Und die Erkenntnis, wieso nicht nur Müllmänner Orange tragen.

Wie ein Spaziergang im Herbst fühlte es sich an. Dieser Geruch nach feucht gewordenen Blättern, die kalte Luft an der Haut zu spüren. Und für einen kurzen Moment hielten die paar Sonnenstrahlen, die an irgendeinem Tag durch die Wolkendecken hervor schienen, die Zeit an. Und wohin der Blick wanderte, sah man deftiges Rot, knalliges Gelb, Schwarz, so wie die Nacht, und für die Jahreszeit das noch typische Grün. Doch was in einen Sog schien, war nicht etwa der romantisch angehauchte Tag in einem September, sondern die Wahlplakate der sich für übermächtig haltenden Parteien. Müllmannfarben wirkten da erfrischender – so auch in Berlin.

Irgendwie hatte diese Berliner Wahl etwas eigenartiges – damit ist nicht einmal das vorhergesehene Endergebnis gemeint, sondern eher der Wahlkampf an sich. Er wirkte dieses Jahr nicht so versteinert, nicht so gelangweilt. Kreativ, jung und dynamisch! Das sollte der Antrieb und das Motto für das Ende des Superwahljahres 2011 sein. Nicht, dass es die konservativen Anzugträger dieses Mal nicht gegeben hätte – doch, die gab es, allerdings nur in geringerer Anzahl und nicht mehr im Vordergrund. Und wenn selbst Renate Künast ein paar Knöpfe ihres Hemdes aufmacht und Wowereits Haare locker und luftig im Winde wehen, dann hatte das schon etwas zu bedeuten. Die Parteien glänzten – bis auf wenige Ausnahmen – mit pfiffigen und kurzweiligen Sätzen, die sich in das Gehirn meißelten wie der Baulärm der unzähligen Baustellen Berlins. Da gab es ein Meer an Wahlplakaten, die sich umgedrehte S-Bahnen, Schultafeln mit dem Schriftzug „Fällt aus!“ und Solarzellen zum Motto machten – alle mit einer Sprechblase versehen: „Da müssen wir ran!“  Eine andere Partei unterstrich ihre Hilflosigkeit, indem sie ihren Spitzenkandidaten in die Berliner Luft hängte und neben ihn ein ballonartiges Textfeld setze, in dem auch schon zu stilistischen Höhenflügen angesetzt wurde – vor allem mit Blick auf diese fabelhafte Alliteration, besonders, wenn man die Wahlplakate im Westen der Stadt aufhängt: „Mieter vor WILD-WEST schützen!“ Besonders frisch und alternativ wie Berlin eben ist, zeigten sich auch die „kleinen“ Wadenbeißer, wie die Satirepartei „Die Partei“ und die PC-Nerds „Die Piraten“ mit ihren Exemplaren der Politwerbung. „Die Partei“ schickte Sprüche, wie „Wowereit ausstopfen, Künast frisieren, Knut wiederbeleben“ oder aber schicke Fotomontagen mit Spitzenkandidaten, die sich scheinbar mit Schoko-Masken den Körper eingeschmiert hatten, in den Berliner Wahlkampf. Auch „Die Piraten“ sorgten besonders durch ihre Müllmannfarbe für einen echten Hingucker, allerdings mit weniger fetzigen Sprüchen, dafür aber mit mehr Raubkopien aus dem sozialen Netzwerk, wie „Piratenpartei – 847.870 Wählern gefällt das“.

