Eine Großstadt. Luftaufnahmen von Hochhäusern, rot und blau getränkt. Einsamkeit. Leuchtende Ampeln, pulsierende Farben. Ein dunkler Wagen nähert sich, durchbricht die Stille. Dazu großartige Musik, Ästhetik und Herzensbrecher Ryan Gosling. Slyle-Autorin Sophia empfiehlt „Drive“, den US-amerikanischen Thriller des dänischen Filmemachers Nicolas Winding Refn.

Tagsüber ist das Leben des namenlosen Driver (gespielt von Ryan Gosling) öde Routine. Soziale Kontakte pflegt er nicht wirklich, dafür hat er sowieso kaum Zeit. Driver arbeitet als Stuntman für Hollywood und als Hilfsarbeiter in einer Autowerkstatt. Erst mit Einbruch der Nacht erwacht der wortkarge Einzelgänger. Dann nämlich begibt sich Driver in nicht ganz legale Abenteuer: Am Steuer von Fluchtfahrzeugen lebt er seine Leidenschaft für PS und waghalsige Fahrmanöver aus. Eines Tages lernt Driver seine neue Nachbarin Irene kennen, die alleinerziehende Mutter von Benicio. Es kommt, was kommen muss: Als die Drei immer mehr Zeit miteinander verbringen, verliebt sich Driver in Irene.

Die schöne Zweisamkeit endet abrupt, als Irenes krimineller Ehemann wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wird der zusammengeschlagen, da er einem albanischen Gangster Schutzgeld schuldet. Als die Gangster drohen, sich das nächste Mal an Irene und dem Sohn zu vergreifen, kann und will Driver nicht tatenlos zusehen. Er beschließt, seinem Konkurrenten zu helfen. Driver bietet also Irene‘s Mann Unterstützung an, will ihm sogar bei einem letzten großen Coup helfen, sodass der sich und seiner Familie die Freiheit erkaufen kann. So viel sei noch verraten: Der Coup verläuft alles andere als erfolgreich, die Jagd auf Driver und Irene wird eröffnet.

Der Film, der an die frühen Tarantino Werke erinnert, strahlt eine ungewöhnliche Ruhe aus, fernab von unnötigen Worthülsen. Die eruptiven Gewaltausbrüche stehen in einem wunderbaren Gegensatz zu der sonst ruhigen Erzählweise des Films. Die unerwartete Härte, die der Driver in vielen Szenen an den Tag legt, zeichnen seine besondere Charakterisierung aus. Hinzu kommt eine sensible Gefühlsebene, die so subtil und ehrlich um die Ecke kommt, dass es das Herz erweicht und zugleich schmerzt. Jeder Blick des Drivers sagt soviel mehr aus als es Dialoge tun könnten. Brillant gespielt, Ryan Gosling!

Einen epischen Leckerbissen bietet die Schlussszene, in der der Driver allein mit dem Auto in die Nacht fährt. Er startet in den Neuanfang mit dem Song „A real hero“. Wie ein  echter Held setzt sich Driver gegen Wand und Quoten. Gerade die charakterlich bedingten Ursachen seines Heldendaseins lassen seine Handlungsaktivitäten so herausragend werden. Driver ist emotional komplex und gegen den Strich. Er komplettiert seinen charmanten Charakter mit einer wortkargen Art und Blicken, die  Bände sprechen, sodass Zuschauerherzen dahinschmelzen und die Atmosphäre zerreißend dicht erscheint. Sprache wird dosiert eingesetzt.

Leben wir das Leben?

Der Motor, der Driver im Innern antreibt, ist wohl die Neugier darauf, Neues in der Welt zu entdecken. Getreu dem Motto: Viel erlebt, viel erreicht, viel Schönes kann noch vor mir liegen. Nachdem jahrelang alles in gewohnten Bahnen verlaufen ist und dann sein routiniertes Leben spektakulären Veränderungen unterlag, fährt Driver in seinem Auto unbekannten Perspektiven entgegen.

Vielen Menschen ergeht es irgendwann in ihrem Leben wie dem Driver; sie möchten noch einmal von vorn beginnen. Ein wichtiger erster Schritt dafür ist, sich von Zeit zu Zeit zu fragen: Leben wir das Leben, das uns gefällt und zu uns passt?

Dazu gehören eben auch Umwege. Wenn man jedoch seine inneren Leitmotive kennt, die den Antrieb zu Neuanfängen legen, machen solche Umwege nichts aus. Wenn wir uns ab und an Zeit für solche Fragen nehmen, machen wir uns nicht nur unsere Stärken und Vorlieben, sondern auch die individuellen Leitmotive wieder ein Stück bewusster. Im Endeffekt hilft es bei der Auswahl aus der vielfältigen Bandbreite an Möglichkeiten, die das Leben bietet, ob sie nun groß und mächtig erscheinen oder subtil und klein.

Regisseur Nicolas Winding Refn verleiht der Schlussszene eine beinahe opernhafte Dramatik und Resonanz. Eine inoffizielle Rekapitulation der Läuterung im Geiste des Drivers lässt sich erahnen. Die Filmhandlung bricht mit der Prämisse von Hollywood typischen Happy Ends: Statt sich das Geld zu schnappen oder als Legende in der Unterwelt von Los Angeles aufzusteigen, verlässt der Driver sein altes Leben. Was erst als Nummernrevue staubiger Klischees anmutet, entpuppt sich als einfühlsamer und höchst emotionaler Film.

Die Ausgangssituation endet in der „Flucht“ vor all diesen Realitäten und mündet in einem gekonnten offenen Ende, das der Fantasie viel Raum lässt und die Zuschauer zum Nachdenken bewegt. Am Ende stellt sich nicht nur die Frage, wohin der Driver fährt, sondern auch, ob und was unter dieser Freiheit, die er sich nimmt, eigentlich zu verstehen ist. Er stellt sich dem Unbekannten im Diesseits, damit der Neubeginn keine ewige Illusion bleiben muss.