiner Mensch aus Porzellan,
was wurde mit dir gemacht?“

Und ich sehe plötzlich alle Tränen,
die je geweint, auf den Gesichtern
verlaufen wie ein Tropfen Farbe
Gold, sind wie die Lichter
schimmern funkelnd auf den Wangen,
auf den  Nasen, feine Flüsse
die sich bahnen
ihre Bahnen
ziehen hinunter
bilden Küsse,
bilden Tropfen,
bilden Narben,
die sie waren, auf der Seele
aus den Augen sie stets quellen
bilden Linien auf der Kehle.
Selbst von Böden blitzen goldne Punkte,
Sternenhimmel umgekehrt,
und plötzlich haben Stellen Wert
die vorher keinen Stellenwert
hatten und sieht man goldne Pfützen weiß man
Liebe brach hier,
und Menschen mit.
Und der Friedhof gegenüber
der einst lehrte Furcht und Angst
und Einsamkeit und Trauer tief
die Leere an sich band,
wird nicht mehr dunkel sein
beherbergt keine Geister mehr
denn nun verwandeln sich die Gräber  
nachts ins Tränen-Sternenmeer
Und ich schaue in die Menschenmengen
wie sie einmal still stehen,
verharrt sind in ihrem Drängen
und da bemerke ich plötzlich zarte Geister
die sich zwischen allen zwängen
von kleinen Kindern zu alten Menschen,
halten ihre „Statuen“ an der Hand
Zwischen ihnen und denjenigen Menschen
steht ein starkes festes Band -
Es sind die Geister, die einmal Menschen
waren, menschlich waren, starben.
Tränen treibt‘s mir in die Augen
Seht, sie sind nicht nur vergraben.
Sie sind nicht weg, sie sind nicht tot – sie alle gehen mit
unsichtbar sind sie nur, nicht zu hören ist ihr Schritt.

Und ich setz mich wieder ins Café
bin müde jetzt wie nie
genieß den Anblick ein letztes Mal
Farben spielen Melodien
dreh  langsam meine Hand um
und dort steht in schwarz geschrieben
„Schnips einmal mit den Fingern dann
wird was du gesehen hast, versiegen
und das was steht wird wieder gehen
und das was sichtbar war verfliegen“
und ich mache meine Hand bereit
lasse Finger kurz dort liegen

Wisst ihr, vielleicht hat es einen Sinn,
dass wir manches hier nicht sehen.
doch glaubt mir wohl,
es gibt noch mehr als nur die Dinge zu verstehen,
nur weil du sie nicht berühren kannst
heißt es nicht, dass sie nicht sind
Du siehst die Luft nicht, kannst sie nicht greifen,
trotzdem existiert der Wind
und trotzdem lässt er Drachen fliegen
und trotzdem kann er wehen
Macht eure Augen ganz weit auf
und fangt an die Dinge neu zu sehen denn –

sie sind da.