Es ist laut, als der A320 der italienischen Fluggesellschaft Alitalia über den Berliner Luftraum daher fliegt und sich so langsam auf die Erde – auf dem Flughafen Berlin-Tegel – niederlässt. Göttlich diese Ankunft, besonders weil vier Eurofighter der Bundeswehr die Maschine begleiteten. „Ich bin sehr glücklich, dass ich das Wort Gottes in meine Heimat bringen darf“, sagt ein Mann in der Kabine des Flugzeugs. Dann steigt er aus, es wird noch einmal richtig laut, weil Salut-Schüsse aus Kanonen in den Berliner Himmel gefeuert werden. Der Papst besucht Deutschland, den Bundestag, das Olympiastadion, Erfurt und Freiburg. Empfangen wurde er auf dem Flughafen Berlin-Tegel nicht nur von Vertretern aus Regierung und Kirche, sondern auch von 40 Demonstranten, die gegen den Besuch des Papstes waren. Doch auch im ganzen Land demonstrierten Tausende gegen den Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche.

Als Papst Benedikt XVI. die Hände aufhielt und nach oben streckte, wehte ihm ab und an der heftige Wind entgegen, so dass sein weißes Gewand sich turbulent um seinen Körper und seinen Kopf wickelte. Zu Hilfe eilte Bundespräsident Wulff und befreite den Papst von seiner Misslage – doch wo war die göttliche Hilfe? Der Papstbesuch von Benedikt XVI. wurde in Deutschland kritisch aufgenommen. Zum einen empfanden viele es als nicht gerechtfertigt, dass sie für einen Teil der dadurch entstandenen Kosten aufkommen müssten, da nur noch 29 Prozent der Deutschen der katholischen Kirche angehören. Die Frage, wieso der Steuerzahler für einen Teil der Gesamtkosten aufkommen muss, scheint legitim. Allerdings auch das Gegenargument und die Frage danach, wer denn wohl für die Sicherheit bei Fußballspielen aufkommen muss. Richtig, ebenfalls der Steuerzahler. Zum anderen allerdings geht es den Menschen auch um die Frage – und das scheint die weitaus prekärere zu sein –, ob sich ein geistlicher Vertreter vor einem Parlament äußern darf. Angeprangert wurde hierbei die Rede des Papstes im Bundestag. Das sahen auch manche Abgeordnete so und verließen kurzerhand den Plenarsaal in der Hauptstadt. Eine Trennung von Staat und Kirche, so wie es auch in der Verfassung niedergelegt ist, sahen sie als nicht gegeben. Und auch hier sei ein Gegenargument erlaubt: Dadurch, dass Benedikt XVI. nicht nur Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern auch des eigenständigen Staates Vatikan ist, ist eine Rede vor einem ausländischen Parlament ebenfalls legitim, schließlich verwehrte man auch nicht Wladimir Putin 2001 seine Redefreiheit als ausländisches Staatsoberhaupt vor dem deutschen Parlament.

