Vor sieben Jahren erschien im Steidl Verlag ein großartiger Bildband des kanadischen Fotojournalisten Robert Polidori. Er dokumentierte seine Reise nach Tschernobyl und Prypjat, an jene Orte, die seit der Reaktorkatastrophe von 1986 zur Sperrzone gehören. Mit Schutzkleidung und Fotoausrüstung hat er sich aufgemacht, das auf Fotopapier zu bannen, was sich eigentlich jeder Darstellbarkeit entzieht.

Was die Bilder auslösen, ist ein seltsam beklemmendes Gefühl – sie zeigen stillgestellte Momente, Augenblicke, in denen Alltägliches jäh unterbrochen wurde und seitdem mehr und mehr verfällt. Klassenzimmer mit Tafeln, auf denen in kyrillischer Schrift  geschrieben steht „Eine Rückkehr gibt es nicht. Lebt wohl! Pripjat, 28. April 1986“. Räume in Kindergärten, in denen Spielutensilien so herumstehen, wie sie vielleicht zuletzt benutzt wurden, Krankenstationen, die geplündert wurden. Sie wirken wie Stillleben, die von Zerstörung, Einsamkeit und Verfall erzählen und nehmen einem manchmal fast die Luft zum Atmen. Viele Zeitungen haben darüber geschrieben und versucht, die richtigen Worte zu finden, ganz oft ist da von Überwältigung und Chaos, von Erinnerungsort und Mahnmal die Rede. Es geht darum, dass Polidori mit seinen Aufnahmen eine Möglichkeit gefunden hat, das eigentlich Undarstellbare ästhetisch zu einer Darstellung zu bringen. Die Wirkungsmacht der Bilder funktioniert dann ganz eigentlich auch deswegen, weil sie Orte zeigen, die nur noch als verlassene Plätze existieren und an die man vermutlich nie gelangen wird. Orte, die man einmal im weit Kant‘schen Sinne erhaben nennen kann, weil die Kraft und Unbegreiflichkeit der Natur die Hauptrolle spielen – sie erobert sich den Raum allmählich zurück, Wurzeln und Geäst kriechen über verrostete Schiffsgerippe. Aber zugleich auch erhaben im aktuelleren Sinne, weil sie dem Betrachter erzählen, wie gewaltig Technik versagen und alptraumhafte Szenarien hervorbringen kann, denn vor allem technische Mängel waren es, die damals zu Dampfexplosion, Bränden und dem Austreten radioaktiven Materials führten. 116.000 Menschen wurden evakuiert, einige wollten bleiben, ältere Menschen dürfen das, Kinder und jüngere Menschen nicht – zu stark ist die Region noch immer verseucht. Tschernobyl, und Prypjat eigentlich noch viel stärker, sind nun das, was man Geisterstädte nennt. Ein seltsamer Zauber liegt über ihnen.

Seit einiger Zeit nun konnte man aber eine Verschiebung beobachten, die jene Unerreichbarkeit und Undarstellbarkeit allmählich zu zerstören begann. Menschen haben das Faszinosum, das sich mit Tschernobyl und Prypjat als Orten, die nicht nur an das Schreckliche erinnern, sondern seine Metamorphosen dokumentieren, verbindet, für sich entdeckt. Und so konnte bis zum Sommer diesen Jahres, ganz wie Polidori in Anzug und mit Maske, das noch immer verseuchte Gebiet beschritten werden. In der Zeit und der Frankfurter Rundschau konnte man Ende des letzten Jahres jeweils etwas Kurzes dazu lesen, pünktlich dann, als in der Ukraine erste Pläne durch den Zivilschutzminister Viktor Baloga vorgestellt wurden. Das war im Dezember 2010. Der Gedanke, der hinter den Diskussionen darüber steckt, leuchtet bei all der Pietätlosigkeit, die da so mitschwingt, natürlich auch ein – wer kann und will schon leugnen, dass die Faszination für bestimmte Orte, die aufgrund unfassbar schrecklicher Geschichten zu Orten kollektiver Erinnerung geworden sind, nachvollziehbar ist. Bizarr ist indes trotzdem, mit welcher Rechenkunst bei der Planung vorgegangen wird – sie hat mit Gespür und Respekt leider ziemlich wenig zu tun: Wenn nämlich, so die mathematischen Überlegungen der regionalen Tourismusunternehmen, die EM 2012 in Polen und der Ukraine stattfinden wird, könnte das einen Besucherboom von einer Million mit sich führen; bislang – das nur einmal zum Vergleich – liegen die Besucherzahlen irgendwo zwischen 8000 und 20.000.

Die Führungen für diese Leute finden durch private Reiseanbieter statt. Ein eigentümlicher Beruf muss das sein, beklemmend, gefährlich, faszinierend und finanziell erschwinglich zugleich. Menschen sind offenbar dazu bereit, ziemlich viel Geld auszugeben, um einmal den Boden der Sperrzonen betreten zu dürfen. Yuri Rozgoni, über den man im Zeit-Magazin schon einmal lesen konnte, ist einer von denen, der ihnen das Gebiet zeigt. In spezieller Schutzkleidung bahnt er einen Weg durch die kontaminierten Gebiete. Es ist wichtig, dass es Leute wie ihn gibt, die sich auskennen, die mit einem Strahlungsmessgerät umgehen können, die also wissen, wo man sich aufzuhalten hat, bevor es gefährlich wird und die Strahlung selbst durch die Schutzkleidung dringt. Was es bräuchte, wären noch mehr seiner Sorte. Erst einmal aber wurden die Besuche nun – im Juli diesen Jahres – untersagt. Zu groß war die Nachfrage, zu wenige gut ausgebildete Touristenführer hat es gegeben. Die Ukraine überprüft nun die einzelnen Anbieter erst einmal genau, ehe sie entscheidet, ob es zur Freigabe eines 30 Kilometer langen Gebietes für den Massentourismus kommen wird. Vielleicht also werden in Kürze enorm viele Fachkundige gesucht, vielleicht aber auch nicht. Ganz gleich, zu welchem Ergebnis die ukrainische Regierung kommt, sollte man sich ab und an an das erinnern, wovor Mary Mycio, Autorin des 2005 erschienenen „Wormwood Forest: A Natural History of Chernobyl“, gewarnt hatte: Dass man es nämlich bei der Gegend um Prypjat und Tschernobyl unter Umständen bald mit einem „nuklearen Disneyland“ zu tun haben könnte.