Betrachtet man seine Haut, die sich langsam in Falten gelegt hat, seine Augen, die er meist unter einer schwarzen Sonnenbrille versteckt, und seine Hände, die ebenfalls versteckt in Handschuhe gehüllt sind, kann man keine Schlüsse auf das Alters des Mannes ziehen, der vielleicht gerade vor einem steht. Zu elegant versteckt er es – das kleine Geheimnis, über das stets mehr als nur eine Angabe findet: sein Geburtsdatum.
Dass man auf exklusive Kuriositäten bei Karl Lagerfeld stößt, kann einem eigentlich schon vor der Recherche bewusst sein. Schließlich kann man nicht erwarten, dass der Mann, der die Modewelt wie kein anderer in seiner eigenen Art und Weise geprägt hat, einfach so seine Biographie ins Netz stellt. Nichts für einen Lagerfeld. Oder besser ausgedrückt: Nichts für einen Karl Lagerfeld. Und sollte man dann irgendwann eine zuverlässige Quelle gefunden haben, weiß man nicht, was wichtig und was nicht unbedingt von Bedeutung ist, um einen kleinen Überblick über das Leben des heute 78- oder 73-Jährigen zu bekommen.

Was haben eigentlich Coca Cola, Amy Winehouse und Karl Lagerfeld gemeinsam? Normalerweise verbietet einem der journalistische Grundgedanke, Fragen am Anfang des Satzes zu stellen, aber auch hier bestätigt sich die These, dass Ausnahmen die Regel machen. Und hier ist dieser Einstieg passend, so dass es sich lohnt – besonders bei Karl Lagerfeld – eine Ausnahme zu gestatten. Jedenfalls ist Karl Lagerfeld ein Modemacher, der eben nicht nur Modemacher, sondern auch Verleger, Schriftsteller, Fotograf und Designer ist. Und bei so vielen Leidenschaften kann man schon mal den Hang zur Coca Cola hegen, besonders wenn deren Verpackung von einem selber entworfen wurde. Gut, Normalsterbliche werden diese Flasche wahrscheinlich sowieso nur im Museum begutachten können, da sie natürlich nur in limitierter Auflage von ihm gestaltet wurde. Und selbst der  Grand Dame Amy Winehouse war Lagerfeld verbunden. Die im Juli verstorbene Sängerin verzauberte ihn durch ihre sonderbare Bienenstock-Frisur. Bei der Fashionshow Pre-Fall 2008 trugen alle Models einen solchen Haarschnitt. Allein an diesen Beispielen kristallisiert sich heraus, dass man den Sohn eines Hamburger Kondensmilch-Fabrikanten hinsichtlich seiner teilweise gewagten Kreationen, die dennoch alltagstauglich aussehen und nicht nur für den Laufsteg geschaffen sind, in keine Kiste packen kann.

