Als Napoleon im Zuge seiner Eroberungskriege in das Rote Reich Russland eindrang, erwartete ihn eine Überraschung: niemand stand im Weg, niemand stellte sich ihm in den Weg. Leere Dörfer, leere Wege. Die Russen hatten sich zurückgezogen – nach Moskau, und gewannen so die Schlacht gegen Napoleon Bonaparte. Der Rest ist Geschichte, doch in der Gegenwart sieht es auf einer anderen Ebene genauso aus. Dort, wo der Rubel rollt, also in Moskau, da regieren auch Kaviar, die längste Jacht der Welt und der FC Chelsea. Ein bisschen weiter draußen sind Kälte, Arbeitslosigkeit und Armut Alltag. Ungeachtet seiner nationalen Probleme, befindet sich der Rote Riese aus dem Osten noch im Winterschlaf und hofft, dabei nicht in Winterstarre zu verfallen. Aber im nächsten Jahr wird alles besser, da ist Putin „back for good“ im Kreml.

Ein neunter Platz in der englischen Premier League wäre für den FC Chelsea eine Hommage an die Wertlosigkeit des Geldes. Für Roman Abramowitsch, den Präsidenten des FC Chelsea, ist ein neunter Platz sportlich ebenfalls eine Katastrophe, wo er den englischen Verein aus London 2003 doch für 210 Millionen Euro gekauft hat. Doch 210 Millionen Euro sind für den 13,4 Milliarden Dollar schweren Öl-Guru nicht mehr als ein etwas tieferer Griff in die Portokasse. Roman Abramowitsch belegte 2011 den neunten Platz der reichsten Russen – immerhin im gesicherten Mittelfeld. Im letzten Jahr stand er noch auf einem Qualifikationsplatz vier für die Champions League, laut Forbes-Liste – abgerutscht. Ob ihn diese Tatsache allerdings stört, bleibt sein eigenes Geheimnis. Der 45-Jährige gilt hierzulande als Symbol russischen Reichtums und steht stellvertretend für all die anderen, reichen und vermögenden Menschen des Landes. Die meisten von ihnen leben in Moskau, der Hauptstadt des größten Landes von Mutter Erde. Und wer in Moskau lebt, kann sich glücklich schätzen, denn der dürfte es geschafft haben im Leben. Hier verdient man teilweise das Neunfache von dem, was sie in Kaukasusregionen wie Dagestan oder Inguschetien bekommen. Dort liegt das Durchschnittseinkommen selten über 3000 Rubel, also bei kaum mehr als 70 Euro im Monat. In der Hauptstadt liegt es im Durchschnitt dagegen bei 631 Euro. Mit deutschen Verhältnissen sicherlich nicht zu vergleichen, weil die Lebensunterhaltungskosten in Russland weitaus niedriger als hierzulande sind. Aber dennoch: Ein solch starkes Gefälle lässt nichts anderes als den Schluss zu, dass Russland ein Land mit der Schere zwischen Trockenbrot und Kaviar, zwischen arm und reich, ist, das sich auseinander zu schneiden droht. Wieso es dazu gekommen ist, lässt sich schnell erklären. Alles in Russland gilt als veraltet. Die Wirtschaft: sie ist veraltet. Die Industrie: sie ist veraltet. Die Verwaltung: sie ist veraltet. Kein Wunder also, dass Präsident Medwedew bei seinem Amtsantritt gesagt hat, dass er das Land in allen Bereichen modernisieren will. Russland schreit also förmlich nach Erneuerung.

Dabei hat Russland viele Problemstellen. Außerhalb des Energie- und Rohstoffsektors hat man sich in den letzten Jahren zu wenig nach anderen Zweigen der russischen Wirtschaft umgeschaut. Nach Angaben der Weltbank steuert die Öl- und Energiewirtschaft immer noch 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Und hierbei kann sich selbst der ehrenhafteste Russe nicht davor schützen, dass er – trotz seiner unglaublichen Natur – die Umwelt schützen würde. Denn wer in alten Produktionsanlagen Erdgas abfackelt, braucht sich am Ende nicht darüber zu wundern, dass er einer der weltweit größten Umweltverschmutzer ist. Außerdem fehlt es in Russland an Investoren, die das Land fördern und Projekte aufzubauen helfen. Das liegt zum einen daran, dass es die russische Regierung in den letzten Jahren – und vor allem unter Diktator Putin – nicht geschafft hat, russische Projekte attraktiv zu machen. Zusätzlich zur Inkompetenz des Politischen Systems Putins, hat Russland ein zu kompliziertes Bürokratie- und Genehmigungsverfahren. Denn wer in Russland selbst ein Apfel oder Ei einführen oder gar importieren will, kann sich schon auf einen langwierigen Prozess einstellen – das macht Russland unattraktiv. Geschäft werde in Russland außerdem zu einem großen Teil immer noch über das allerliebste Mittel der Korruption abgewickelt. Das schreckt Investoren einfach ab. Und gerade Unternehmen, die an der Börse notiert sind, schauen darauf, wie die Banken in einem Land, in das man potentiell investieren könnte, sind. Und die Leistungsfähigkeit des russischen Bankensystems ist nicht so berauschend, dass man zu Höhenflügen ansetzen könnte. Die Liste der Probleme wird immer länger und findet schließlich darin ihren Höhepunkt, dass in Russland viel zu wenig der Mittelstand – also die Firmen, die klein sind – gefördert werden. Das liegt auch hier wieder an den Banken, die einfach keine Finanzierung für Unternehmen aus dem Mittelstand anbieten. Und wenn, dann unter sehr umständlichen Kreditlinien. In Deutschland macht der Mittelstand allein 75 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – in Russland, nach Angaben des Auswärtigen Amts, dagegen nur 60 Prozent. Das führt dazu, dass die Russen schon bald Schubkarren bestellen können. Nämlich für den Fall, dass die Inflation nicht bald wieder sinkt, und dass Geld so stark entwertet wird, dass man für ein Brot eben eine Schubkarrenladung von Geld braucht. Nach aktuellen Angaben von „Global Rates“, einer Agentur, die sich mit Wirtschaftsstatistiken großer Länder beschäftigt, liegt die aktuelle Inflationsrate bei 8,14 Prozent.

