„They try to make me go to rehab, but I say no, no, no!“

Windig weht der Wind um die Ohren, der Regen wummert mit einer Wucht gegen die Stirn, dass sämtliche Pickel, sollte man sie denn haben, weggefroren sind. Typisches englisches Wetter. Angekommen am „London Eye“, einem übergroßen Riesenrad unweit vom Big Ben, erlebt man zum ersten Mal bei düsterem Wetter warme Höhenflüge. Unter dem Schutz einer Brücke streichelt ein Straßenmusiker gekonnt die Saiten seiner Gitarre. Jeder einzelne Ton schwingt sich durch den Körper, wodurch sich die Härchen auf der Haut aufstellen. Wie Fenster, die nach einer zu heißen Dusche beschlagen sind, fühlt sich der Körper nun an. Erst innen warm, außen kalt. Dann innen warm, und auch außen warm. Der Musiker weiß, wie man die hektischen Seelen dieser Stadt erwärmt. Willkommen in London.

In den tiefen Gängen der „London Underground“, der Londoner U-Bahn, stehen sie ebenfalls – die Musiker. Manchmal schick angezogen, im lässigen Stil mit Röhrenjeans, Holzfällerhemd und Chelsea-Boots, oft aber auch zeigen sie sich herunter gekommen, haben dreckige, fast schwarze Zähne, fettige Haare und scheinen ihre besten Jahre schon längst hinter sich gelassen zu haben. Oft hört man sie schon auf der kilometerlangen Rolltreppe – die Musik, die Klänge der Akkorde und die raue Stimme der Musiker. „Transport for London“ lautet der Slogan der „Tube“, wie die englische U-Bahn auch genannt wird. Die Betreiberfirma der U-Bahn hat sich in den vergangenen Jahren das Problem mit den Obdachlosen zu Nutzen gemacht: Oft lungerten sie in den verwinkelten Gassen und schliefen dort, wo es eben warm ist. Niemand wollte scheinbar die süffigen Exemplare und Opfer einer schnelllebigen Gesellschaft sehen und so brachte man an den Zugängen zur Tube Drehkreuze an, die einen nur passieren lassen, wenn man sich das sündhaft teure Ticket leisten konnte. Die Musiker blieben dennoch. Sie stehen auf halbrunden, auf dem Boden aufgeklebten Folien, auf denen der Schriftzug „Music for London“ zu sehen ist. Darauf darf sich nur der stellen, der sich vorher angemeldet und sozusagen eine „Spielgenehmigung“ hat. Das Prinzip der lizensierten U-Bahnmusiker gibt es auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), allerdings wirken die Musiker hierzulande vergammelter und versoffener, als in der 12-Millionen-Metropole London. Wer über London spricht, meint gleichzeitig eben auch die Musik. Indie-Größen wie „The Clash“, „The Smiths“ und viele andere besangen diese Stadt. Alle sangen von einer Atmosphäre, die ganz anders sein soll, als in vielen anderen Städten. Als Anziehungspunkt und Herz gilt  dabei Camden. Ein flächenmäßig kleiner Stadtteil im Norden von London. Gut 235.000 Einwohner leben dort. In Wirklichkeit fühlt man sich aber so, als wäre man zu Gast in einem Ameisenhaufen. Wohin man schauen kann, sieht man die sensationsgeilen Touristen, die versuchen, den nächsten kuriosen Schnappschuss aus dem Urlaub mitzunehmen und jeder sucht vergeblich nach der Szene. Sie sind auf der Suche nach dem, was die großen Indie-Bands besungen haben: dem Sonderbaren. Sie meinen es hier zu finden. Ausgestiegen in Camden Town, dem Mittelpunkt von Camden, an den „I love Camden-Shirts“-Trägern, den viel zu fetten, in Röhrenjeans gepackten Beinen und menschlichen Werbeplattformen vorbei, landet man auf einem Markt, den man als Ostdeutscher – wegen der Nähe zu Polen – vom Zigarettenholen hinter der Grenze von Weißwasser in Erinnerung hat: Rolex-Duplikate, massenweise nicht-atmungsaktive Synthetik-Klamotten und der Geruch nach Imbissbude – Camden Market reizt mit seinen Angeboten. Sicherlich ist Weißwasser wesentlich unbekannter, dafür aber billiger. Definitiv kann man hier einen Blick auf die Ikonen der Szene werfen, denn aufgedruckte Konterfeis sieht man auf den T-Shirts viel zu oft. Danach noch in eine der unzähligen Bars und der Tag in Camden ist für die Touristen vorüber. Viel zu groß sind die Schmerzen in Beinen und Augen, denn sehen und laufen kann man hier viel. Danach beginnt das Nachtleben.
