Zweiter Teil: Berlin-Marzahn

Am Anfang war Grün. Gräser, Büsche, Sonne und die Melodie zu Stereo Totals „Nationale 7“ auch irgendwo im Hinterkopf. „On chante en fête, les oliviers sont bleus ma petite lisette...“ . Urlaub halt. Dann aber plötzlich Schwarz auf Gelb, Gelb auf Grün, Blau auf Rot, überall – Marzahn.

Was sich bei den Straßenschildern bereits andeutete, findet seine Vollendung in den Fassaden der Plattenbauten: Pink trifft Braun, Muster, die gar keine richtigen sind, treten den Versuch an, den Wänden so etwas wie Fröhlichkeit einzuhauchen – mit mäßigem Erfolg. Als wären diese seltsamen Kombinationen nicht schon genug, gibt es etwas Goethe obendrauf: „Es ist besser das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine halbe Stunde für gering zu halten“, steht‘s da bunt auf bunt. Wir halten also eine halbe Stunde nicht für gering und schleichen durch die engen Straßen, die eigentümlicherweise auch nur drei verschiedene Namen zu haben scheinen. Man kennt das: Hier ein Straßenschnipsel, fünfmal ums Eck,  dann  der  nächste kleine Flügel gleichen

Namens und so geht es wie in einer Spirale immer höher und weiter hinein, bis man überall nur noch Raoul-Wallenberg-Straßen und Marzahner Promenaden sieht. Erste modische Impressionen bestätigen indes – das hätten wir übrigens nicht gedacht –, was wir uns vorher kaum trauten auszusprechen: Jogginganzüge sind nicht so aus der Mode, wie man andernorts denkt; sie sind bequem und günstig und zwischen dem Goethe-Haus und dem Parkplatz sieht man sie zuhauf. Dunkelblau und Schwarz haben sich hier durchgesetzt, sodass die ganze Sache zumindest nicht allzu stark ins Auge flutet.

Als es eigentlich an der Zeit für einen kleinen Imbiss wäre, erblickt unser Auge, dass durch das ewige Kreisel-Gefahre ohnehin schon nicht mehr allzu verlässlich ist: nichts. Keine Dönerbude weit und breit, von solider Currywurst oder Schnitzel ganz zu schweigen. Allein der „Happy Shop“ lacht uns kurz an, entpuppt sich aber ziemlich schnell als eine leere Hülle – das Ding ist geschlossen, der Magen knurrt weiter. Als wir „Marzano“ erblicken – eine kleine Pizzeria irgendwo zwischen den Blocks, deren Namensgebung wir nicht so ganz klären konnten – hat sich der Hunger dann leider schon wieder verzogen. Also wieder rein ins Auto und weiter gefahren. Irgendwo zwischen Kurve 20 und 40 wird die Mode heiterer: Jeans! Und das gleich oben und unten. Die Kombi könnte freilich ein wenig feiner abgestimmt sein, aber immerhin. Apropos: Die Tage der sogenannten ‚Entscheidungshosen‘, zu denen vor gut zehn Jahren dann auch so sinnlose Sprüche wie „Vorne Jeans, hinten Cord / Prollo ist mein Lieblingswort“ ausgetüftelt wurden, sind offenbar gezählt. Vielleicht aber müssten wir es für einen letzten solchen Moment auch Titanic-Kolumnist Max Goldt gleichtun und in die Brandenburger Provinz reisen. Dort erblickte er das seltsame Zwitterwesen und gab ihm in seinem sehr unterhaltsamen Büchlein „QQ“ den treffenden Namen ‚Umlandhose‘. Nun, wir wollen nicht in die ewig gleiche Kerbe schlagen, die sowieso schon mörderisch zerholzt aussieht, sondern flink zu weiteren modischen Erscheinungen übergehen. Zum Beispiel zum pinkfarbenen Frottee-Anzug. Wer meint, der würde sich von den oben erwähnten Synthetik-Varianten in Schwarz-Blau nicht unterscheiden, der irrt. So bildet er beispielsweise keine Sitzknöllchen am Po – gemeint sind diese rauen Stellen, die man mit Daumen und Zeigefinger so wunderbar abknibbeln kann. Er sieht sogar beinahe elegant aus, zumindest jedenfalls wie eine elegante Variante der Jazzdance-Kostümierung aus früheren Tagen. Dazu trägt kaum einer Handtaschen, von den sonst so beliebten Stoffbeuteln ganz zu schweigen. Was sich stattdessen schon viel eher wie ein Accessoire liest, sind die vielen Hunde. Fast jeder, den wir sehen, hat einen bei sich; nahezu alle Größenordnungen und Aggressionsstufen sind vertreten. Diese Aussage ist mit Bedacht getippt – erst nach etlichen Runden durchs Quartier konnten wir zu diesem Schluss kommen. Ebenso oft sieht man diverse Tüten in verschiedenen Farben. So macht sich das Aldi-Blau erstaunlich gut zu rotem T-Shirt und weißem Rucksack aus Lederimitat. Gelbe Beutel, die in schwarzer Schrift, welche sich lässig nach rechts lehnt, etwas von „Forever 18“ erzählen wollen, unterstreichen die Botschaft, die das  Zusammenspiel aus Schlaghose und weißem Top hat, mit Nachdruck. Als wir uns schließlich doch noch verfahren und auf dem Parkplatz irgendeines Einkaufszentrums landen, um uns aus der ganzen Sache wieder hinaus zu navigieren, gibt es einen letzten irritierenden Anblick: Ein Mann mittleren Alters, der die oben erwähnte Jeans-Jeans-Kombi noch einmal beispielhaft vorführt, steht pinkelnd an der Wand, neben ihm prangt eine fruchtig-bunte Marmeladenwerbung. Doch noch ein Farbkontrast, der stimmig ist – wir treten den Rückweg an.