Immer mehr Leute tragen Kleidungsstücke und Accessoires von denen gesagt wird, sie seien irgendwie ironisch zu verstehen. Wir haben uns gefragt, warum die Straßen plötzlich voller Ironie-liebender Menschen sind, die Welt aber immer noch nicht lustiger geworden ist.

In der letzten Ausgabe von Slyle haben wir über die neuen Hipster-Handys berichtet. Wir haben festgestellt, dass eines ihrer Features ist, dass sie so unheimlich schön ironisch zu verstehen sind.

Anna aus der Werbeakquise hat jetzt auch ein sogenanntes Hipster-Handy. Während sie eigentlich arbeiten müsste, telefoniert sie damit fröhlich mit Gott und der Welt. Dabei raucht sie eine dieser neuen Fred-Zigaretten mit der 0 drauf.

Nichts für ungut Anna. Anna ist wirklich nett und auch klug, aber was Ironie bedeutet, hat sie bis heute nicht verstanden. Für Anna ist das Handy einfach ein Modestatement. Genauso wie der Opa-Hut, die Steppjacke oder die 90s-Frisur. Welcher Hipsterkörper diese Dinge aufgrund seiner ausgeprägten Liebe zur Ironie trägt, hat es verfehlt und seine Werbetafel uniformiert. Nein – Opa und Rich-Kid-Accessoires, getragen von Tausenden, haben nichts mehr mit Ironie zu tun, sondern mit Mode. So einfach ist das. Und so schlau ist das. Denn wer hat heutzutage schon Zeit, hinter das Wörtliche zu schauen? Und wer würde sich ernsthaft mit wirklich ironischen Statements auf die Straße trauen? Wer würde mit Gesundheitsschuhen ins Berghain gehen oder sich eine Halbglatze rasieren, obwohl er erst 16 ist? Man würde entweder abwertend angesehen oder übersehen werden. Gerade von jenen, an die diese Statements adressiert sind: Den ironie-liebenden Hipsterleuten. Wirklich ausgefeilte subtile ironische Statements wollen deshalb von langer Hand geplant und professionell ausgeführt sein oder man steht ganz schnell im Abseits des lokalen Scheinwerferlichts.

Besonders in Kants Deutschland setzen sich originär ironische Individualisten oft der großen Gefahr aus, als nicht-rationale Kindswesen dazustehen. Ein hartes Pflaster also für Einzigartige. Bald wird man dann entmündigt und kommt in ein Haus, das voller interessanter Individualisten ist, die alle ganz viel Zeit für ihre originellen und ironischen Mode- und sonstigen Statements haben. Abgeschottet von der Öffentlichkeit und mit Ausgangssperre. Für diejenigen, die einen Job haben, geht das allerdings gar nicht.

Doch wer sagt überhaupt, dass Individualismus gut ist? Jean-Paul Sartre? Angela Merkel? Anna schreit aus dem Hintergrund „Apple“ und hat nicht ganz unrecht. Was ist individueller als sein eigener Macbook in der Unibibliothek? Der Inhalt vielleicht, nur den sieht man ja nicht.

Aber möglicherweise hat Anna recht und Apple & Co sind wirklich die größten Nutztragenden von unserem Drang nach Individualismus. Hätte da nicht diese neue Bio-Vegan-Eisdiele um die Ecke aufgemacht. Die verkaufen veganes Bio-Eis zum angenehmen Preis von 90 Cent pro Bällchen. Vor allem Soja-Joghurt-Mango ist zu empfehlen. Darauf ein paar Smarties und der Sonntag ist gerettet. Doch wie sind wir jetzt eigentlich von Ironie zu Individualismus und Soja-Eis gekommen? Alle drei funktionieren im Alltag irgendwie nur, wenn sie leider schon wieder zu offensichtlich sind, um lustig, interessant oder einzigartig zu sein. Es muss eben doch immer auch nett aussehen und lecker sein. Also nach den Regeln spielen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Stereotyperei boomt und wir in jeder Subkultur immer die gleichen genormten Gesichter sehen. Das gilt für Hipster genauso wie für Metaller oder Mathematikstudenten. Man will dazugehören, aber trotzdem einzigartig sein. Individualismus in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen eben. Was manche als Fake-Individualismus bezeichnen würden, fühlt sich oft einfach besser an, als den Weg ins ewige Energiesparlampen-Licht alleine antreten zu müssen. Manchmal trifft man dort nämlich auf Gestalten, die man da einfach nicht sehen möchte. Wie den gruseligen Norwegen-Mörder oder diesen Weirdo aus der Schule, mit dem keiner befreundet sein wollte, weil er sich in der Pause immer geritzt hat. Da braucht man dann Freunde, die zu einem stehen. Und wie erkennt man die in der großen Stadt Berlin, wenn nicht durch den richtigen Klingelton?