Ein Frage-Gegenfrage-Antwort-Spiel also. Kirche als Mittelpunkt unserer Gesellschaft? Schon lange nicht mehr. Doch wieso ist es dazu gekommen? Die knallroten Schuhe dürften in den letzten Jahren jedenfalls nur noch als Relikt aus der Zeit des Mittelalters angesehen werden. Diese nämlich sind besonders durch das strahlende Rot ein Ausdruck von Macht und Größe. Der Papst trägt sie noch heute. Die heutige Themenpalette allerdings ist eine andere als die damalige. Wo es zu früheren Zeiten um Hexenverbrennung ging, stehen heute Themen wie Homosexualität und Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit der katholischen Kirche. „Die Kirche ist keine Institution wie der Staat es ist – sie ist kein starres Gebilde, sondern vielmehr eine Gemeinschaft“, betont Markus Klemmer die Bedeutung der Kirche. Der 26-jährige Katholik studiert Kultur und Religion im Master, gibt selbst Firmkurse für Jugendliche, in denen er versucht , ihnen wesentliche Inhalte christlichen Glaubens und christlicher Lebensart zu vermitteln. Er sieht den Grund, wieso Menschen sich von der Kirche abgewendet haben, in dem fehlenden Dialog zwischen der Kirche und den Menschen. So entstehen Missverständnisse bei der Bewertung der heutigen Probleme oder Themen. Neben den Kosten verurteilten die Demonstranten und so genannten Papst-Gegner Benedikt XVI. als homophob, weil man ihm und der katholischen Kirche vorwirft, sie würden die Liebe und Partnerschaft zwischen zwei Gleichgeschlechtlichen nicht akzeptieren: „Alle Christen schulden dem Menschen Respekt, unabhängig von seiner Sexualität“, sagt Markus. „Die katholische Kirche möchte die traditionellen Werte innerhalb der Beziehung erhalten lassen. Dass sie sie nicht akzeptiert, stimmt nicht.“ Geht es nach den Katholiken, dann ist der traditionelle Wert einer Beziehung gegeben, wenn eine Partnerschaft aus wahrer Liebe besteht und vor allem, wenn die Basis der Fortpflanzung gegeben ist. Dreht man das Blatt also nun wie man will, wird man zu dem Schluss kommen, dass im besten Fall nur eine Bedingung in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung erfüllt sein kann. „Die katholische Kirche ist der Auffassung, dass nur so der Stellenwert der Familie und der Partnerschaft erhalten werden kann“, verdeutlicht Markus diese Ansicht. Besonders in diesem Punkt ergibt sich wieder einmal ein Kommunikationsproblem zwischen den Auffassungen der Kirche und der Menschen. Denn laut Papst Benedikt XVI. kann eine Gesellschaft nur dann stabil sein und Krankheiten wie HIV vermeiden, wenn sie auf die Werte der Familie und der Ehe hört: „In der Tat stellen die Werte, die dem wahren Verständnis von Ehe und Familienleben entspringen, die einzige sichere Grundlage einer stabilen Gesellschaft dar.“ Im Bezug auf die Bewertung von Homosexualität seitens der katholischen Kirche könnten diese Aussagen auch so ausgelegt werden, dass HIV im Endeffekt eine Krankheit der Homosexuellen ist, weil diese eben nicht der „Schöpfungsordnung“ entsprechen. Diese Interpretation der Aussagen des Papstes wäre fatal – allerdings möglich. In dem Buch „Youcat“, welches von der katholischen Kirche an Jugendliche herausgegeben wird, werden Grundfragen des christlichen Glaubens erläutert. Hierbei auch die Einstellungen der Kirche zu Homosexualität und HIV. Hierin lehnt die Kirche Kondome als „einseitiges mechanisches Mittel zur Bekämpfung von HIV-Epidemien“ ab und „setzt vor allem auf eine neue Kultur menschlicher Beziehungen“. Auch hier verdeutlicht sich also die Missverständlichkeit in den Aussagen und am Ende weiß man nicht, wenn man nicht zufällig selber Katholik ist, wie die Aussagen gemeint sind. Einzig der Punkt der Toleranz und des Respekts à la „Liebe deinen Nächsten“ werden stichhaltig und verständlich formuliert, ehe man sich in einem Komplex aus Unverständlichkeit wieder findet. Als dem Papst bei seinem Besuch in Deutschland im Berliner Olympiastadion Kinder gereicht wurden, damit er sie segnen kann, sträubten sich wohl einige Nackenhaare. Sofort waren sie wieder da, die Bilder der Überschriften von Tageszeitungen, die alle darüber berichteten, wie Kinder von Priestern und anderen Geistlichen missbraucht worden waren. Nicht, dass man dem Papst eine solche Tat unterstellen wollen würde, allerdings hängt der Gedanke von Priestern, die Kinder missbraucht haben, der katholischen Kirche hinterher. Markus sieht die Schuld hier nicht bei der katholischen Kirche, sondern bei den einzelnen Priestern selbst: „Pädophil zu sein ist keine Sache der Geistlichkeit, sondern eine Krankheit“, sagt er. „Wenn jemand Lust auf Sex hat, dann soll er es sich aus einer moralisch gerechten Sache holen.“ Der wöchentliche Kirchengänger sagt auch, dass das zölibatäre Leben nicht notwendig sei, um der katholischen Kirche beizutreten, sondern dass es ein freiwilliger Verzicht auf Sex ist. Von Priestern und Bischöfen allerdings verlangt es die katholische Kirche, damit sie überhaupt Priester oder Bischof werden können. Im Buch „Youcat“ wird das Zölibat „als Zeichen der Liebe, der ungeteilten Hingabe zum Herrn und der völligen Bereitschaft zum Dienst“ erklärt. „Das macht der Priester, damit er einen noch größeren Kontakt zu Gott haben kann“, erklärt Markus das zölibatäre Leben. Im Bezug auf die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche „gingen viele Dimensionen verloren“. „Dabei haben sich Priester an Kindern vergriffen, sie wollten ihre homoerotische Fantasien ausleben und sie hatten Sex – verstießen also nicht nur gegen Moral und Eid, sondern auch gegen das Gesetz“, verurteilt Markus die Missbrauchsfälle. Als der Papst im September bei seinem Besuch die Rede im Bundestag hielt, wartete man vergeblich auf Antworten zu den  Missbrauchsfällen. Er unterstrich die Bedeutung der Religion und der Kirche – besonders in schwierigen politischen Zeiten. Er ging auf das Zusammenwirken von Politik und Religion auf das Entstehen von beiden Dingen ein.

