Geschichten von Herrn K.

„Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“ So sieht es Vincent van Gogh mit dem „normal sein“. Doch schaut man in den Duden und begibt sich auf eine Forschungsreise, um herauszufinden, was denn nun eigentlich Normalität ist, findet man die Antwort in einer Gesellschaftskritik: „So [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt.“ Ist das Prädikat „normal“ also nur ein von der Gesellschaft geschaffenes Idealbild, das viel zu oberflächlich über Menschen urteilt?
In der neuen Rubrik „Geschichten von Herrn K.“ berichte ich – auf der einen Seite – von ganz „normalen Menschen“. Als Gegenstück zum Normalsein stelle ich dazu Menschen vor, die im Rampenlicht stehen, die - rein oberflächlich betrachtet - nicht dem „Üblichen“ entsprechen, auf deren Straße sozusagen Blumen  wachsen und gedeihen.

Auf der Admiralbrücke fängt am frühen Nachmittag das Leben an zu pulsieren. Es wird Herbst und kälter. Dennoch locken warme Sonnenstrahlen die Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen heraus. Viele Bars und andere Cafés versammeln sich rund um die belebte und beliebte Brücke, die an einigen Abenden so voll ist, dass sie von der Polizei geräumt werden muss. Vor einem der Cafés sitzt Urli Hegelson mit seiner Freundin Brigitte Mielke. Die beiden sind nun schon seit zehn Jahren ein Paar. 65 Jahre alt ist Urli, Brigitte 54. Eigentlich kommen die beiden aus „Berlin bei Spandau“, wie sie scherzhaft sagen. „Urli sagte, dass die Torte hier sehr gut schmeckt, deswegen sind wir hier“, sagt Brigitte und trinkt noch einen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Die Frau mit den kurzen blonden Haaren kommt eigentlich aus der ehemaligen DDR, aus Stendal. „Ich habe aber auch in Berlin-Mitte und Hellersdorf gewohnt“, merkt Brigitte an und schaut dabei ihren Urli lächelnd an. Damals ist Brigitte, die ironischerweise mit Nachnamen Mielke heißt, in den Westen geflüchtet: „Ich habe in der DDR Betriebswirtschaftslehre studiert und wollte Karriere machen.“ Das wurde ihr verwehrt, weil sie nicht mit den Idealen der damaligen Staatsführung einverstanden war. „Es ging doch damals alles nur mit der richtigen Partei“, sagt sie in ruhiger Art und Weise, so dass man kaum merkt, welche Wut zu jener Zeit in ihr gesteckt haben muss. „Ich wollte meine eigene Meinung haben und nicht wie der Staat es wollte.“ Dadurch, dass sie eine Tante im von ihr so genannten „Wessiland“ hatte, durfte sie diese an deren Geburtstag besuchen: „Ich packte meine Reisetasche mit den wichtigsten Dingen und ging in den Westen.“ Und so fuhr sie in die Bundesrepublik. Sie flog von Bremen mit den Flugzeug nach Westberlin, weil sie – als Flüchlting   – schlecht den Landweg durch den Osten nehmen konnte. „Ich hatte in Westberlin eine Freundin, sie war die Einzige, die ich drüben hatte“, sagt Brigitte Mielke. Sie schlief in einem Lager, in dem auch andere Flüchtlinge untergebracht waren – eine Übergangssituation. „April, April! Auf dem Arbeitsamt sagten sie mir, dass mein Studium nicht anerkannt wird“, beschreibt Brigitte ihre damalige Situation und sagt weiter: „Da dachte ich mir: Dann studiere ich halt noch einmal!“ Und so studierte sie wieder BWL, arbeitete danach bei der Bundesaufsicht für Kreditwesen. Von all dem ganzen Trubel bekam ihr Urli noch nichts mit. „Ich komme aus Norwegen“, sagt er. In diesem Moment ruft Brigitte laut „Schwindler“ und Urli korrigiert sich und erklärt lächelnd, dass in Norwegen seine Wurzeln liegen. Wie sein Dialekt schon vermuten ließ, kommt er aus dem „Schwabenländle“, aus Aalen. Die beiden haben sich durch das Stadtmagazin „TIP“ kennengelernt, in dem Brigitte eine Annonce schaltete. „Er schickte mir damals einen Brief mit seinem Foto, obwohl ich extra in die Anzeige geschrieben hatte, dass ich kein Foto haben will“, erklärt Brigitte ihr Kennenlernen.

Trotzdem rief sie Urli an und sie verabredeten sich. „Im ersten Moment, als ich sie am Telefon hörte, sagte ich, dass sie eine sehr angenehme Stimme hat“, sagt Urli Hegelson. Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Auf die Frage, ob es in der Beziehung zu Ost-West-Konflikten kommt, droht Brigitte Urli, just in dem Augenblick, in dem er die Frage beantworten will: „Pass auf was du sagst“, sagt sie und beide lachen sich herzhaft an. „Sicherlich sind unsere Einstellungen unterschiedlich, aber Probleme haben wir in dieser Hinsicht nicht“, so Urli. Seine Freundin Brigitte scheint beruhigt, lacht aber immer noch: „Wir sind halt jeweils unter anderen Umständen groß geworden, ich musste beispielsweise lernen, dass man ‘einfach‘ einkaufen gehen kann“, erläutert Brigitte die Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR.
In zehn Jahren wünscht sich Brigitte Mielke, dass sie – so wie Urli jetzt schon – endlich in Rente ist. Der allerdings möchte bis dahin ein Haus auf der Insel Reichenau im Bodensee haben. Vielleicht kocht er auch dann noch für seine Brigitte Maultaschen, die besser als im Discounter schmecken und spielt das ein oder andere Mal Saxophon für sie. Dies macht „Papasax“, wie er auch genannt wird,  nämlich leidenschaftlich gern. Dass Urli jedenfalls einen guten Geschmack hat, weiß Brigitte zu schätzen: „Die Torte hat vorzüglich geschmeckt.“, sagt sie, während der Kellner das Geschirr abräumt.