Heute mal jemand ganz anderes sein: Cosplay macht‘s möglich. Die Kultur des Cosplays – eine Wortschöpfung des Englischen „Costume Play“ – entstand in Japan bereits in den 90er Jahren und bezeichnet junge Leute, die sich als fiktive Figuren verkleiden. Doch diese langjährige Tradi​tion bleibt in Deutschland dem Mainstream noch immer weitestgehend verborgen – und das trotz vorherrschendem „Do it yourself“-Overload! Autorin Simone hat sich in der Szene mal umgehört.

Eine deutsche Filiale einer Buchhandelskette, zweiter Stock, das schlecht sortierte Manga-Regal. Davor: Ein junger Mann, etwa Anfang 20, trägt Katzenohren zur normalen Straßenkleidung. Neben ihm steht eine junge Frau, etwas älter, vielleicht so Mitte 20. Ihr silbernes Haar ist künstlich, wirkt aber täuschend echt, ebenso wie ihre weiße Augenfarbe, die perfekt mit ihrem kunstvoll arrangierten Kleid harmoniert. Beide unterhalten sich angeregt. Eine ältere Frau bleibt stehen, muss zweimal gucken, geht dann weiter zu den Kinderbüchern. Vergisst diese Begegnung vermutlich wieder ganz schnell. Das was sie gesehen hat, sind zwei Cosplayer.

Es gibt in Deutschland unzählige, einmal jährlich stattfindende Conventions, doch dafür muss man schon in die Großstädte wie München, Dortmund und Frankfurt pendeln. Auch die Gamescom und die Buchmesse sind inzwischen bevölkert von Menschen in Kostümen. Es ist eine kleine Gemeinschaft, die die Fortschritte ihrer Arbeiten auf Tumblr und eigenen Facebookseiten teilt – und noch immer unter dem Radar fliegt.

Übung macht den Meister

„In Städten, in denen Conventions etabliert sind, freuen sich die meisten Leute sogar darüber, die Community einmal im Jahr zu sehen“, erzählt Eva. „Am Ungewöhnlichsten ist es sicher, wenn man privat zu einem Shooting geht und dafür verkleidet ist – oder schon am Fotos machen ist. Viele Menschen fragen dann natürlich interessiert nach und staunen darüber, wie vielseitig das Hobby ist, wenn man es ihnen erklärt.“

Eva und Anna nennen sich gemeinsam „Peilosistas“, getrennt „E-Chan“ und „Artflower“. Sie kennen sich seit 2008. Vor dem Cosplay haben beide Theater gespielt, was sie dann wegen Arbeit und Uni aufgeben mussten. Sie vertreten Deutschland 2014 beim World Cosplay Summit in Nagoya, wo sie sich der weltweiten Cosplay-Konkurrenz stellen werden. 22 Nationen sind anwesend. Eva hat 35 Kostüme auf dem Buckel, Anna sogar 45. Am längsten dauerte der Herstellungsprozess der Kostüme für das WCS-Finale. Anna‘s „The Earthy“ hat mehr als 300 Stunden durch seine vielen langwierigen Techniken verschlungen. „Unsere beiden ‚Super Mario‘-Prinzessinnen dagegen haben pro Kleid nur etwa vier Stunden gedauert“, erklärt sie.

So what you got a crew? I’ve got a crew, too!

„Ob es wichtig ist ein Team zu bilden, das hängt wohl auch von der Persönlichkeit der Cosplayer ab“, meinen sie. „Es gibt Menschen, für die es doch wichtig ist, eine andere Person um sich zu haben, und dann wiederum gibt es Einzelgänger. Es kann Spaß machen, in Teams zu sein, weil man bei Fotos mehr Möglichkeiten hat, weil man seinen Spaß teilen kann, weil man sich für Auftrittsfindung ergänzt und gegenseitig motiviert.“

Ist man doch erst einmal alleine, findet man Anleitungen für das detailgetreue Nachbauen vom freizügigen „Princess Leia“-Bikini bis hin zur romantischen Disney-Prinzessin im liebevoll gestalteten Cohaku Magazin. Und dennoch fühlt man sich als Anfänger schnell hilflos, aufgrund der Masse an perfekt inszenierter Fotos – und der scheinbaren Unerreichbarkeit eben jener Protagonisten. Deshalb raten die Peilosistas: „Wichtig ist auch, sein Selbstbewusstsein nicht nur ans Cosplay zu kuppeln. Versteckt euch nicht hinter dem Kostüm und dem Charakter! Das braucht ihr nicht. Cosplay ist ein wunderbares, kreatives Hobby, das wunderbare Freundschaften entstehen lassen kann und in dem ihr euch selbst weiterentwickeln könnt. Aber denkt dran: Lasst das Cosplay Hobby sein – und ihr werdet lange Spaß damit haben.“