„Die Szene umfasst ungefähr 100 - 150 Leute“, sagt Julia Herold. Die eigentlich aus Dresden stammende 23-jährige lebt seit über fünf Jahren in Camden und hat in London Musikmanagement studiert. „Es ist wie eine dick-befreundete Riesentruppe“, bezeichnet sie das Leben in der Szene. „Wenn man in irgendeinen Pub geht, kann man ruhig laut ‘hello‘ sagen, denn dort sind immer Freunde, die man kennt.“
Begibt man sich auf eine Tour mit den Camdener Leuten und ihr, merkt man schnell, dass das Star-Gehabe hier nicht wirklich wichtig ist, selbst wenn man wie Julia vielleicht in einem bekannten Musikvideo mitgespielt hat. Der Otto-Normalverbraucher hält auch in Camden die Fahne hoch, denn pseudotypisch und pauschalisiert – wie neuerdings in Berliner Bezirken die Menschen wie frisch-gefickte Eichhörnchen rumrennen – läuft hier keiner durch die Gegend. Vielleicht ein Grund dafür, wieso das Touristen-Gesindel, wahrscheinlich beliebter als in Berlin, gefrustet ohne Star-Schnappschuss aus Camden abreist. Man ist halt normal.

Ein paar englische Reihenhäuser weiter und etwas fern vom Ameisenhaufen, ist man bei Julia Zuhause: Ein typisch englisches Haus. Eingerichtet in einer Mischung aus Kolonialstil und DDR. Sie leben hier zu fünft. „In Wirklichkeit findet hier das wahre ‚Gute Zeiten, Schlechte Zeiten‘ statt“, sagt sie. Wieso sie das sagt, wird erst später deutlich, als sie die Tür schließt und mit Bettgeschichten ihres Mitbewohners auspackt. Währenddessen liegt Kampfhund Bulzeye wie ein Baby auf ihrem Arm und scheint zu schlafen. Ebenfalls vom Trubel abgeschottet ist Schildkröte und Haustier Keith, die in der dritten Schublade einer Kommode ihr Heim eingerichtet hat. Die Welt steht Kopf in Camden – wie der Lampenschirm an der Decke, der scheinbar im Delirium auf gehangen worden ist. In Berlin wäre es Kunst, in London ist es halt so.
Unweit vom Haus von Julia steht neuerdings ein Anwesen leer. Die Besitzerin war ebenfalls in die Szene involviert und spielte in Videos auf Youtube mit Peter Doherty im Drogenrausch mit Baby-Mäusen: Amy Winehouse.

Drogen, Exzesse und Alkohol sind alles Assoziationen, die man in Verbindung bringt mit dem Privileg „beste Soul-Sängerin des Planeten Erde“. Dabei wirkt es jetzt schon fast ironisch, dass sie in ihrem Lied „Rehab“ vom gescheiterten Entzug singt. Sie war eine der 100 Leute, die man als Camdener Szene bezeichnen kann. Ihr Album „Back to Black“ erreichte fünf Grammy-Awards und stand mehrere Wochen auf Platz Eins der Charts. Letztens brachen Unbekannte in ihr Haus ein und stahlen Songs, Bilder und andere persönliche Sachen. Seitdem sitzt ein Sicherheitsmann vor dem Haus der verstorbenen Sängerin. Medien hatten ihr nach ihrem desolaten Zustand bei einem Auftritt in Belgrad ohnehin schlechte Karten für die Zukunft eingeräumt. Betrunken stolzierte sie auf der Bühne, stammelte einige Töne wie eine Krähe in Paarungszeit und verschwand kurz danach von der Bühne. So richtig Sorgen machte sich keiner um sie, denn schließlich sei man es von Winehouse gewöhnt gewesen, dass sie nicht unbedingt immer im Scheinwerferlicht, sondern viel zu oft daneben, stand. Schier einzigartig schien ihre Stimme, schier unglaublich aber auch die Beziehung zu ihrer Crackpfeife, die man auf privaten Videos öfter zu sehen bekommen hat. Dabei hätte Winhouse ein erfolgreiches Leben haben können, schließlich fing ihre Karriere