Blood Rites

Es scheint ja in der Natur wichtiger Dinge zu liegen, dass sie einem im entscheidenden Moment gern entfallen, abhanden kommen, später wieder einschießen, einen kurzen Aufschrei provozieren – all das eben. So erging es uns nun kürzlich auch. Mit einem feinen, kleinen Interview in der Tasche irrten wir durch die Nacht, zufrieden, müde, und jetzt, wo das Ding endlich seinen langersehnten Weg aufs Papier findet, fällt auf: So manches Naheliegende wurde vergessen. Schlimm ist das nicht, schließlich ist der findige Mensch von heute ganz gut im Rekonstruieren und Leerstellen füllen.

Lange Rede, kurzer Sinn – irgendwann im August trafen wir die Blood Rites, eine junge Berliner Band, der wir kein Genre-Prädikat anpappen möchten, weil sie selbst das vielleicht auch gar nicht tun würden. Was wir uns nun bang fragen, ist das, was einst ein schöner Ausgangspunkt gewesen wäre: Woher zum Teufel kommt eigentlich der Name? Es selbst durch eine neckische Nachfragaktion herauszufinden, war uns schließlich auch zu blöde. Vergessen ist vergessen und ein bisschen Geheimnis hat ja noch nie geschadet. Die großangelegte Recherche in der Redaktion führte zu zweierlei Resultaten: Entweder, wegen eines Mystery-Buches von Jim Butcher, oder wegen eines Horrorfilms aus den späten 60er Jahren, bei dem Andy Milligan Regie führte. Nun, und  fairerweise sei auch noch die dritte Möglichkeit genannt: weder noch, es steckt ganz was anderes dahinter. Wer sich nun brennend für die Lösung dieser kleinen Detektivgeschichte interessiert, kann den Jungs, die hinter dem Bandnamen stehen, einfach schreiben – sie freuen sich bestimmt.

Blood Rites haben eine Geschichte hinter sich, die für ihr zartes Alter von Anfang 20 sehr mächtig klingt. Seit 2006 existieren sie, kennen sich aus der Schule oder dem direkten Umfeld. Aufgewachsen sind sie in Hohenschönhausen, in der Platte, dort, wo die meisten, die als Frischlinge nach Berlin kommen, noch niemals waren, weil es zu weit draußen ist und da nicht das stattfindet, wofür man normalerweise in die Hauptstadt kommt. Inzwischen leben sie dort nicht mehr, haben stattdessen Wohnungen in Friedrichshain und anderswo.

Die musikalische Anfangszeit kam sehr schrammelig daher. Krach, Radau, die White Stripes waren in der Anfangszeit die große Inspiration. Aufgetreten wurde in kleinen Clubs und ranzigen Bars und Kneipen, so richtig voll war es nie, aber so richtig leer eben auch nicht. Dann hat sich einiges geändert: Der Schlagzeuger ging, aus Vier wurde Drei und die Musik, die plötzlich ohne Drumset auskommen musste, wurde etwas ruhiger, gab einzelnen Elementen mehr Platz und erhob genau das dann auch zum neuen Ziel. Hört man sich die Titel jetzt an, scheint diese Phase recht prägend gewesen zu sein – Sänger Jesko Braun bestätigt das ein wenig später dann auch. Anschließend bekamen die Blood Rites wieder Zuwachs, ein neuer Schlagzeuger und eine Geigerin machten mit, man war zu sechst unterwegs, irgendwie hat alles gepasst. Aufgenommen haben sie ihre Stücke mit einer kleinen Bandmaschine, über die inzwischen geschmunzelt wird.

Und so ging es immer weiter, ohne dass es nennenswerte Höhen oder Tiefen gegeben hätte. Allein der Umstand, dass man sich immer mal wieder auch nur zu dritt fand, macht Jesko etwas traurig, er nennt diese Phasen demotivierend. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und die Jungs wirken, wenn sie nun auf der Bühne stehen, ziemlich harmonisch und so, als würden neue Wechsel in absehbarer Zukunft nicht bevorstehen. Sascha ist jetzt der neue Schlagzeuger, alle schätzen an ihm, wie er sich in die Arrangements einfügt, sich im richtigen Moment zurücknehmen kann, um anderen Stücken Raum zu geben, aber auch dann Akzente setzt, wenn‘s drauf ankommt. In der Tat zeugt das, was wir an diesem Abend in einer kleinen Bar im Prenzlauer Berg sehen können, von guter Absprache, dem richtigen Gefühl für die richtigen Sachen und Zusammenklang, fast schon so, als wären die Blood Rites nach einem ziemlich turbulenten Flug vorerst gelandet und sehr bei sich. Die Musik braucht keine Erklärungen, spricht für sich und holt einen gut ab. Die Gesten sind die, die man von einer Band, die sich folkig nennt und deren Sänger inzwischen Neil Young als wichtigen Bezug anführt, erwartet. Sie erinnern ein wenig an Jarvis Cocker von Pulp, man hat sie tausendfach gesehen und weiß nicht so recht, ob man sie schön oder langweilig finden soll: Dieses Zusammenführen der Schuhspitzen, das kurze Stehen auf den Zehenspitzen, die Art und Weise, in der das Mikrofon gehalten wird, so, als wäre es etwas ganz Zerbrechliches, das man beschützen muss – Felix Räuber von Polarkreis 18 zeigt all das Auftritt um Auftritt überdeutlich. Dazu die rot lackierten Fingernägel des Sängers, denen wir gern irgendein wichtiges Statement entnehmen möchten. Wir scheitern – auf die Frage hin, was sie bedeuten, erzählt Jesko uns, dass der Lack die Fingernägel beim Spielen schützt. Ob das der wirkliche Grund ist, bleibt sein Geheimnis, wir sind nicht gekommen, um über Mode oder Gesten des Pop zu sprechen. Was wir gesehen haben, waren einige sehr schöne Stücke Musik, die es gebündelt und unter dem Titel „I Shall Go“ bald auf Vinyl geben wird. Dieser Tage schließen die Blood Rites ihre Aufnahmen in einem Hamburger Tonstudio ab und mit ein bisschen Glück liegt schon bei Erscheinen der nächsten Ausgabe ihr erstes Album vor.