Wer dem Anfangsstadium entwächst und sich sicher auf der Bühne fühlt, für den ist es auch die ultimative Schauspieldisziplin: Der Cosplayer bleibt in seiner Rolle. Spielt er eine stumme Computerspielfigur, wird er nicht sprechen. Ist er ein kämpferischer Anime-Star, muss er die Posen draufhaben. Im Wettbewerb zitiert er Monologe oder singt. Das hat wenig mit Mittelalterkämpfen im Wald von Rollenspielern zu tun, sondern mit der Perfektionierung verschiedener Künste.

Forever young mit Cosplay

Der Wunsch nach Veränderung des eigenen Ichs und fingerfertiges Können schlummern in vielen von uns, die wir noch Handarbeits- und Werkunterricht in der Schule hatten, als Kinder in unseren Rollen rumgetobt sind und später die Theater AG besucht haben. Ob wir es entdecken, ist wiederum die andere Frage. Es kann also auch eine Bewahrung des Kindes in einem selbst sein.

Die Peilosistas sind sich einig: „Ja, Cosplay kann zur Realitätsflucht werden, so wie vieles andere auch, wenn man es übertreibt – egal ob lesen, Sport oder in den Medien gerne als Exempel statuiert: Computerspiele. Gerade junge Menschen, die noch in der Selbstfindungsphase sind, sehen in der Cosplay-Szene eine Möglichkeit, sich auszuprobieren, den gerade in der Pubertät auftretenden Problemen zu entkommen und Gleichgesinnte zu treffen. Dadurch, dass die Cosplay-Szene noch ein recht unbekanntes Nischendasein fristet, ergibt sich hier natürlich auch die Möglichkeit, ein ‚besonderes‘ Hobby zu haben, mit dem man sich von anderen vielleicht abhebt. Aber das ist alles nichts Negatives, sondern ist beispielsweise im Gegensatz zum Komasaufen ein besonderer Weg, erwachsen zu werden.“

Selbst ist die Frau

Für diejenigen, bei denen es nicht „Klick“ macht, wenn sie eine Naht auftrennen müssen, gibt es fertige Kostüme aus der ganzen Welt zu ordern, vom kleinen Kostenpunkt bis zum großen Geld, je nach Aufwand. Auch die Perückenindustrie hat den Trend erkannt, wobei high-advanced Cosplayer Zubehör wie ihre Kontaktlinsen oft noch aus dem Ausland beziehen müssen. Portale wie Etsy und Dawanda sind voll mit fertig geschneiderten Kleidern und passendem Schmuck.

Bei Etsy und Dawanda stehen die Macher zu ihren Shops und ihrer Liebe zum Stricken, ziehen ihren Partnern selbstbedruckte Pullis an oder verteilen selbstbewusst Flyer für ihre Waren – auch eine Art, sich selbst zu präsentieren. Handarbeit bei Frauen ist nicht länger verpönt, seit Feministinnen wie die „Rausfrauen“ Guerilla-Knitting betreiben. Schneiderhilfe bietet übrigens das coole Magazin Cut.

Crossplay

Handarbeit baut Stress ab – keine Realitätsflucht, aber Ablenkung vom Alltagswahnsinn – und weist vor allem ein Ergebnis vor, das uns der hundertste Tweet nicht liefern kann. Zudem sind die Magical-Girl-Anime-Reihen emanzipiert wie wenig anderes im Fernsehen. So lautet der Text von „Moon Pride“, dem Titelsong der neuen „Sailor Moon Crystal“-Serie: „Wir sind keine hilflosen Mädchen, die den Schutz von Männern zu benötigen.“

Apropos Männer: Die sind nicht nur Katzenohren und Straßenklamotten. Die können sich einen Spaß mit all den großen Waffen, den furchteinflössenden Filmcharakteren und vor Kräfte strotzenden Posen machen und Gefallen an den passenden Materialien zum Bearbeiten finden: Holz, Metall, thermoplastischen Kunststoffe, Pappe, Gießharz, Silikone und mehr. Aber auch mit Gender-Bending: Das sind dann die Männer, die eine Frauenuniform in Männerkleidung umwandeln. Nichts ist unmöglich in dieser Welt.