...sind wir! Wir sind schnell gelangweilt, haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, können uns nur schwer konzentrieren und wählen deshalb die Piratenpartei. Was aber viel spannender ist: Wir sind die letzte Generation, die ein Leben ohne Internet kennt. Eine Typisierung aus erster Hand oder warum der Generationskonflikt heutzutage ein digitaler ist:

Die meisten Artikel über „uns“ leiten mit der Generation X ein. Wahrscheinlich, weil sie von ihr geschrieben werden. Als moderne Opportunisten wollen wir uns diesem Trend nicht verschließen und ersparen euch den Weg zu Wikipedia: „Vertreter der Generation X sind in den 60er und 70er Jahren geboren und zeichnen sich durch Konsumverweigerung und Vorliebe für depressive Musik aus.“ Wie sich die Zeiten ändern. Der typische X-ler ist heute Ende 30 und bei gutem Wetter im Monbijou Park beim Boule-Spielen in Designerklamotten anzutreffen. Verschloss er sich zu „Nevermind“ noch dem Konsum, kauft er nun die 20-Jahre-Nevermind-Special-Edition. Bei Plenarsitzungen im Bundestag erkennt man ihn daran, dass er ununterbrochen auf sein Ipad starrt.

Man merkt: Uns ist die Generation X suspekt. Wir finden ihren Jugend- und Technologiewahn gar kindisch und närrisch. Wir können unsere Begeisterung für das neuste Ipad im Zaum halten und kommen auch ohne internetfähiges Handy aus. Für uns ist das Internet wie für die Generation X der frische Orangensaft zum Frühstück im Elternhaus. Nichts besonderes. Wir trinken ihn einfach. Ohne groß darüber nachzudenken.
Bei den Älteren ist dies nicht der Fall. Sie sind nicht mit dem Internet groß geworden und kommen oft nicht aus dem Strahlen heraus, wenn sie von ihrem Twitter- oder Facebook-Account reden. „Ich habe mir letztens bei Amazon ein Buch bestellt.“ – Toll.

Da wir ungefähr zwischen den 80er und frühen 90er Jahren geboren wurden, verbindet uns Y-ler noch eine weitere entscheidende Tatsache: Wir sind die letzte Generation, die sich zumindest vage an eine Zeit ohne Internet erinnern kann. Wir sind die letzten Vermittler zwischen der digitalen und der analogen Welt. Sind wir ausgestorben, gibt es kein zurück mehr. Menschen in der Zukunft werden sich fragen, wie wir von Partys erfahren oder wie wir sie ohne Google-Maps gefunden haben. Oder was Google überhaupt ist. Irgendwann wird der älteste noch lebende Y-ler durch die Talkshows gereicht und genötigt, Bücher über seine prä-digitalen Erfahrungen zu publizieren. Online natürlich.

Er wird darüber berichten, wie er mit 11, 12, 13 und auch noch 14 Jahren nichts unversucht ließ, um  seine Eltern zur Anschaffung eines 56k-Modems zu bringen. Wie er sich über seinen ersten Computer mit Windows 3.1 auf gerade einmal zehn Disketten gefreut hat. Wie er seinen Eltern verzweifelt erklären musste, dass man mit dem Computer auch Audio-CDs hören kann oder wie sie Musik auf einen Mp3-Player kopieren. Aber das war später. Ein Jahr zuvor hatten ja alle noch MiniDisk und den tragbaren Kassettenrekorder von Sony. Während unsere Mütter von einer Zeit ohne Telefon und Autos schwärmen, werden wir unseren Enkeln von einer Zeit ohne die böse Cloud und ohne personalisierte Werbung berichten. Eine Zeit, in der man im Unterricht durch die Spiegelung an seiner G-Shock die Lehrer ärgerte und nicht durch illegale Blogs oder die Ipod- Buzzer-App. Ruhigere Zeiten. Familiärere Zeiten. Wir verklären ungehemmt.

Während vorangegangene Generationskonflikte noch auf Real-Life-Schlachtfeldern wie Musik oder Kleidung ausgetragen wurden, finden sie heute viel versteckter statt. Mit leisem Augenverdreher in einer Commentzeile oder hämischen Hyperlinks auf einem Modeblog. Online eben.

Wir sind die ersten „Digital Natives“ und unsere Vorgängergeneration die letzten „Digital Immigrants“. Es ist eine nach Science Fiction klingende vor allem von dem amerikanischen Schriftsteller und Spieledesigner Marc Prensky geprägte Dichotomie. Von einem dicken Akzent der Immigranten ist bei ihm die Rede, da sie sich in der digitalen Welt mit prädigitalem Vokabular zu bewegen versuchen. Weil sie sich Emails ausdrucken, um sie als Hard-Copy zu sichern oder Kollegen in ihr Büro bestellen, um ihnen eine lustige Website zu zeigen, anstatt einfach eine URL zu schicken.

Ihr Akzent geht jedoch über Prenskys Beispiele hinaus. Viel tiefgreifender ist, dass sich Digital Immigrants über ihre Realität mit Facebook, Twitter, Google und Co. über ihre gewohnt etablierten Medien auszudrücken versuchen.

Sie verschreiben uns sogenannte Medienkompetenz, während sie nicht gemerkt haben, dass wir schon viel weiter sind. Sie verstehen Facebook und Co. genauso wenig wie der gemeine Berliner den rheinischen Karneval. Er bewertet ihn über, glorifiziert ihn, verteufelt ihn als Gefahr, während wir einfach nicht zuhören. Wir haben nämlich keinen Fernseher und kein Radio und lesen die Süddeutsche Zeitung nur sporadisch und zur Abrundung unseres Retro-Outfits. Wir haben unsere eigenen Kanäle.

Prensky setzt genau bei diesen neuen Kanälen an. Er möchte einen neuen Weg der Wissensvermittlung beschreiten, der mehr an die Denkstrukturen der Digital Natives angepasst ist. Er möchte mehr Multitasking, mehr Bilder und Spiele als Lehrmaterialien, als zu lange und zu stringente Texte. Doch wer soll sie uns vermitteln? Die Älteren tun sich schwer, adäquate Zugänge zu entwickeln oder zumindest unsere jahrelange Praxis vor dem Fernsehen und dem Internet anzuerkennen.

Der zeitgenössische Generationenkonflikt entpuppt sich deshalb als kalter und leiser, weil wir sprichwörtlich aneinander vorbeireden. Ein Konflikt ohne stabile Plattform, zwischen digitalen Einwanderern und Ureinwohnern im grob gewebten ultra-durchlässigen Netz.

Zum Glück ist die Zeit auf unserer Seite. Bis wir von der Generation Z abgelöst werden. Dann bleibt abzuwarten, ob nicht wir es sind, die missverstehen. Generationenkonflikte sind halt irgendwie doch immer gleich. Generationen verändern sich und bleiben sich treu. Ein Satz, der derart geäußert wohl nur in den eigenen Bart gesprochenen wird, weil keiner unserer Adressaten ihn hören kann. Außer vielleicht als pixeliges Echo aus einer fremden Webzeit.