Dritter Teil: Charlottenburg

Selten, wirklich selten, erblickt das Auge ein derartiges Durcheinander von Eindrücken. Mag sein, dass die Autofahrt – nachdem diese Form der Ortserkundung durch Safari bei Marzahn so gut funktioniert hatte, blieben wir doch glatt dabei – ihr übriges tat, aber vermutlich wär‘s auch zu Fuß ein solider Straßenhybrid geworden, eine zerebrale Herausforderung.

Begonnen am Bahnhof Zoo, wo es nicht gut riecht und man sich bei „Tip“ an der Kasse gut und gern 40 Minuten lang die Beine in den Bauch stehen kann, ging es schleichend – Stau – zum Ku‘damm. Da gab es reichlich Teenager mit allerlei Tütenwerk: Tally Weill, Zara und die Lieblingsschweden, die auf Kinderarbeit scheißen – die Mischung aus schnieker Einkaufsmeile, auf der Pubertierende sich einmal kurz groß fühlen dürfen, und denselben 08/15-Geschäften, die sie auch daheim hätten stürmen können, befremdet ein wenig. Aber gut – dieses Phänomen ist in der Tat nix Neues und ein jeder Weltenbummler räumt dann schulterzuckend ein:

Heimeligkeit in der Fremde ist gar nicht mal so übel.

Ebenso seltsam ist allerdings die Hysterie, mit der hier ans Werk gegangen wird. Jugendliche Hibbeligkeit, genährt durch viele Pickel, den Jungen, in den man verliebt ist, die große Stadt und den Einkaufstrubel, ergeben in der Summe dann eben ein Bild, das fatal an „Chicken run“ erinnert. Ein einziges Gewusel, da rein, dort raus, bloß nicht die anderen verlieren. Die Mode bildet diese Richtungslosigkeit ziemlich gut ab: Rauten, Kreise, Streifen und Sterne, Lila, Rot, Pink und Gelb – Kombinationen, in denen so ziemlich jeder blöde aussieht, der nicht Thomas Rath heißt, und selbst das ist nur ein ganz persönlicher Befund. Schnell weiter, dahin, wo der wahre Reichtum regiert, wo Burberry, Chanel, Boss und die anderen hinter piekfeinen Scheiben hocken und man sich – am Nachmittag und ohne Geld – etwas deplatziert vorkommt. Die Kollektionen sind natürlich wunderbar, klare Schnitte, feine Farben, Augenbalsam auf den Linsen derer, die vorab die modischen Fehltritte flussabwärts hinnehmen mussten. Mit Entsetzen dann allerdings die Erkenntnis: Da ist keiner! Burberry: leer. Chanel: leer. Valentino: leer. An unserem lottrigen Auftreten kann es wohl nicht liegen. Also wundern wir uns, gehen mit hängenden Schultern hinaus und sind versucht, die Medienansage, laut derer es sich in Zeiten der Krise so richtig gut einkauft, einer Revision zu unterziehen. Als wir fast schon den Turm zu Hitradio RTL, die zufällig auch gleich um die Ecke sitzen, erklommen haben – auf Worte sollen nämlich gefälligst auch schnell Taten folgen! – kommt uns eine Flugratte in die Quere, die vor unseren Augen und unter den Reifen eines Autos zerquetscht wird. Durch diesen traurigen Anblick auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, verschieben wir die Idee also auf später und ziehen weiter.

Gähnende Leere aber auch fünf Ampelschaltungen weiter. Höchstens ein Jüngling im Anzug rennt da erhobenen Hauptes über die Straße, als gelte es, dieses eine letzte Grün zu catchen. Er unterscheidet sich leider kaum von all den anderen Gematrixten und verdient deswegen keine weiteren Worte. Auch die älteren Damen mit typischer Kostümierung kennt man: aus dem Fernsehen, schweizerischen Städten oder Wellness-Oasen im Allgäu. Sie tragen große, schwarze Sonnenbrillen, mögen – genau wie die Jugend – Leopardenmuster und rauchen diese schmalen Zigaretten, die so heißen wie eine große Modezeitschrift. Ansonsten eher enttäuschend – in jeder Kleinstadtboutique ist mehr los, aber da sind ja auch die Straßen kleiner und schmaler. Simple Gleichung: bei derselben Anzahl von Menschen sieht es dann voller aus.

Wir schlürfen schnell einen Kaffee und setzen uns ins Auto. Wenn hier schon keiner ist, dann vielleicht im weniger schönen Teil des riesigen Charlottenburg. Dort herrscht eine etwas seltsame  Stimmung, die an Kafkas »Schloss« erinnert. Falls jemand das nicht gelesen hat: Steven Soderberghs Film aus den ganz frühen 90ern fängt es auch gut ein. Backstein-Bauten stehen da herum, von Efeu überwachsen, mit Baugerüsten, die vielleicht gar keinen Sinn mehr haben, weil sich da ohnehin nichts mehr tut. Oder ein Krankenhaus, dessen Eingang – wenn man sich rechts hält – auch gleich in ein angrenzendes Hotel führt. Ums Westkreuz herum, an dem wir nach ein paar nicht einkalkulierten Schlenkern landen, wird es dann voller. Basare, Kioske, Sexshops – einiges los, das Heterogene in der Mode der Bewohner setzt sich indes fort, nichts sieht man so oft, dass man es signifikant nennen könnte. Und so fahren wir irgendwann – inzwischen geht die Sonne bereits unter am – wieder dahin zurück, wo wir hergekommen sind. Dort fräsen sich noch immer Scharen junger Menschen durch die großen Läden mit den billigen Klamotten. Ein letzter Blick zu Beathe Uhse, wo man vermutlich ziemlich einsamen Sex hat, und adieu.