Seltsamerweise kennen wenige Menschen, ob nun Ur-Berliner oder Zugezogene, das Dong Xuan Center in Lichtenberg. Gehört hat man davon schon einmal, na klar, aber da gewesen? Zu weit der Weg, zu doof die Verbindung, zu unspektakulär vielleicht auch das Ganze. Womöglich kennen wir aber auch einfach nicht die richtigen Leute, schließlich haben Viele anderes auf dem Schirm als den Besuch eines vietnamesischen Einkaufzentrums. Glücklicherweise gab es da diesen Freund, der ziemlich hartnäckig gedrängelt hat und unbedingt noch einmal hin wollte, es sei da beeindruckend und exotisch, seltsam, bizarr, sicherlich fand er noch ein paar andere Worte. Also dann.

So schlimm ist die Anfahrt gar nicht, ganz im Gegenteil – von der Frankfurter Allee ist man in einer guten Viertelstunde da. Das Wetter ist schön, die Gegend weniger. Alte Fabrikhäuser, auf denen in Zeichen, die wir nicht dechiffrieren können, etwas geschrieben steht, das wir also auch nicht verstehen. Das große Plakat, das uns etwas von Tee mit Gelee-Kullern sagen möchte, ist allerdings vertraut. Bubble Tea heißt das Un-Phänomen des Jahres. Kinder, Jugendliche und Erwachsene scheinen es gleichermaßen zu lieben; steigt man in Mitte in die U-Bahn hat ein jeder einen dieser großen Becher in der Hand. Darin ist eine milchige Flüssigkeit, die an englischen Tee mit Sahne erinnert, am Grund liegen ein paar bunte Kugeln. Getrunken haben wir das noch nicht, uns informiert aber schon. Das Getränk ist in der Tat kalter Schwarz- oder Grüntee, in den mit Milch und Sirup ein Maximum an Aromen gepumpt wird – daher dann also die trübe Färbung. Kann man aber auch weglassen. Die bunten Kullern sind aus Tapioka, einer aus Maniok gewonnenen Speisestärke, und haben bestimmte Aromen, man sucht sie sich selbst aus. Darauf fahren die Menschen ab. Wie mit dem Eis, bei dem man sich sämtliche Sorten von Dill bis Vanille wählen kann und ein Topping – Knoblauch, Krokant – obendrauf. Für diesen vermeintlichen Luxus des Selbstwählens gibt man gern drei oder vier Taler aus. Aber gut, das ist eine andere Geschichte. Hier im Dong Xuan Center jedenfalls wohnen die bunten Gelee-Kullern, auf Plakaten, in Läden, in den Händen vermeintlich glücklicher Menschen. Bei uns bewirkt das zuallererst einmal, dass wir uns nicht so viel anders fühlen als in der oben beschriebenen U-Bahn-Situation. Also gehen wir hinein, in eine der großen Hallen.

