Warum das Hipstertum beim Berlin Festival seinen Höhepunkt fand und warum jeder über die Kulturbewegung spricht, die eigentlich keine ist.

Er sitzt locker, seine Farbe ist meist beige bis weiß und auf ihm finden sich lustige Motive, Zeichen und Schriftzüge: der Beutel.
Lässig wirft man ihn über die Schulter, sucht an der Kasse des Supermarktes oder an der eigenen Wohnungstür verzweifelt nach Geldbeutel und Schlüssel. Manchmal sieht er schon so geschunden und dreckig aus, dass er als Accessoire der Flaschensammler gelten könnte, dennoch trägt man seinen Stoffbeutel – weil man ihn liebt.

Der Stoffbeutel ist zum Symbol einer neuen Kulturbewegung geworden. Dazu noch eine Röhrenjeans, Chelsea-Boots und Jeanshemd und fertig ist der Hipster. Sicherlich wurde in der Vergangenheit viel darüber geredet, was Hipsters lieben, was Hipsters tragen, was Hipsters für Musik hören und was Hipsters im Leben machen. Man redet und schreibt in Massen über sie und das Wort Hipster erkennt das Schreibprogramm immer noch nicht. Eigentlich wird in der letzten Zeit alles als Hipster in die Schublade gepackt, was einigermaßen die Kriterien des Hipstertums erfüllt. Trägst du einen Beutel, bist du Hipster. Fährst du ein altes Fahrrad, du bist Hipster. Haben deine Strumpfhosen Löcher, du bist ein Hipster. Doch wer macht das? Wer redet über die Leute, die gerne als Dandy, Hipster oder Indie abgestempelt werden?

Randgruppen in der menschlichen Geschichte und Evolution gab es schon immer. Heutzutage wird allerdings alles was einigermaßen cool oder eben hip ist, mit Diskussionen zunichte gemacht. Verwunderlich, dass Hipster nur eine Randgruppe sind, wo doch alle über sie reden und jeder sie kennt. Doch wer hat das Wort erfunden? Wer hat diese Kulturbewegung geschaffen, die eigentlich nie eine sein wollte? Man könnte des Rätsels Lösung im psychologischen Verhalten der Menschen suchen. Viele Menschen reden nämlich viel lieber über andere als über sich selbst. Das könnte nun zum Einen daran liegen, dass sie wirklich keine eigenen Probleme haben oder aber daran, dass sie von ihrer eigenen Inkompetenz ablenken wollen, damit sie ihre Schwächen für Klamotten oder Mode verbergen können. Ironischerweise reden viele Menschen auch einfach nur mit und beteiligen sich an inhaltslosen Diskussionen, um cool, also ein Hipster, zu sein. Und wenn man ehrlich ist, schaut man Hipster doch viel lieber hinterher als irgendwelchen Computerfreaks, deren Schweißwolke, verursacht vom letzten Zocken, aus hundert Meter Entfernung zu riechen ist. Schön anzusehen sind die Hipster-Attraktionen jedenfalls allemal und so mancher Spaziergang entartet dann in einem riesigen Schaulaufen hunderter menschlicher Werbeplattformen. Alles Menschen, die mit ihrem Verhalten, ihren Blicken und ihrer Kleidung versuchen, andere Blicke auf sich zu ziehen und zu werben – für sich selbst.

Besonders stark äußert sich das Phänomen bei großen Musikveranstaltungen, wie auch beim diesjährigen Berlin Festival. Allein beim Durchgang durch die Katakomben des ehemaligen Tempelhofer Flughafens merkte man, dass man von rechts, links, vorne und hinten anvisiert wurde. Die Armee der Hipster schritt zur Tat und fing mit der Musterung der jeweiligen anderen Hipster-Exemplare an. Angekommen auf dem Flugfeld, fand man keine ruhige Minute, um sich vollends der Musik hinzugeben, dafür war der Körper zu versteinert. Als gäbe es irgendeine Stimme im Kopf, die einem sagt, dass man jetzt lieber auf einen springenden, hüpfenden und herumbrüllenden Eigenauftritt verzichtet, weil man auf der Haut spürt, wie einen die verschiedenen Fadenkreuze anvisieren. Dabei hatte man bei dem Line Up des Festivals guten Grund gehabt, seinen Lila-Launebären auszupacken und mit ihm wild die zwei Tage zu feiern. CSS, Beginner, Beirut, Boys Noize und viele andere standen auf den Bühnen und leider viel zu viele Selbstverliebte davor. Man wollte der Veranstaltung stilvoll beiwohnen. Dabei verwunderte es nicht, dass die Massen vor den Bühnen nur dann tobten, wenn einer anfing – ist schließlich auch ein typisches menschliches Phänomen. Auf dem Flugfeld saßen sie dann bei herrlichem Sonnenschein und warmen Temperaturen: die Hipster. Natürlich haben sie ihre Freunde mitgebracht, die auch durch jenes szenetypische Verhalten ausgezeichnet wurden. Sie saßen dort, manchmal zu fünft oder zu sechst. Und vor sich legten sie ihren geliebten Stoffbeutel auf den Asphalt des Flugfeldes, bedruckt mit Dreiecken und anderem. „Ich komm‘ aus Muschi du Kreuzberg“ oder auch die schlicht unbedruckten Exemplare konnte man sehen. Ein Mekka des Individualismus. Schade, dass man den gleichen Beutel in derselben Ausführung drei Meter noch einmal sah. Man zuckte dann leicht zusammen – aber nur leicht, damit es die anderen nicht sahen – wenn man seinen eigenen Beutel bei einer anderen Person erspähte. Um die scheinbar kilometerlangen Wege zwischen den Bühnen zu bewältigen, war man gezwungen, an den Gruppierungen vorbei zu gehen. Und so glich der Weg dann einer großen Modenschau. Hektisch blickte man sich um, wer einen denn wohl als nächstes begutachten würde, wer einen wieder von oben bis unten anschauen würde. Und so neigte sich das Berlin Festival an einem sommerlichen Wochenende im September dem Ende entgegen. Vielleicht fuhr der ein oder andere mit seinem 60er-Jahre Fahrrad nach Hause und träumte von den vielen Menschen, die der Individualität einen Schritt voraus sein wollten und diese letztlich trotzdem als Uniform trugen.

Mit der Lösung des Anfangsproblems beschäftigt man sich allerdings immer noch. Vielleicht fasst man es kurz und nach „Wir sind Papst“, der im Übrigen dieser Tage die Hauptstadt besucht, sagt man einfach: Wir sind Hipster. Und zwar alle. Dies wäre die wahrscheinlich einfachste Begründung einer neuen Kulturbewegung, die eigentlich keine ist.