Musik, Bücher, Museen und anderes treiben uns jeden Tag um. Im Café, in der Uni, der Badewanne oder auf dem Fahrrad. Wie aber stellt man all das vor, was man irgendwie für wichtig hält? Das kann gar nicht funktionieren und das ist auch nicht schlimm. Ob frisch erschienen oder im Antiquariat erspäht – Kultur & Eselei hält die Augen offen nach allem, was die Welt an Neuem zu bieten hat, aber auch nach den Dingen, die in verstaubten Kisten lagern oder auf dem Fensterbrett vergilben.

Musik:
Eigentlich sind wir mit dieser Besprechung viel zu spät dran, aber das nehmen wir ganz gern in Kauf, wenn wir uns dafür dem Aktualitätszwang entziehen können. Es geht um The Weeknds „House of Balloons“, das ein durchaus hörbares Stück R‘n‘B ist, auch für diejenigen, für die die ganze Kiste sonst eher ein rotes Tuch ist. Obendrein gibt es das Album kostenlos zum Herunterladen, was sehr clever ist, denn so wird sich keiner groß ärgern oder aufregen, wenn es ihm nicht gefällt und überhaupt steht man der Sache dank dieses Marketingkalküls gleich ziemlich wohlgesonnen gegenüber.
Wie klingt das Ding aber? Nun, irritierenderweise erinnert es an eine eigentümliche Mischung aus Burial und Kruder&Dorfmeister. Stellenweise jedenfalls, wie zum Beispiel in „What You Need“. Ein paar Klicks weiter grüßt dann plötzlich doch Craig David aus den Boxen – den hat man normalerweise schon seit guten fünf Jahren, wenn‘s nicht gar zehn sind, so überhaupt nicht mehr auf dem Schirm. Auch sonst ist das Album voll von Samples und Zitaten, hat sehr coole Momente, wenn man sich Rolands TR 707 herbei wünscht, und bleibt oft sogar in den Gehörgängen – wenn auch nicht für allzu lange, aber vielleicht führt hier das knallharte Hämmern auf die Repeattaste zu anderen Ergebnissen. Die Platte ist gut produziert, das muss man ihr wirklich lassen. Sie will – und das tut sie mit großem Erfolg – nur allzu oft an Sachen erinnern,  die man kennt und die nüchtern betrachtet besser sind: Neben den paar Referenzen, die oben schon genannt wurden, kann man hier noch locker um James Blake oder auch Jamie Woon ergänzen – und die machen ihre Sache bei nicht einmal genauso viel Hype nun wirklich gut. Was erst einmal bleibt, ist also ein seltsames Gefühl der Unentschiedenheit – wenn das dazu führt, sich die acht Tracks noch einmal anzuhören, haben The Weeknd trotzdem schon gewonnen.

Buch:
Als Kind jagte ich durch Wald und Wiesen, ausgestattet mit fetziger Kleidung, die ein bisschen rüpelhaft aussah, und allerlei lebensnotwendigem Kleinkram. Irgendwann ging die Sache so weit, dass Familienmitglieder für die Produktion richtig echter Lederwesten und Hüte rekrutiert wurden – mit Erfolg. Und wofür das alles? - Um eines Tages einmal so lässig, cool und mutig zu sein wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn aus den Büchern Mark Twains. Viele Jahre später, vermutlich während irgendeines Umzugs, liegen sie da wieder. Ein bisschen abgegriffen, mit dem Geruch, den alle alten Bücher haben und dieser schönen Prägung vorne drauf.
Manche Dinge liest man später noch einmal und ist enttäuscht, weil sie nicht mehr funktionieren. Die Welten, die man sich als Kind gebaut hat, kommen nicht mehr zurück oder sind nur noch als blasse Erinnerungen da, die nicht mehr so recht lebendig werden wollen. Bei Mark Twains Geschichten über Tom Sawyer und Huckleberry Finn ist das anders: Ein paar erste kecke Antworten, die Tom seiner Tante gibt, und man knipst erst einmal alles aus und ist an den wunderschönen Orten rund um den Mississippi, an denen Tom, Huck, Joe Harper und einige andere höllisch viel Mist bauen. Immer geht es natürlich darum, ein besonders guter Räuber zu sein oder seine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die man besser mal auf sich hätte beruhen lassen sollen. Die Szene, in der Tom und Huck einen Mord beobachten, ist ein schönes Beispiel dafür: Dass der Indianer Joe, auf den sowieso keiner gut zu sprechen ist, sein Messer in die Brust eines anderen rammt, ist ihnen dann doch zu viel. Den beiden wird so mulmig, dass sie ein wenig später erst einmal untertauchen, um zusammen mit Joe Harper in aller Ruhe Piraten zu werden. Das funktioniert natürlich nur so lange, wie die ganze Sache nicht öde wird. Und das wiederum ist spätestens dann, als das Dörfchen eine Trauerfeier für die inzwischen totgeglaubten Jungs hält, nicht mehr der Fall – also funken sie kurzerhand dazwischen und tauchen aufs Allerlebendigste aus dem Nichts auf.
Kaum sind die ganzen Querelen aus Mord und Totschlag ein bisschen vergessen, wartet schon das nächste Abenteuer: Tom verliebt sich, findet einen Schatz und sich selbst unverhofft in einer Höhle wieder. Praktischerweise ist Becky Thatcher, das Mädchen, das er im Auge hat, auch dabei und bei Todesangst und etwas Kuchen kommen sich die beiden näher. Im Städtchen trauern die Leute indes ein zweites Mal, natürlich – wir wissen das schon längst – wieder umsonst. Und so geht es immer weiter, ohne, dass einem jemals langweilig wird. Am Ende des zweiten Bandes schließlich – wir konnten darin mehr über die Abenteuer erfahren, die Huck Finn und der Neger Jim gemeinsam erleben – lässt Mark Twain seinen Protagonisten diese schönen letzten Worte sagen: „Mehr hab ich nicht mehr zu erzählen, und ich bin auch sehr froh darüber. Denn wenn ich gewußt hätt, was es für ‚ne Mühe macht, ‚n Buch zu schreiben, dann hätt ich so was gar nicht erst angefangen. Ich will‘s auch nie wieder tun.“
So ganz stimmt das nicht – ein Jahr später in der Welt der beiden setzt Huck sich erneut hin und erzählt eine Detektivgeschichte, die sich gewaschen hat; mehr möchten wir dazu aber nicht verraten.