Es gab also viel zu staunen im Berliner Wahlherbst. So auch einige Beispiele der Quietschente FDP, die man besser nicht nachmachen sollte: „Warum teilt die FDP nicht den Traum von einer autofreien Stadt? Weil keine Frau der Welt mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte.“ Auch sehr „wahlfrei“, angelehnt an den Spruch „Die neue Wahlfreiheit -  FDP“, zeigte sich das Plakat mit der Frage „Ist die FDP eine Arbeiterpartei oder die Partei der Besserverdiener?“ Antwort: „Wir möchten, dass man mit Arbeit besser verdient als ohne.“ Scheint so, als würde sich die FDP auch im Wahlkampf in fadenscheinige Aussagen flüchten. Wer diese und andere Wahlplakate jedenfalls verstanden hat, darf sich die liberale Krone der freien Interpretation aufsetzen – mehr aber auch nicht. Und sonst setzten Schwarz und Rot auf Altbewährtes. Auf Anzugmänner und „Wowi“. Schien jedenfalls zu helfen. Schließlich gewann Klaus Wowereit den Berliner Wahlkampf zum dritten Mal in Folge. Laut dem Statistischen Bundesamt Berlin-Brandenburg erreichte seine Partei, die SPD, beim vorläufigen amtlichen Endergebnis 28,3 Prozent und verlor damit zwar 2,5 Prozent im Vergleich zur letzten Abgeordnetenhauswahl 2006, aber dennoch kann Wowereit seine Hand zur Faust ballen, angesichts des dritten Sieges hintereinander: „Es ist so schön bei Euch!“, ruft er seinen Partei-Genossen bei der After-Wahlparty unter dröhnender Technomusik entgegen. Dass sie bei der diesjährigen Wahl auf Altbewährtes, aber dennoch auf nicht zu Starres setzten, schien anzukommen. Auch wenn Berlin mit einer Arbeitslosenquote von über drei Millionen und einem satten Minus vor dem Kontostand im nationalen Ländervergleich Letzter ist, hat Wowereits Führungsstil die Menschen überzeugt, ihn noch einmal als Bürgermeister zu wählen und in seinem Amt zu bestätigen. Die Probleme wurden ja sowieso von den Linken verursacht, wenn man auf die Berliner Schnauze vertraut. Darüber muss sich die SPD in nächster Zeit keine Gedanken mehr machen, schließlich bekam „Die Linke“ in ihrer derzeitigen Identitätskrise selbst in einer ihrer Wahlhochburgen weniger Stimmen zugeschrieben. 1,7 Prozent weniger als 2006. Verwunderlich, dass sie nicht noch mehr Wählerstimmen verloren. Für eine neue Berliner Regierung mit der SPD wird es dennoch nicht reichen, dafür sind die 11,7 Prozent einfach zu schwach, weil eben auch die SPD Verluste hinnehmen musste.

Freuen darf man sich indes bei der CDU. Die Anzugmänner auf den Wahlplakaten überzeugten jedenfalls. Dafür, dass Berlin für die Schwarzen ein gewohnt schwieriges Pflaster ist, waren 23,4 Prozent für den Spitzenkandidaten Frank Henkel ein Grund zur Euphorie. Das sind 2,1 Prozent mehr als bei der letzten Berlin-Wahl. Interessant: Den Urnengang am frühen, verregneten Berliner Wahlsonntag, trat er mit Mama und Papa an. Neben dem Politdrama ist der unverheiratete 47-Jährige also vielleicht auch bald bei der im privaten Fernsehen beliebten Show „Schwiegertochter gesucht“ zu sehen und sagte zum Wahlausgang: „Wir haben uns Respekt zurück erkämpft.“ Angesicht des derzeit bröckelnden Verhältnisses der Bundespartei zur „Fast-Drei-Prozent“-Partei, FDP, machte er keinen Hehl daraus, das WIR-Gefühl in seiner Partei zu stärken und sich so stark von den wahlfreien FDP‘ lern abzugrenzen.  

Diese jedenfalls scheint ganz im Sinne der auf den Wahldiagrammen als „Sonstige“ deklarierten Parteien in die Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. 1,8 Prozent, 5,8 Prozent weniger als 2006, zeigen deutlich, dass die FDP mehr Schwächen als nur unverständliche Wahlplakate hat. Der „liberale Gedanke“, wie ihn der Parteivorsitzende Rösler gerne nennt, kommt bei den Gelben nicht im Ansatz hervor. Es scheint das gleiche, nur stärkere Phänomen wie bei den „Linken“ zu sein: die Identität. Das „Arbeiter- und Besserverdienerpartei“-Plakat zeigte einmal mehr, dass die gesamte indirekte und ausweichende Art der FDP keinen interessiert. Als man erkannt hatte, dass die blauen „Wahlfragen“ auf gelbem Grund keinen Erfolg hatten, sprühte man auf Gehwegen „Schulden stoppen! FDP wählen!“ Man wollte eben ein neues Image präsentieren. Das Image, das die FDP führen will, seitdem Philipp Rösler Guido Westerwelle als Parteichef abgelöst hat. Dumm nur, dass dieses scheinbar hippe Image niemand zu sehen scheint. Rösler betitelte in einer Pressekonferenz den Wahlabend als „den schwersten“ seiner FDP-Karriere. Er wolle seine Parteifreunde – vielleicht auch Parteifeinde, das weiß man bei der FDP nie so genau – für die „liberale Sache einstellen und motivieren“. Ob die Partei es schafft, sich bis zur Bundestagswahl 2013 so zu motivieren und neu zu ordnen, bleibt fragwürdig. Die Stimmen bei dieser Wahl hat sie jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit an „Die Grünen“ und „Die Piraten“ verloren.

