Eva und Philipp Milner haben einen intensiven Sommer voller Festivals hinter sich. Das Elektropop-Duo Hundreds wickelt seine Fans ein in eine melancholisch-rhythmische Klangdecke und verwandelt so auch die wildesten Tanzflächen in kuschelige Wohlfühlwiegen. Kurz vor ihrer Tour im Herbst trafen wir Sängerin Eva und sprachen mit ihr über brüllende innere Stimmen, Überraschungen beim Songschreiben und Geschwisterharmonie.

Der Festivalsommer ist vorbei, ihr hattet viele Auftritte und wart bei manchen Festivals sogar Headliner. Habt ihr den Sommer genossen?

Ja, sehr. Dieses Jahr waren wir zum ersten Mal Headliner auf einem Festival, das fühlt sich natürlich fantastisch an. Es ist auch nicht so, dass man als Headliner gebucht wird... Wir haben das dann erst an der Schriftgröße auf den Plakaten gesehen.

Ihr habt dieses Jahr euer zweites Album „Aftermath“ herausgebracht. Darin habt ihr relativ viel Zeit investiert, es erschien 4 Jahre nach seinem Vorgänger. Seid ihr da besonders sensibel, was die Reaktionen auf das Album angeht?

Ich finde, es ist wichtig, dass es so ankommt, wie man es sich vorher ausmalt. Klar könnte trotzdem der eine Song, von dem man es nie erwartet hätte, ein Megahit werden. Aber ich habe das Gefühl, dass das Album genau dort gelandet ist, wo wir es haben wollten. Es ist natürlich kein Nummer-Eins-Hit geworden, aber dafür machen wir auch die falsche Musik. Natürlich sind wir empfindlich, aber das hat – glaube ich – jeder Künstler mit einem neuen Album. Aber die Reaktionen waren durchwegs gut. Ich habe schöne Sachen gelesen, wo ich dachte: Ihr habt verstanden, worum es mir geht.

„Circus“ war der erste Song, der für euer aktuelles Album entstanden ist. Er ist weniger elektronisch als der Rest. Mit den anderen Songs habt ihr aber wieder die elektronische Richtung eingeschlagen.

Das stimmt. Wir haben „Circus“ geschrieben und uns danach gedacht: ‚Aha, das ist jetzt etwas total anderes. Was machen wir damit?‘ Wir fanden den Song beide so stark, dass wir in unbedingt auf dem Album haben wollten. Wir haben versucht, ihn noch ein bisschen zu ‚elektronifizieren‘, aber das hat nicht gepasst. Er musste so bleiben, wie er war. Letztendlich ist es die allererste Version, die wir veröffentlicht haben, auch der allererste Gesangstake davon. Ich habe das nie wieder so hingekriegt, wie ich es da gesungen habe. Irgendwie hat der Song immer seine Magie beibehalten. Uns war  klar, dass es mutig ist, den als erste Single rauszuhauen, zumal das Album noch nicht draußen war. Aber es hat funktioniert.

Kannst du dir erklären, wieso „Circus“ genau so geworden ist?

Wir hatten diese Klavierakkorde, die so einfach klingen, aber schon relativ verschroben und komplex sind. Das Klavier ist als Instrument dringeblieben, weil wir damit so viel ausprobiert hatten und uns davon nicht mehr verabschieden konnten. Ich habe dann dazu einmal auf eine große Trommel draufgehauen, was total gut gepasst hat. Und das sind die zwei beherrschenden Instrumente des Songs, zusammen mit  dem Gitarrensound. Aber die Gitarre gab es nie, es ist ein Synthesizer. Es klingt zwar sehr organisch, aber wir sind trotzdem eine elektronische Band.

„Circus“ erzählt von einer inneren Stimme, die einen zweifeln lässt und traurig macht,  und davon, sie loszuwerden. Wie befreit man sich von dieser inneren Last, von Grübeleien und Unsicherheiten, in die man sich verstrickt?

Das ist eine sehr persönliche Erfahrung gewesen, über die ich da singe. Deshalb kann ich nur für mich sprechen, das muss nicht für alle Menschen stimmen. Manchmal muss man sie einfach alle brüllen lassen, die inneren Stimmen. Die inneren Kritiker, die einen versuchen, auseinander zu nehmen. Manchmal muss man sie ausreden lassen, allen zuhören. Bei mir ist dann irgendwann der Punkt erreicht, bei dem es dann umschlägt und ich mir denke: Cool. Ich habe alle eure Standpunkte verstanden. Ist gut jetzt. Ruhe. Ich versuche jetzt, anders zu denken.

Eure aktuelle Single „Our Past“ dreht sich um eine gescheiterte Beziehung und den Schmerz, einen Menschen loslassen zu müssen. Wieso klingt gerade dieser Song so hoffnungsvoll und positiv?

Es hat ja auch sein fröhliches Moment, wenn man endlich erkennt, dass man nicht zusammen passt. Beide können etwas Neues versuchen. Ich sehe dich verschwinden, ich wünsche dir alles Gute.

Trotzdem schwingt auch in eurem aktuellen Album ein wenig Melancholie und Traurigkeit mit, wie man es von euch gewohnt ist. Würdest du dich als besonders gedankenverhangenen Menschen bezeichnen?

Ich bin eine totale Träumerin. Aber das heißt nicht, dass ich depressiv bin oder so. Die Melancholie wohnt schon sehr lange in mir, und ich habe sie sehr gehegt und gepflegt, muss ich sagen. Aber mir geht es gut damit. Es ist kein Traurig-Sein, sondern ein Innehalten und Hingucken. Es erklärt einem ja nie jemand, wie die Welt funktioniert, und wie Beziehungen zu funktionieren haben. Da muss man seinen eigenen Weg durchfinden, und das ist schwierig. Vielleicht kommen die melancholischen Klänge ein bisschen daher.

Du und Philipp seid Geschwister, und ihr wirkt sehr harmonisch zusammen. War das schon immer so, oder hat euch denn das gemeinsame Musikmachen noch enger zusammengebracht?

Eigentlich mögen wir uns überhaupt nicht und tun nur so. Ne, Quatsch. Keine Ahnung. Es wird mir immer wieder gesagt, dass wir sehr harmonisch wirken. Philipp ist ein Mensch, der mich schon so lange begleitet und ich ihn auch. Ich glaube, wir haben uns da ziemlich aneinander angeglichen, was wir über bestimmte Sachen denken. Daher kommt wahrscheinlich diese Harmonie, die manche Geschwister nicht haben. Ich würde es nicht nur als harmonisch bezeichnen, aber nach außen wirkt es vielleicht so. Wir streiten auch viel.

Streitet ihr auch über musikalische Dinge?

Ständig. Klar gibt es auch musikalische Differenzen und Streitpunkte. Aber das ist gut, und die gibt es bei jeder Band. Wir kennen uns so gut, dass man genau weiß, welche Knöpfe man drücken muss um den anderen völlig wahnsinnig zu machen. Manchmal macht es das einfacher, weil man das dann umschiffen kann, aber manchmal kann man sich eben auch ganz bewusst einen reinwürgen.

Kannst du mir zum Abschluss eure Musik in drei Worte fassen?

Oooh... Ne. Also das kann ich wirklich nicht. Das finde ich ganz schwierig. Tut mir leid.