Geschichten von Herrn K.

„Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“ So sieht es Vincent van Gogh mit dem „normal sein“. Doch schaut man in den Duden und begibt sich auf eine Forschungsreise um herauszufinden, was denn nun eigentlich Normalität sei, findet man die Antwort in einer Gesellschaftskritik: „So [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt.“ Ist das Prädikat „normal“ also nur ein von der Gesellschaft geschaffenes Idealbild, das viel zu oberflächlich über Menschen urteilt?
In der neuen Rubrik „Geschichten von Herrn K.“ berichte ich – auf der einen Seite – von ganz „normalen Menschen“. Als Gegenstück zum Normalsein stelle ich dazu Menschen vor, die im Rampenlicht stehen, die – rein oberflächlich betrachtet – nicht dem „Üblichen“ entsprechen, auf deren Straße so zusagen Blumen wachsen und gedeihen.

Die Füße schmerzen, die Luft ist kalt – man ist betrunken. Der Weg, den man noch vor sich hätte, erscheint in diesem Moment unendlich weit. Es ist an der Zeit, sich ein Taxi zu bestellen. Der gelbe Wagen fährt vor, hält an, man steigt ein. „Wohin geht denn die Fahrt?“, fragt eine Stimme von vorne. Das könnte die Stimme von Simone Marschner sein. Sie fährt allerdings weniger in urbanen Gefilden herum, pendelt nicht zwischen Alexanderplatz und Kottbusser Tor, sondern fährt mit ihrem gelben Mercedes durch die provinziellen Regionen in und um Finsterwalde. Finsterwalde ist eine Stadt in Südbrandenburg. Sie war vor einigen Jahren – und auch noch kurz nach der Wende – eine der wirtschaftlichen Hochburgen in der Niederlausitz. Besonders bei Feintuch, einer Textilfabrik, arbeiteten viele Einwohner der kleinen Stadt, in der, laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, 2010 17.407 Menschen leben. Die Tuchfabrik Feintuch wurde 1991 geschlossen: „1976 machte ich eine Ausbildung dort und verlor 1991 meine Arbeit“, sagt Simone. Schon damals schlug sich die schlanke Frau mit den blonden Haaren neben dem Haupt-Job mit ihren Diensten als Kellnerin durch das Leben, verdiente sich noch etwas dazu – dann noch zwei Kinder. Denn auch Sohn Sebastian und Tochter Susann wollten schließlich nicht zu kurz kommen.

Die beiden sind nun erwachsen, Simone ist älter geworden. 20 Jahre sind seit dem Aus bei Feintuch vergangen, Simone wirkt stark, aber dennoch merkt man, dass sie die Zeit mitgenommen hat. Die Kinder sind längst aus dem Haus, gingen ihren eigenen Wegen nach, wie auch Simone. „Ich überbrückte die Zeit mit einem dieser Kellnerjobs, mein Freund und ich wollten nach Stuttgart – der Arbeit wegen.“ Dann fand er, Simones Freund Peter, in Finsterwalde eine Stelle als Rettungssanitäter. Sie blieben hier: „Ab 1993 hatte ich unzählige Stellen, die zur Arbeitsbeschaffung dienten. Dabei riss ich selbst alte Häuser der Russen ab, die damals in der gesamten Gegend stationiert waren“, sagt sie und erwähnt ohne zu Zögern, dass sie sich dann ‚97 von Peter getrennt habe. Die Kinder blieben bei ihr, sie baute sich ein neues Leben auf. „Ein Freund von Sebastian sagte mir, dass sie Leute bei einem Taxiunternehmen suchen würden, da kam es mir ganz gelegen, dass ich sehr viel Spaß am Autofahren hatte.“ Es folgte der Taxischein und ihre erste – weitere sollten kommen – Anstellung als Fahrerin. 1999 baute sie dann mit einer Kollegin, die sie am Taxistand kennenlernte, ein neues Taxiunternehmen in der Kleinstadt in Südbrandenburg auf. „Wir brauchten Kunden – es sollte so eine Art weibliches Taxi sein“, schildert Simone ihre damaligen Pläne. Dann kam der Rauswurf und die Frau, deren gelber Mercedes viel mehr als nur ein Arbeitsplatz ist, musste sich neu orientieren – wieder einmal. Nachdem sie bei einem anderen Unternehmen 700 Überstunden – unbezahlt – hatte, klagte sie und bekam recht. Auch danach wollte sich Simone nicht wirklich vom Taxifahren verabschieden und arbeitete weiterhin als Pauschalkraft bei einer anderen Firma. „Ich wollte wieder eine Festanstellung“, sagt sie lächelnd und im nächsten Moment wird klar, warum sie wieder eine feste Stelle haben wollte, denn „nebenbei war ich auch da noch arbeiten und habe mir Geld durch Putzen dazuverdient,“ verdeutlicht Simone ihre Situation, die noch vor einem halben Jahr Alltag für die 49-Jährige war. Ein neuer Job sollte her: wieder fahren, wieder Taxifahren. „Eigentlich kann ich Teile meiner Einzimmerwohnung vermieten, denn ich benutze sowieso nur die Dusche und das Bett – achso, den Fernseher brauche ich zum Runterkommen“, macht sie klar und schaut in dem Moment aus dem Fenster. Sie wirkt nachdenklich.