Es gibt fünf Stück davon, sie sind flach, aus irgendeinem Stahl und mit vielen Solarzellen auf den Dächern. Im Hintergrund entstehen noch einmal so viele – die Nachfrage scheint groß. Drinnen angekommen: ein seltsamer Geruch nach Chemie, der ein wenig Kopfschmerzen macht – wie halten die Menschen, die hier arbeiten, das nur den ganzen Tag aus? In einem ersten Laden kommt die Erklärung für den Mief in Form hunderter Synthetikhosen, Pullover und neonfarbener T-Shirts. Unglaubliche Formen und Farben gibt es hier zu kaufen, die Verkäufer sitzen am Boden und starren uns an, kaufen wollen wir erst einmal nichts. Im nächsten Eingang sieht man Porzellan. Wohin das Auge blickt. Große Hunde, kleine Hunde, Gartenzwerge, Indianer, Vögel  und dicke Männer mit nackten Ärschen, in die man offenbar Geld schieben kann – alles aus dem weißen Gold. Das ist befremdlich, aber noch immer etwas, das man irgendwo schon einmal gesehen hat. Skurril wird es am Ende der ersten Halle. Dort gibt es einen großen Laden, in dem es ausschließlich Kunstpflanzen gibt. Aber nicht nur kleine Rosen oder Tulpen, wie man das hierzulande aus manchen Restaurants kennt, sondern Efeu, Kakteen, Seerosen oder Fleischfressende Pflanzen. Wir würden uns gern alles in Ruhe anschauen, aber der Geruch nach Plastik ist unerträglich und der Kopf drückt immer mehr. Das ist nicht gut, schließlich liegt noch einiges an Weg vor uns. Bunte Zauberwelten, in denen es jedes Spielzeug gibt, das man sich wünschen kann. Schwerter, Masken, Seifenblasenpropeller. Oder das Kontrastprogramm: Socken, Hosen und Arbeitskleidung. Taschen über Taschen. Den Lebensmittelbereich heben wir uns bis ganz zum Schluss auf. Hier möchte man vielleicht etwas kaufen, das es sonst tatsächlich nur schwer zu finden gibt; matschig durchs viele Herumlaufen soll es aber auch nicht werden. Also gelangen wir da erst nach zwei Stunden hin. Am Eingang liegen große Früchte, die man nicht heben kann, weil sie nicht nur schwer sind, sondern auch riesige harte Stacheln haben. Die Teile heißen Durians: Man schält das Fruchtfleisch aus kleinen Kammern, die sich im Inneren befinden, das Zeug schmeckt wie eine Mischung aus Banane, Toffee und Vanille. In der Fischabteilung schwimmen Karpfen ihre letzten traurigen Runden in einem kleinen Becken. Ein Kunde möchte eines der Tiere haben, also packt die Verkäuferin beherzt zu, gibt dem Fisch mit dem Hammer eins auf den Hinterkopf, schneidet Flossen und Kopf ab und beginnt mit dem Ausnehmen. Hier schaut man zu, ob man will oder nicht. Eigentlich ist das in Ordnung, es ist ohnehin seltsam, dass viele West-Europäer vornehmlich Fisch- und Fleischwaren genießen, von denen sie nun gerade nicht wissen, woher sie kommen und wie sie entstanden sind. Man meint, das wäre in irgendeiner Weise hygienischer, dabei werden die Geschichten, die hinter jeder Wurst und jedem Surimi-Snack stehen, einfach nur unter unheimlich viel steriler Folie versteckt. An der Fleischtheke wird es uns aber trotz dieses kurzen kritischen Moments der Reflexion zu viel. Dort stehen viele kleine Eisteeflaschen; gefüllt sind sie mit Tierblut, offenbar kann man damit kochen. Dann gibt es da auch seltsame lange Teile, die blutig herumliegen und nach Wirbelsäulen aussehen – wir wissen leider bis jetzt nicht, was genau es damit auf sich hat. Außerdem Füße von Hühnern, andere Füße, Innereien, große Batzen, die mit Fleischerbeilen zerhackt werden.

Ein bisschen blümerant ist uns geworden, aber wir ärgern uns nicht darüber, dass hier Blut verkauft wird, sondern darüber, dass wir gern zerkleinerte Nuggets in uns stopfen, aber nicht mit ansehen wollen, wie deren Inhalt früher einmal aussah. Darüber, dass hier viele Deutsche herkommen, um zu einem unsagbar kleinen Preis Klamotten zu kaufen, in deren chemischem Geruch die Verkäufer jeden Tag sitzen, in dem ihre kleinen Kindern spielen. Ein seltsamer Kontrast aus Waren, die so frisch sind, dass man ihnen noch beim Sterben zusehen kann, und Pullis in hundertfach gleicher Ausführung, die vermutlich tausende Kilometer hinter sich haben. Etwas irritiert treten wir also den Rückweg an, ein bisschen Obst und Gemüse haben wir gekauft.