Andreas Bernard, Kolumnist des Magazins der Süddeutschen Zeitung, hat Anfang Oktober einen kurzen Kommentar dazu geschrieben, dass man in Texas nun keine Henkersmahlzeit mehr bekommt. Er erklärt – viele wissen das womöglich gar nicht – woher dieses Ritual eigentlich kommt und nennt es dann ein „Besänftigungsritual“, das auf archaische Kulturen zurück geht. Die Henkersmahlzeit ist dann ganz eigentlich nichts, was dem Todeskandidaten noch einmal etwas Gutes möchte, sondern ein Akt, der ihn milde stimmen soll. Auf dass nach erfolgreicher Exekution keine bösen Geister auftauchen und ihr Unwesen treiben mögen sozusagen. Bernard schließt mit der Hoffnung, dass das Infragestellen dieses Rituals über kurz oder lang womöglich auch zum Nachdenken über die Todesstrafe selbst führen könnte. Das ist ein schöner Wunsch, zumal wenn man sich an das erinnert, was im September mit dem Amerikaner Troy Davis geschah.

Er ist, obwohl seine Schuld mehr als in Frage stand, am 21. September mit der Giftspritze getötet worden, im US-Bundesstaat Georgia. Davis soll 1989 einen Polizisten ermordet haben, sieben von insgesamt 34 Belastungszeugen hatten in den folgenden Jahren ihre Aussagen geändert oder zurück genommen – eine Neuverhandlung, die das berücksichtigt, wäre die einzig richtige und tragbare Konsequenz gewesen. Stattdessen wurde das Todesurteil in der Verhandlung im vergangenen Spätsommer bestätigt. Auch sein letzter Berufungsversuch im März ist gescheitert, trotz vieler Proteste und zahlreicher Kritik in der internationalen Presse sah der Oberste Gerichtshof keine Notwendigkeit, den Fall noch einmal aufzurollen, obwohl der zuständige Richter des Bundesbezirksgerichts in Süd-Georgia den Fall „not ironclad“, nicht wasserdicht also, nannte. In Deutschland und vor allem auch Österreich würde dann unter Umständen der berühmte Zweifelssatz „In dubio pro reo“ greifen. Er gibt den Richtern die Entscheidung an die Hand, im Falle des Zweifels für den Angeklagten zu plädieren, stößt natürlich aber schnell an seine Grenzen, insofern er überhaupt erst dann greift, wenn der Richter einen Zweifel hat. Um Indizien und Beweislast geht es dabei also eigentlich nicht, sondern um ein Empfinden, das sehr subjektiv ist und in der Folge zur Entscheidungsfrage führt – dünne Beweislage ist eben nicht gleich Zweifel. Manche schlagen deswegen vor, den Satz gleich ganz abzuändern und dazu überzugehen, dass bei einem Mangel an Beweisen für den Angeklagten entschieden wird. Das erscheint klug und richtig, benennt aber nur einen Teil des Problems um den Fall Troy Davis, der freilich der gewichtigere ist: Wie kann man die Todesstrafe, die ihrem Wesen nach ohnehin schon grausam und nicht haltbar ist, auch dann noch durchführen, wenn die Beweislage die Unschuld des Verurteilten nahelegt oder zumindest so aussieht, dass eine Neuverhandlung das Mindeste wäre? Doch Troy Davis‘ Geschichte ist leider kein Einzelfall und er wird aller Voraussicht nach auch nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Man könnte auf Südkorea, auf Tansania oder Jamaika verweisen. Auf Länder, die in den vergangenen Jahren in letzter Sekunde Unschuldige, die zuvor jahrelang im Todestrakt saßen, freigesprochen haben. Auf Länder, die Gehängte posthum für unschuldig erklärt haben. Aber wir wollen bei den Vereinigten Staaten bleiben.
Dort wurden seit 1976 1.271 Menschen in 34 Staaten hingerichtet. Vor 1976, das wissen Viele gar nicht, war sie für vier Jahre lang ausgesetzt, wurde sogar für neun Jahre nicht mehr verhängt – sie verletze einen Zusatzartikel der Vereinigten Staaten, der Schutz vor ungewöhnlicher und grausamer Strafe gewähren soll. Ihre Verhängung sei außerdem oftmals willkürlich. 1976 wurde sie wieder eingeführt, die Umfragewerte zur Wiedereinführung waren offenbar hoch gewesen. Sie sinken aber immer dann, wenn bei Umfragen auch von Alternativen wie einer lebenslangen Freiheitsstrafe die Rede ist und machen so noch unbegreiflicher, weshalb auch 2011 zahlreiche Menschen hingerichtet werden.

Bisweilen versucht man zu systematisieren, was genau an der Todesstrafe stört, einen anstößt und wütend macht. Das ist gar nicht so einfach, denn Argumente wie „Sie bringt nichts“ oder „Sie ist überkommen und brutal“ greifen zu kurz. Bei den Erklärungen auf der Homepage der Menschenrechtsorganisation Amnesty International findet man indes recht gute Argumente, die den Kern der Sache zeigen. An erster Stelle, das kommt einem auch schnell selbst in den Sinn, ist es natürlich absurd, Gleiches mit Gleichem zu vergelten oder, anders gesagt, eine Gleichung aufzustellen, in der Straftat und Konsequenz zur Deckung kommen. Selbstverständlich ist es vollkommen nachvollziehbar, dass Eltern, die ihr Kind durch Qual und Tötung verloren haben, den Täter in einer Art Affektreaktion womöglich gern sterben sehen möchten. Es kann einem Staat aber nicht um die Nachvollziehbarkeit einer emotionalen Forderung und deren Einlösung gehen – im selben Moment ist die Todesstrafe, das erklärt Amnesty schön, eben gerade keine Affekthandlung, sondern „nüchternes, planvolles Vorgehen“. Rechtsstaaten kann es natürlich nicht um Rache und Vergeltung gehen, sondern stattdessen um angemessene Strafen mit dem Ziel der späteren Resozialisierung des Täters.

Auffassungen, die etwas von Abschreckung oder Aufklärung verlautbaren, greifen ebenso zu kurz und zeugen zudem von Unwissenheit: In keiner Umfrage oder Statistik dieser Welt lässt sich nachlesen, dass in Staaten mit der Todesstrafe schwere Straftaten zurückgehen würden. Eine abschreckende Wirkung käme auch nur dann zum Tragen, wenn es sich bei jedem Mord um ein reflektiertes, geplantes Verbrechen handeln würde – Handlungen aus einer bestimmten Emotion oder Situation heraus blieben dabei ohnehin außen vor. Wir wollen hier nicht noch weiter gehen und Dinge aufzählen, die jeder schnell selbst nachlesen kann – ein paar Klicks und freie Minuten reichen da. Trotzdem sind einige Aspekte, die gegen die Todesstrafe sprechen, hoffentlich deutlich geworden. Im Fall von Troy Davis hätten sie ohnehin nichts genützt, hier kamen schließlich noch ganz andere Schwierigkeiten als die generelle Diskussion um das Für und Wider der Todesstrafe zum Tragen. Troy Davis war in diesem Jahr der 34., der in den USA hingerichtet wurde.