Noch weniger als eine Woche bis Weihnachten. In gefühlt jeder zweiten Straße Berlins findet sich ein Weihnachtsmarkt, in den anderen werden Tannenbäume verkauft oder Menschen hetzen durch die Geschäfte, auf der Suche nach den letzten Geschenken. Wie wird es hier wohl in einer Woche aussehen? Ich weiß es nicht, denn ich werde nicht da sein, aber so stelle ich mir die Stadt an Weihnachten vor: ruhig. Auch wenn es wohl nicht schneien wird, wird diese ganz besondere Stille frischen Schnees über ihr liegen. Die Stille eines Neuanfangs und gleichzeitig die Stille der Leere. Denn so stelle ich mir Berlin an Weihnachten vor allem vor: leer. Die Geschäfte geschlossen, die Büros verlassen und die Menschen, die sie sonst bevölkern, in Zügen, Autos und Flugzeugen.

Menschen, die die Stadt verlassen. Berliner, die eigentlich mal etwas anderes waren. Die woanders herkommen und zu Weihnachten, zu diesen – ihren – Wurzeln zurückkehren. Ich gehöre dazu. Auch ich werde mich am 22. Dezember in einen Zug setzen und… ja wohin werde ich eigentlich fahren? Nach Hause? Eigentlich schon und doch fühlt es sich vielmehr so an, als würde ich mein Zuhause verlassen. Diese Stadt, in der ich lebe, studiere, arbeite. Diese Stadt, in der ich langsam aber sicher weiß, welche Bahn mich wohin bringt. Diese Stadt, in der ich weiß, wie in meinen Supermärkten die Regale sortiert sind. Diese Stadt, in der ich weiß, wo es den besten Kaffee, die leckersten Falafel gibt. Diese Stadt, in der ich abends nach Hause komme, die Tür zumache und ich sein kann.

Langsam, still und heimlich ist Berlin in den letzten Monaten von einem Traum, einem Abenteuer, einem Neuanfang zu etwas Vertrautem geworden, zu einem Zuhause. Und trotzdem ist es das nicht vollkommen, dazu fehlt hier zu viel, allen voran meine Familie und einige meiner liebsten Freunde, aber ebenso Erinnerungen, Kindheit, eine Vergangenheit. Berlin ist wie eine Leinwand mit noch ziemlich vielen weißen Flecken. Raum, der gefüllt werden will und das auch zweifellos wird, aber das braucht Zeit und noch ist es nicht so weit. Noch ist das hier nur ein halbes Zuhause. Gibt es das überhaupt? Was ist Zuhause? Der Ort, von dem wir kommen, an dem wir geboren wurden, wo wir aufgewachsen sind? Der Ort, an dem wir leben, der unsere Gegenwart und vielleicht auch unsere Zukunft ist? Die Menschen, die wir lieben, ohne die wir uns nie ganz komplett fühlen?

Ja. Und nein.

Denn Zuhause, das ist ein Gefühl. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, von Vertrautheit und manchmal vielleicht auch Langeweile. Und wer sagt, dass man ein Gefühl nur einmal fühlen kann? Genau wie die Liebe in tausenden unterschiedlicher Facetten kommt und wir ganz verschiedene Menschen auf ganz verschiedene Arten lieben können, so können wir auch auf ganz verschiedene Arten zuhause sein. An den Orten, an denen wir aufgewachsen sind, denen unsere Kindheitserinnerungen innewohnen. Bei den Menschen, die uns am nächsten stehen, die uns kennen und die auch da sind, wenn sie nicht da sind. Und an den Orten, die wir zu unserem Zuhause machen, an denen wir uns selbst fordern und weiterentwickeln, an denen wir uns unsere Träume erfüllen. An den Orten, an denen wir leben.

Und deshalb ist es auch nicht paradox, wenn ich davon spreche, dass ich in ein paar Tagen nach Hause fahre, in die Vergangenheit, zu einigen der wichtigsten Menschen, zu vertrauten Gerüchen und Anblicken, zu Traditionen und Beständigkeit. Und im selben Atemzug davon spreche, im neuen Jahr wieder zurück nach Hause zu kommen, in die Gegenwart, in mein Leben, zu neuen Menschen und solchen, die ich noch gar nicht kenne, zu wartenden Chancen und Veränderung. Berlin wird wohl nie das eine Zuhause für mich sein, genauso wenig wird der Ort, an dem ich aufwuchs, das jemals wieder wird. Denn Zuhause, das ist ein Gefühl. Und wer sagt, dass man Gefühle nur einmal fühlen kann?