Es wird deutlich, dass die Festanstellung für Simone mehr ein Schritt zurück als vor war. „In manchen Momenten denke ich mir, dass es das jetzt nicht gewesen sein kann“, sagt sie und bezeichnet ihre Unterschrift unter den Arbeitsvertrag als „Pakt mit dem Teufel.“ Der beinhaltet eigentlich eine Fünftagewoche, 40 Stunden. Die Realität sieht für Simone anders aus: „Mein Tag geht mindestens zwölf Stunden, nach zwölf Arbeitstagen habe ich ein Wochenende frei, wann ich meinen Urlaub machen kann, wird mir vorgeschrieben und meine Überstunden, die ich jeden Tag auf ein Neues sammle, kriege ich auch nicht bezahlt.“ Und wenn Simone Marschner dann Zeit hat, sich in den Teil ihrer Einzimmerwohnung zu begeben, der dem Schlaf dient, dann kann es im nächsten Moment möglich sein, dass ihr Handy klingelt und vibriert, und dass sie für einen Gast halb vier am Morgen „eine Flasche Korn von der Tankstelle holen muss“. Denn schließlich sind nicht nur freie Tage eine Seltenheit, sondern auch die Nächte, in denen sie eine ganze Nacht – die Dosis von acht Stunden – durchschlafen kann, weil sie auch in vielen Nächten Bereitschaft hat. „Mein Rhythmus ist Duschen, Bett, Taxi – ab und an trinke ich an einer Tankstelle noch meinen Kaffee und unterhalte mich mit anderen Kollegen, denen es nicht anders als mir geht.“ Sie lacht ironisch, sagt, dass man sich untereinander stützt, als sie gefragt wird, ob ihre Kollegen und sie wie eine Selbsthilfegruppe sind, denn „es gibt keinen der dich auffängt“, sagt sie. Freunde haben sich längst zurückgezogen, eine vernünftige Beziehung ist nicht möglich, denn Simone arbeitet wie eine „Maschine“ und sie „lebt um zu arbeiten“, wie sie selber sagt.

Plötzlich springt sie auf und rennt zu ihrer Jacke, zückt ihr Handy und geht nicht ran – Glück gehabt: nicht der Chef, sondern eine der wenigen Freunde, worauf Simone allerdings jetzt keine Lust hat, denn sie hat endlich Feierabend. „Wenn ich nach einem Arbeitstag nach Hause komme, schalte ich meinen Fernseher an – damit ich nicht allein bin.“ Essen holt sich sich auf einer ihrer Touren, auf die Toilette geht sie, wenn sie eben die Möglichkeit hat und vor allem wenn sie eine findet. Simone lehnt sich entspannt zurück, atmet kurz durch und sagt: „Es gibt Momente, da fall‘ ich tot um und schlafe eine Stunde und bin dann wieder hellwach – diese Momente sind die schlimmsten.“ Ihr Magen knurrt, als sie den Satz vollendet. „In zehn Jahren möchte ich keine Maschine mehr sein, sondern ein Mensch der lebt.“ Ihr Magen knurrt wieder, sie scheint Hunger zu haben. Kein Wunder, wenn menschliche Bedürfnisse in ihrem Wohnzimmer – dem gelben Mercedes – keinen Platz haben.