Wir kaufen Bio und schalten immer das Licht aus, wenn wir ein Zimmer verlassen. Wir leben bewusst, sind auf einem guten Weg. Und dann kommt sie, die ernüchternde Wahrheit: Dass wir, egal wie gut wir den Müll trennen, nicht im Alleingang die Welt retten können. Autorin Isabel traf zwei Studentinnen, die Gutes leisten: Ihr kleines Unternehmen unterstützt junge Inderinnen, die nach einem Weg aus der Armut und hinein in eine aussichtsreiche und selbstbestimmte Zukunft suchen.

Ich treffe Jeanine und Caroline in einem Co-Working Space in Kreuzberg. So richtig mittendrin in der Start Up-Szene, kann man also sagen. Was folgt, sind zwei viel zu kurze Stunden, in denen wir über Frauenrechte, Selbstständigkeit und die aktuelle Secondhandläden-Lage in Berlin sprechen. Anlass unseres Interviews: „Jyoti – Fair Works“, ein Unternehmen, das in Indien Kleidung und Accessoires produziert und diese Produkte in Deutschland verkauft. Im Vordergrund stehen also nicht wie so oft Waren, sondern die Menschen, die sie herstellen – und genau das macht das Projekt so besonders.  

Das Konzept: Faire Mode und Frauenförderung

Das Team von „Jyoti – Fair Works“ versteht sich als Sozialunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, sozial benachteiligte Inderinnen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten. Und das funktioniert wie folgt: Elf Frauen nähen aus typischen Sari-Stoffen Kleidung, Kissenbezüge und Taschen, die dann durch die ehrenamtlich tätigen Geschäftspartnerinnen in Deutschland verkauft werden.
Die Näherinnen kommen aus verschiedenen Lebenssituationen: Viele sind Witwen oder Waisen, haben keine Ausbildung. Durch Jyoti, was übrigens auf Hindi aufgehende Flamme bedeutet, soll ihre Situation besser werden.

„Es hat mich einfach nicht mehr losgelassen“

Angefangen hat alles vor ungefähr fünf Jahren als Jeanine, die Internationale Beziehungen an der TU Dresden studiert hat, für ein Jahr Freiwilligendienst in Indien war. Während dieser Zeit lernte sie die Einheimischen sehr gut kennen und wurde so auch mit den schwierigen Lebensumständen konfrontiert. Jeanine berichtet: „Nach meiner Rückkehr hat mich das einfach nicht mehr losgelassen und ich habe drüber nachgedacht, was es für eine Möglichkeit geben könnte, da eine Perspektive zu schaffen.“

Jeanine erinnert sich noch genau, wie begeistert ihre Freunde in Deutschland von den Stoffen waren, die sie aus Indien mitgebracht hatte – und genau daraus wuchs die Idee zu „Jyoti – Fair Works“.

Zwischen Berlin und Indien

Von Beginn an war klar: Bei „Jyoti – Fair Works“ soll es nicht um Spenden oder Mitleidskäufe gehen. Vielmehr sollen sich die Inderinnen durch Förderung und ihre eigene Leistung selbst versorgen können. Anfänglich durch Spenden finanziert wurden Nähmaschinen gekauft, um den Frauen, die mitmachen wollten, eine Handarbeitsausbildung zu ermöglichen. Außerdem wurde ihnen eine Englischlehrerin zur Seite gestellt.

Als sich das Projekt im Laufe der Zeit immer weiterentwickelte, suchte Jeanine nach Unterstützung. Im November letzten Jahres traf sie schließlich auf Intercultural Management and Communication Studentin Caroline, die sich sofort für die Idee begeistern konnte und seitdem fest zum Team gehört. Zudem arbeiten Beide Hand in Hand mit dem IT-Spezialisten Christian, der zwar eher im Hintergrund tätig ist, aber „ohne den gar nichts funktionieren würde.“

Volles Vertrauen

Als Arbeitgeberinnen sehen sich sie Beiden allerdings nicht: „Wir verstehen uns eher als Vermarktungsplattform für die Produkte, die die Frauen selber nähen“, so Caroline. Alle sind Partnerinnen, keiner steht über dem anderen – genau diese Maxime ist den Berlinerinnen besonders wichtig. Bei der Zusammenarbeit wird auf vollstes Vertrauen gesetzt: „Es ist schon allein wegen unserer Philosophie wichtig, dass wir unseren Partnerinnen da vertrauen und nicht sagen: Wir wollen jetzt alles kontrollieren!“

Vor Ort wird alles durch eine indische Nichtregierungsorganisation organisiert, die von einer – laut Jeanine – „gut strukturierten, taffen Inderin“ geleitet wird. Sie ist die Kontaktperson und auch zuständig für die Abrechnung, die Nachbestellung der Stoffe und die Bezahlung der Rechnungen.

Menschen eine Perspektive geben

„Jyoti – Fair Works“ ist anders als andere Unternehmen, die Waren produzieren wie auch Organisationen, die Spenden für Bedürftige sammeln: Caroline erklärt mir, dass es darum geht, Menschen eine Perspektive zu geben, damit sie selbstständig und unabhängig leben können. „Die Frauen lernen nicht nur Lesen und Schreiben und haben Englischkurse, sondern sie erleben auch die ganzen Women-Empowerment-Workshops: Arbeitsrechte, Frauenrechte, Buchhaltung und so weiter.“ Erklärtes Ziel ist, ihnen eine selbstbestimmte Zukunft zu ermöglichen – beispielsweise eine Selbstständigkeit.
Appell: Erst informieren, dann kaufen!

Ich frage, was schon viele Freunde, Bekannte und an dem Projekt „Jyoti – Fair Works“-Interessierte wissen wollten: Ändert ihr denn wirklich etwas? „Der Einzelfall zählt“, kontert Jeanine und ergänzt: „Wir werden natürlich nicht für alle Textilarbeiterinnen auf der Welt grundlegend etwas ändern können. Aber jede Frau, die bei uns arbeitet, für die hat sich auf jeden Fall schon was geändert! Und deswegen lohnt sich das Ganze schon.“ Was die beiden außerdem motivieren würde, sei der Gedanke, etwas anzustoßen, die Leute zu informieren und sie auf ihr Konsumverhalten aufmerksam zu machen.

Die Frage, ob Frau denn bei bekannten Textilmarken kaufen würde, drängt sich auf. Jeanine und Caroline sind sich einig, ihre Antwort lautet: Nein! Gerade in Berlin gäbe es viele tolle Alternativen zu den hiesigen Ketten: Jeanine und Caroline berichten von Secondhandshops, Flohmärkten und verschiedenen Labels, die eben nicht auf menschenunwürdige Weise produzieren würden. Die Gründerinnen sind sich sicher: „Es gibt eine Bewegung im Bereich faire und nachhaltige Textilien, die gerade total wächst. Wir sind nur ein kleiner Teil davon.“

Weitere Informationen zu dem Projekt: jyoti-fairworks.org