mehr als viel versprechend an: Im zarten Alter von 18 Jahren der erste Plattenvertrag, ihr Debütalbum „Frank“ erreichte dreimal Platin und auch sonst schien ein neues Sternchen am Musikhimmel zu glühen. Ein paar Jahre später, 2006, veröffentlichte sie ihr zweites und letztes Album „Back to Black“, mit dem sie die den internationalen Durchbruch geschafft hat. 2007 trat ein Mann in ihr Leben, mit dem gleichzeitig auch die Verschrottung ihres Körpers anfing. Blake Fielder-Civil, der nun einen Teil von ihrem Vermögen einklagen will, heiratete sie in Miami, seitdem waren Schwächeanfälle im Leben der Soul-Sängerin Alltag und Konzerte mussten abgesagt werden. Wenn sie denn ein Konzert gab, stand man da in der Hoffnung, dass sie sich den Text merken kann und auftrittsfähig ist. 2009 lässt sie sich von Fielder-Civil scheiden – ihre Drogensucht blieb dennoch. Immer wieder musste die Sängerin in Entzugskliniken eingeliefert werden und immer wieder hofften Verwandte und Freunde, dass sie den Absprung schafft. Eine Beziehung der etwas anderen Art hegte sie zu Peter Doherty. Der Sänger der „Babyshambles“ und „The Libertines“ soll in dieser Zeit ein enger Vertrauter in ihrem Leben gewesen sein. Die Medien machten daraus ein Wettrennen nach dem Motto: „Wer stirbt zuerst?“ Peter Doherty sagte einmal in einem Interview: „Ich habe etwas in mir, was mich am Leben lässt.“ Das hatte Amy Winehouse wohl nicht. Selbst ihre Mutter, Janis Winehouse, hatte wenig Hoffnung, dass ihre Tochter sich wieder rehabilitiert: „Es ist mit ihr, als ob man einen Autounfall beobachtet“, sagt sie vor dem plötzlichen Ableben ihrer Tochter. Auch gegenüber der „Sunday Mirror“ äußerte sie sich pessimistisch, was den Gesundheitszustand ihrer Tochter angeht. Es würde sie demnach nicht überraschen, wenn ihre Tochter vor ihrer Zeit sterbe. Letztlich kann man nur Vermutungen anstellen, wieso sich Amy Winehouse so plötzlich und jung aus dem Leben riss. Manche sagen, es sei ein Drogencocktail aus Heroin, Kokain, Ecstasy und dem Pferdenarkosemittel Ketamin gewesen. Vielleicht war es aber auch einfach nur die über Jahre anhaltende Selbstzerstörung, von der sie am Ende so geschwächt war, dass sie in ihrer Camdener Wohnung am 23. Juli 2011 starb. Verschwörungstheoretiker machen auch vor Amy Winehouse nicht Halt. Laut der Mysterien-Internetseite „paraportal.org“, täusche man den Tod der Musikerin nur vor, damit sich höhere Einnahmen erzielen ließen, weil sich Alben und CDs von Stars nach dem Ableben noch einmal gut verkaufen lassen. Dem Portal zufolge sei nicht zu erwarten gewesen, dass es Winehouse „noch einmal auf die Beine geschafft hätte“. Eigentlich aber lebt Amy Winehouse auf einer einsamen Insel mit Janis Joplin, Kurt Kobain, Brian Jones und Jimi Hendrix. Sie sind alle im Alter von 27 gestorben und leben seitdem im „Klub 27“. Die etlichen Touristen jedenfalls nehmen wenigstens einen Schnappschuss aus dem Urlaub mit: Das Haus von Amy Winehous gilt mittlerweile als Pilgerstätte. Dass ihre Grabstätte ebenfalls zum Anziehungsort für asiatische Touristen mit Kamera um den Hals werden könnte, ist unwahrscheinlich – zu hart wären die Strapazen: Auf dem „Edgwarebury Cemetry“, einem jüdischen Friedhof, 15 Kilometer vom Zentrum Londons entfernt, liegt die Asche von Amy Winehouse zusammen mit ihrer geliebten Oma Cynthia. Das wäre dann wohl mehr als nur ein Spaziergang.