Dabei gibt es drei große Achsen, in denen die wichtigsten heutigen Religionen entstanden sind. Etwa 600 vor Christus entstand das Judentum. Um das Jahr Null, also dem Ursprung unser Zeitrechnung, entstand das Christentum. 600 Jahre später folgte der Islam, der allerdings abgekoppelt von den anderen beiden vorangegangen Religionen entstanden ist. „Es gibt Religionen, weil die Menschen Angst vor dem Tod haben“, sagt Ralph Bieberich. Der 49-Jährige bezeichnet sich selbst als „Freidenker“, der „das Gute aus allem herauszieht und zusammenfügt“. „Die Probleme, mit denen die Kirche heute zu kämpfen hat, begannen mit dem Durchmischen von Staat und Kirche im Frühmittelalter“, sagt er. Die Religionen seien alle aufgrund von verschiedensten Philosophien, dem Wortsinn nach also aus der Liebe zur Weisheit, entstanden. „Die Menschen haben die Kirche zu dem gemacht, was sie heute ist“, begründet er den Stellenverlust der Kirche in der heutigen Gesellschaft. Markus sieht das ähnlich: „Die Kirche ist flexibel, sie ist eine Gemeinschaft, die sich den Menschen anpasst.“
Und als Folge dessen „müssen sich die Menschen verändern, wenn sich die Kirche verändern soll“, sagt er, damit sie weiter ihrer Aufgabe, „den Menschen Kraft zu geben und ihre Batterien aufzuladen“, nachgehen könne.

Mit dem Papstbesuch hatte dies wenig zu tun. Papst Benedikt XVI. wollte den „Glauben in seine Heimat bringen“, wie er selber sagte. Denn er „versucht Gott greifbar zu machen“, versucht Markus die Rolle des Papstes zu erklären. Erklären ist ein gutes Wort, denn hierin liegt wahrscheinlich das größte Problem der katholischen Kirche – wie auch Markus findet: „Die Kirche muss bessere Öffentlichkeitsarbeit leisten, mehr aufklären und sie muss auf die Menschen zugehen, damit sie sich selber nicht verliert.“ Ralph sagt zum Abschluss eine buddhistische Weisheit: „Alles was geschieht, geschieht im Zusammenhang mit allem was geschieht.“

Der Papst jedenfalls hätte nicht von vier Kampfjets begleitet über den Berliner Luftraum geführt werden sollen – sagen Kritiker. Schließlich „sei es ja der göttliche Wille, was mit ihm geschieht“. Markus sagt dazu: „Er muss sich vor den Gefahren in der Welt schützen, denn er ist nie etwas anderes als selber Mensch.“