Aufgewachsen ist er in gut-bürgerlichen und wohlhabenden Verhältnissen in einem Nobelviertel in Hamburg, ging mit seiner Mutter früh in die Modestadt Paris und arbeitete dort als Illustrator im Modebereich. Damit startete im Wesentlichen die Karriere des Modezaren Karl Lagerfeld. An einem einzigen Wollfaden hing sozusagen eine gesamte Karriere desjenigen Mannes, der heute die Menschen mit seinen Kleidern und allein auch mit seiner dezent glamourösen Ausstrahlung begeistert.
Ein Wollmantel war es nämlich, mit dem er 1955 den Preis beim Internationalen Wollsekretariat gewann. Pierre Balmain, der Produzent des Mantels, engagiert ihn als Assistenten. Dort absolvierte Lagerfeld eine Lehre zum Schneider – ein Schlüssel. Von dort an folgten Stationen bei Valentino und Krizia, Chloé und beim Pelzlabel Fendi, für das er noch bis heute seine Schneiderhände hergibt. 1984 legte er seine „Goldhände“ an Chanel an – eine Liebesbeziehung fand damit ihren Anfang und bisher kein Ende. Die Liste der Stationen kann noch durch unzählige andere Engagements vervollständigt werden. Seitdem sein Lebenspartner Jacques de Bascher 1989 an den Folgen seiner HIV-Erkrankung starb, scheint Lagerfeld sich noch mehr für seinen Job, für seine Leidenschaft und Passion ins Zeug zu legen. Ein Mann, ausgestattet mit alten deutschen Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz, komplettiert durch französische Eleganz: das ist Karl Lagerfeld. Damit verbunden ist natürlich der unbedingte Wille zur Perfektion. Der Drang, Sachen, Kleidung und Menschen noch schöner zu machen, als sie eigentlich sind, zeichnet Lagerfeld und sein Leben aus. Für eben dieses Lebenswerk erhielt er 2008 den vom Modemagazin „Elle“ ausgegebenen Preis „Elle Fashion Star“. Letztlich kann man sich am Kopf kratzen, wieso Lagerfeld, neben der „Elle“-Auszeichnung, bisher „nur“ wenige Preise erhalten hat: 1996 erhielt er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie, 2003 den „World Fashion Award“ und in den Jahren 1989 und 2005 den Bambi. Verwunderlich mag die geringe Anzahl indes aber nur von außen sein, denn dass Lagerfelds Ziel wirklich darin liegt, weitere renommierte Preise zu gewinnen, scheint mehr als unwahrscheinlich. Mit Verlaub, dies hat ein Modedesigner seiner Klasse nicht mehr nötig, dafür ist Karl Lagerfeld – ob nun 73 oder 78 Jahre – ein bisschen zu alt.

Karl Lagerfeld ist neben seiner Zielstrebigkeit allerdings auch noch der Inbegriff der Radikalität. Dies verdeutlicht die Tatsache, dass er in kürzester Zeit 47 Kilo abgenommen hat – alles nur der Verbesserung des Image wegen. Natürlich darf bei einer Lagerfeld‘schen Diät der literarische Nachweis nicht fehlen – und der folgte prompt. Nachdem er diese Radikaldiät im Jahre 2000 durchgeführt hatte, schrieb er zusammen mit seinem Arzt das Buch „The 3D Diet“. Eine Leidenschaft zu Büchern hegte der Modemacher jedenfalls schon immer. Er selbst hat eine riesige Bibliothek, in der er sie alle sammelt. Als ob das nicht genug wäre, sollten 1999 sein eigener Bücherladen „7L“ und sein eigener Verlag „Editions 7L“ folgen. Und er selbst scheint außerdem der einzige Deutsche zu sein, bei dem sich der französisch angehauchte Ton in der Sprache nicht so überkandidelt anhört, wie beispielsweise beim Kölscher Jecken „Rolfe“, der – pseudotypisch hat er eigentlich nichts mit Mode am Hut, behauptet es aber dennoch immer – letztens auch auf idyllischen Wiesen in der „Pro 7“-Sendung „Die Alm“ zu sehen war. Karl Lagerfeld ist da wohl interessanter.

Viel über die Charakterzüge des Menschen Karl Lagerfeld wird man wahrscheinlich nicht mal dann, wenn man als Lebenspartner am nächsten an seiner Seite steht, erfahren, weil es der edle Herr bevorzugt, lieber allein zu wohnen. Vielleicht ein Grund dafür, wieso er 2008 einen großen Teil seiner Angestellten im Haus entlassen hatte.
Er ist eben ein Arbeiter wie er im Buche steht. Und so könnte man noch viel mehr über diese deutsche Mode-Galionsfigur schreiben, aber dies würde wahrscheinlich auch nicht in seinem Sinne sein. Er mag es wahrscheinlich lieber, wenn man über die Mode und nicht über den Menschen Karl Lagerfeld schreibt. Auch wenn die Menschheit wohl nie das genaue Datum seiner Geburt erfahren wird, darf man Karl Otto Lagerfeld, so heißt er nämlich vollständig, nachträglich zu seinem Geburtstag gratulieren. Denn eins scheint klar zu sein: Er ist am 10. September geboren. Und ob er nun 78 oder 73 Jahre alt ist, gerät bei diesem Lebenswerk sowieso ins Hintertreffen.