Gesund und glücklich am Bodensee.

Mit dem Wochenendticket von Berlin an den Bodensee zu fahren, ist wirklich keine Freude. Die Landschaft ist natürlich wunderschön, nur leider geht sie in Anbetracht von ungefähr zwanzig Grad minus im ersten Zug etwas unter. Die Deutsche Bahn beweist, das ist ja seit einigen Jahren ihre ganz besondere Stärke, absolut kein Gespür dafür, was in Sachen Temperatur und Fahrgefühl geht und was nicht, und so sitzt man im engen Abteil eines Zuges, der unnötig oft nach links und rechts kippt. Das soll ihn angeblich schneller machen, offenbar führt das Geschlenker aber dazu, dass kleine Kinder zuerst gelblich-grün anlaufen und im Anschluss unter Tränen erbrechen. Die Toiletten bleiben aus Gründen, die niemand so recht erläutern kann oder möchte, die gesamte Zeit über verschlossen – „Übergelaufen.“, »Gefährlich sonst.« Aha. Die verschiedenen Mageninhalte werden also in diversen Ecken des Zuges kleinen Plastetütchen anvertraut, die gewiss schon Besseres sahen. Man spürt selbst auch allmählich, wie die Übelkeit in einem hoch kriecht. Parallel dazu noch die oben schon erwähnte Kälte, die wirklich nicht mehr feierlich ist. Man muss sich verkrampfen und zusammen kringeln, um den Kampf gegen den Frost zu gewinnen, muss die Beine in einem Akt  gymnastischer Höchstleistung ineinander und zugleich unter den Po drehen. Für den Magen ist das nicht gut, er wird dabei seltsam gequetscht.
Draußen inzwischen blauer Himmel und sommerliches Hitzeflimmern über den Rapsfeldern – man mag aber gar nicht dahin sehen, denn mit diesem locus amoenus vor der Linse erscheint die eigene Situation nur noch trostloser. Schließlich der Rettungsanker! Nürnberg! Da gibt es zwar nichts weiter zu entdecken, dafür aber einen neuen Zug, in dem es Fenster gibt, die man öffnen kann. Sommerwind streicht durch die Haare, der Körper entspannt sich, Mücken pieksen einen und man freut sich darüber, der Duft von Kuhdung macht sich breit: es wird ländlich.

Nach vielen Stunden des Sitzens dann endlich der Bodensee. Es ist inzwischen dunkel geworden, ein wenig fühlt man sich an die Tatort-Folgen von hier unten erinnert, die immer sehr gut sind, aber auch sehr gruselig. Stets werden da die Leichen im See versenkt oder unter irgendwelche Boote geklemmt, wo sie dann vor sich hin verwesen, bis sie von Hunden oder Joggern entdeckt werden. Oder aber seltsame Teenager meucheln durch die Gegend, weil sie Probleme haben, die keiner sehen kann oder will – so Dinge eben. Ein wenig Spannung und Aufruhr also auch hier, jedenfalls, wenn man dem Produzententeam der ARD vertrauen möchte.

Am nächsten Morgen beim Gang durch das Städtchen wird sofort klar: das ist das Kontrastprogramm zu Berlin. Es ist überall sehr sauber, sehr ordentlich, pünktlich um zwölf Uhr mittags wird in den Vorgärten geharkt und Rasen gemäht und das Fallobst unter den Bäumen weg gelesen. Abends gegen sieben dann dasselbe Procedere noch einmal. Tauben, freilaufende Köter, herumlungernde Menschen, das gibt es hier nicht. Einer der wenigen Plätze, an denen sich so etwas wie Jugendkultur erkennen lässt, liegt direkt am See. Unter einer Autobrücke kann man die Kunst der heimischen Sprayer bewundern – sie ist sehr übersichtlich und besteht eigentlich nur aus Tags. Ein kleines Stückchen weiter flussabwärts fristet eine Halfpipe ihr trauriges Dasein – man darf davon ausgehen, dass sie so gut wie nie befahren wird, zu sauber kommt das Ding daher.

Anstelle von Orten, die traurige Geschichten erzählen, weil sie verranzt sind und die Menschen, die man dort trifft, alles andere als glücklich aussehen, sitzen hier feine ältere Damen frühmorgens am Ufer des Sees und trinken orangefarbene Getränke. Ein kleines Stück weiter tun braungebrannte Herren dasselbe, nur mit Dosenbier. Alles ist sehr ruhig, sehr gemütlich, man muss erst einmal einige Gänge zurück schalten, um sich dem Strom der Menschen, die durch den Ort schlendern, anpassen zu können. Das gelingt aber verblüffend schnell und gut.

Was man sich indes fragen kann und sollte, ist, warum dieses südliche Zipfelchen, von dem aus man in gerade mal fünf Minuten in die Schweiz gelangt, neuerdings ein so beliebtes Reiseziel junger Menschen ist, jedenfalls, wenn man den aktuellen Ansagen im Freundeskreis Glauben schenkt.
Man sieht hier auch tatsächlich einige jener Hipster, vor denen man eigentlich kurz Pause machen wollte. Sie laufen umher mit tollen Kameras um den Hals – La Sardina und die neu aufgelegte Diana F sind hier besonders beliebt – und einer dieser Brillen, die man tragen sollte, wenn man Lässigkeit und Intellektualität verbinden möchte, auf der Nase. Ein bisschen schief und verrutscht natürlich. So richtig Lust oder Mut, höchstpersönlich nachzufragen, wohin es denn des Weges geht und vor allem wieso, hat man dann aber doch nicht. Schließlich ist Urlaubszeit. Stattdessen ergeht man sich in Mutmaßungen. Womöglich ist es die seltsame Mischung aus französischem Laisser-faire, feinen Spezialitäten, Reichtum, Müßiggang und Spießertum, die die Anziehungskraft dieser Gegend um den Bodensee ausmacht. Den Dreck und Lärm der großen Stadt, den man sonst gern in Kauf nimmt, weil er zum hektischen, coolen und geschäftigen Leben ja irgendwie dazugehört – man findet ihn hier schlicht nicht. Auch den Geruch nach schwitzendem Mensch, Bier und U-Bahn-Rädern, die auf den Schienen heiß laufen nicht. Das ist angenehm, denn wenn man einmal in Ruhe in sich hinein horcht, findet man diese Sauberkeit und den Geruch nach Obstwiesen und frischem Wasser sehr okay. Er gehört gleichermaßen zu dem Gefühl, das man daheim in der großen Stadt mit Yoga, frischen Lebensmitteln vom Markt, Saunagängen und Kosmetika, die Schwalbenspeichel enthalten, künstlich herbeizuführen versucht.

Und trotzdem ist man nicht völlig abgekoppelt von dem, was sich gerade modisch in Berlin, Kopenhagen oder anderswo ereignet. Egal ist nämlich keinem, wie er herum läuft. Reichtum blitzt überall auf, das unterscheidet die Region deutlich von beispielsweise Sachsen-Anhaltinischen Dörfern. In denen fühlt man sich vielleicht auch deswegen verloren oder zur inneren Ruhe unfähig, weil man keine rechte Spiegelfläche findet und es manchmal verärgert, wenn es keinen kümmert, in welches Gewand man sich wirft. Das ist hier anders. Chic und Luxus geben den Ton an, das, was man im Osten des Landes gern mal einen Schluffi nennt, sieht man nicht, kurzum: Die Mischung aus Urlaubsgefühl, authentischem Müßiggang und der Wichtigkeit der richtigen Kutte könnte besser nicht sein.