Geschichten von Herrn K.

Zweifellos, Sie waren ein Egomane, Herr Kinski. Bezeichnend, dass sie an einem Herztod starben. Dieser Tage wären sie 85 geworden. Begeistert haben Sie uns in ihren Rollen in Nosferatu – Phantom der Nacht, Woyczeck, Cobra Verde und Fritzcarraldo. In Letzterem waren ihre Wutausbrüche so schlimm, dass Sie die einheimischen Indianer umbringen wollten, weil Sie ausgerastet sind. Rumgesprungen sind Sie – wie ein Eichhörnchen auf der Suche nach Futter. Riefen lauter, als jeder Einheimische es hätte tun können – laut in den Urwald: „Was soll der Scheiß!?“

Selbst namhafte Regisseure, wie Werner Herzog, der den Dokumentarfilm „Mein liebster Feind – Klaus Kinski“ über sie drehte, waren nicht vor ihren Wutausbrüchen gefeit. Zum Dreh von „Aguirre: Der Zorn Gottes“ gingen Sie ihm an die Gurgel. Sie begeisterten uns mit Ihren Geschichten über Ihre Jugend als Schuhputzer und Leichenwäscher. Als bei dem Dreh zu dem Film „Fritzcarraldo“ ein Flugzeug abstürzte, in dem ein Teil Ihres Teams saß, waren Sie nicht etwa glücklich darüber, dass alle den Absturz überlebt haben, sondern regten sich darüber auf, dass Ihr morgendlicher Kaffeegenuss nicht mundete, weil der Kaffee angeblich zu lauwarm war. Sie waren nicht dumm, Herr Kinski. Aus Familienkreisen hörte man nur Gutes über Sie. Ihr Sohn sagte, dass Sie immer lieb zu ihm waren, dass er Sie nie so erlebte, wie das wohl Ihre Arbeitskollegen des Öfteren taten. Sprach man Sie an, hatte man Angst, Sie würden mit sanftmütiger Güte reden oder aber Sie würden dem anderen die Haare aus dem Kopf ziehen. Exzentriker durch und durch.
Sobald Sie merkten – wie bei dem Absturz des Flugzeuges – dass Sie nicht im Mittelpunkt stehen, rasteten Sie aus. Sie spielten Schurken und Psychopathen, waren aber selber einer. Als Sie bei einer Bühneninszenierung von „Jesus Christus Erlöser“ mal wieder völlig von der Rolle waren und ins Publikum „Scheiß-Gesindel“ riefen, war Ihr Legenden-Status perfekt und Ihr Stern auf dem „Boulevard der Stars“ in Berlin völlig gerechtfertigt – nicht für Ihre Ausraster, auch wenn die oscarwürdig waren, sondern für Ihre Rollen als Schauspieler. Dennoch: Man hätte Ihnen  keinen Stern, sondern ein zweites Herz schenken sollen. Ob Sie damit aber länger am Leben geblieben wären, ist äußerst fraglich. Schließlich gaben Sie Ihre Selbstsucht nie auf und tranken frohen Mutes locker weiter, bis Sie am Ende Ihrer eigenen Wutanfälle zum Opfer fielen. Lieber Herr Kinski, das war Ihre Droge. Der Drang zur Selbstverherrlichung, die Kränkung Ihrer eigenen Ehre. Und so bleibt uns nichts übrig von Ihnen, außer der paar Exemplare in der Videosammlung hinterher zu weinen oder aber den durchaus ebenfalls berühmten Youtube-Videos von Ihren mit Zorn erfüllten Wutausbrüchen zu frönen.

Verehrter Herr Kinski, Sie wären die einzige Person, die sich wohl auch noch im Grabe umdrehen würde.

In diesem Sinne dürfen wir nur Ihre eigenen Wörter benutzen:

Mach‘s gut, „Arschloch“!