„Die Grünen“ mit Wirbelwind Künast an vorderster Politfront zeigten sich vor der Wahl und im Wahlkampf selbst zuversichtlich, das gute Abschneiden bei der Wahl in Baden-Württemberg zu wiederholen, wo die „Gegen-Grünen, hinsichtlich ihrer Kontra-Haltung in vielen politischen Debatten, erstmals sich den Regierungspartner auswählen konnten und selber nicht als Lückenfüller dienten. Die Hoffnungen waren groß – was der Farbe Grün eben am nächsten liegt. Letztlich schaffte man mit 17,6 Prozent auch ein sensationelles Ergebnis, doch auch ein Gewinn von 4,5 Prozent im Vergleich zur letzten Wahl reichte vermutlich nicht zu mehr, als ein Lückenfüller für SPD zu sein. Die wilde Renate sagte in ihrer gewohnt stark gestikulierenden Art mit dumpfer Raucherstimme: „Wir haben geliefert“. Pizza! Nein, Stimmen natürlich, schließlich könne die SPD nur wegen ihrer Partei regieren. Ob sie es sich mit dieser Aussage schon vorher in den Koalitionsgesprächen mit Wowereit verspielt hat, scheint unwahrscheinlich, denn auch in Baden-Württemberg regiere diese Konstellation, wenn auch in anderer Reihenfolge. Und auch Wowereit möchte als erstes mit den Grünen reden, was Regierungsbildungen angeht, wie er bereits am Wahlabend verlauten ließ. Frischen Wind im Roten Rathaus wird es allemal geben, denn eine noch nie da gewesene Macht scheint die Spitze des Politbarometers zu erklimmen: „Die Piratenpartei“ zieht zum ersten Mal in ein deutsches Parlament ein.

Die seit 2006 beim Bundeswahlleiter registrierte Partei legte sozusagen mit einer eigentlich in Deutschland verbotenen Kalt-Aquise in Berlin los. Aber dass die Piratenpartei es mit Gesetzen sowieso nicht allzu ernst nimmt, ist schließlich bekannt. Und so standen am Ende 8,9 Prozent auf dem Schirm der Piraten. 2006 traten sie bei der Berlin-Wahl nicht an. Unter anderem fordern sie den Nahverkehr in Bus und Bahn zum Nulltarif, „Rauschkunde“-Unterricht in der Schule und die Einführung von Mindestlohn und Grundeinkommen. Zusätzlich profitierten sie bei der Wahl von der steigenden Bedeutung des Internets und schafften so den Sprung in den Berliner Senat. Nicht zuletzt durch ihr lockeres Auftreten erreichten sie besonders bei jungen Wählern Zustimmung, wenngleich einige der 15 neuen Berliner Abgeordneten im besten Milchbubi-Alter sind, allen voran der vorsitzende Andreas Baum, der bei der heutigen Pressekonferenz auf die Nachfrage, wieso einige seiner Kollegen fehlten, locker „leider sind heute nicht alle da“ antwortete und nicht den Anschein erweckte, als ob ihn das stören würde. Müllmannfarben, die Farbe der „Piraten“, waren bei der Berlin-Wahl jedenfalls im Trend, auch wenn die meisten der Berliner auf ganz konventionelle Art und Weise abgestimmt haben – per Briefwahl. 450.000 Berliner wählten die Post als alternatives Wahlmittel, so viele hatte es noch nie bei einer Wahl gegeben. Gespannt darf man auf jeden Fall sein, was im Roten Rathaus in den nächsten fünf Jahren geschieht – auch durch die Piraten.

Vielleicht kann man bei einem Spaziergang im Herbst noch die unzähligen Exemplare des Berliner Wahlkampfs betrachten, denn bis dahin haben es die wirklichen Müllmänner, die BSR, noch nicht geschafft, die Wahlplakate zu entsorgen. Ganz unabhängig davon, ob sie nun Müll waren oder nicht.