Medwedew machte der russischen Bevölkerung mit seinem Antrieb, Russland komplett zu modernisieren, Hoffnung. Seine und Putins Partei „Einiges Russland“ hatte die Wahl 2008 gewonnen – wieder einmal. Und weil Putin nicht zwei Amtszeiten hintereinander das Amt des Premierministers innehaben konnte, weil dies laut der russischen Verfassung nicht möglich ist, übernahm Medwedew das Ruder. Man wollte damit eine Wiederholung einer möglichen Diktatur verhindern. Putin selber  aber wurde Regierungschef und saß ab 2008 weiter im Kreml, dem russischen Parlament. Jetzt wechseln beide, Medwedew und Putin, die Ämter und es ist gilt als sicher, dass bei der Wahl im Frühling 2012 wieder die Partei „Einiges Russland“ gewinnt und die Führung im Kreml behaupten wird. Somit ist Putin wieder zurück als Präsident an der Spitze eines Landes, das immer noch in den Träumen der Sowjetunion, deren Zerfall Putin damals selber als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. Waren die Kandidatur Medwedews 2008 und der im September angekündigte Machtwechsel also nur ein Trick um die russische Verfassung zu umgehen? Fakt ist, dass sich die Partei „Einiges Russland“ in rechtlich sicherem Fahrwasser bewegt, denn in der Verfassung steht zwar, dass ein russisches Staatsoberhaupt nur für zwei Amtszeiten an der Macht im Kreml sein darf – es steht allerdings nirgends, dass er nicht noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt wiedergewählt werden darf. Es wäre somit Putins dritte Amtszeit als Präsident, in derer Unterbrechung er als Ministerpräsident und Regierungschef die Strippen im Hintergrund gezogen hat. Medwedew war, so sagen die Russen, die Marionette Putins.

Putin selber steht für eine technologische Moderinisierung – und ist ein Erzkonservativer. Kritiker sagen, dass er nichts von einer tiefgreifenden Erneuerung und einer stärkeren Einbindung des russischen Volkes hält. Kurz nach der Verkündung des Machtwechsels in Russland sagte Putin an, dass er Russland wieder nach vorne – auch mit Hinblick auf dem Weltmarkt – bringen will: „Wir schlagen das Modell einer mächtigen übernationalen Vereinigung vor, die in der Lage ist, eine Stütze der heutigen Welt zu werden.“ Hört sich ganz nach einer Renaissance der UdSSR an. Dies war seit 1922 eine Vereinigung der „Sozialistischen Sowjetrepubliken“, wie es in der genauen amtlichen Bezeichnung heißt. Allerdings wusste jeder, der von einer UdSSR sprach, dass erRussland meinte, schließlich war Russland mit seiner Sowjetrepublik das dominierende Land in der Union, weshalb sie 1991 auch aufgelöst wurde. Das neue Bündnis allerdings soll nach dem Vorbild der Europäischen Union funktionieren und Putin möchte mithilfe einer Zollunion aus Russland, Weißrussland und Kasachstan wieder in Richtung Weltspitze schauen. Mit dieser „Eurasischen Union“, wie sie auch genannt wird, möchte Putin die Grenzen in Handel und Jobwahl niederreißen. „Es wäre naiv, etwas aus der Vergangenheit zu kopieren“, sagte Putin bezogen auf die Anfang der 90er zu Bruch gegangene UdSSR.

Für Russland selbst allerdings, und vor allem für die Bevölkerung, könnte dies wieder einmal nur eine weitere Anekdote im politischen System von Putin sein. Der demokratische Wille der Bevölkerung wurde jedenfalls durch den Trick, die Verfassung auszuhebeln, umgangen. Für die Menschen dort ist das allerdings nichts Neues, denn auch zur nächsten Wahl werden wieder einmal liberale und unabhängige Gruppen nicht zur Wahl zugelassen. Russland befindet sich also in einem Moment der Stagnation – und träumt wieder von einer neuen Sowjetunion. So wird es schwer werden, Russland zu modernisieren, denn wenn Putin die Wahl 2012 – wie erwartet – gewinnen wird, steht ein Egomane an der Spitze Russlands, der allenfalls etwas für seine Bevölkerungsschicht tut – nämlich für die Menschen die reich sind und in Moskau leben.

Sollte Putin wirklich vorhaben, das ganze Land zu fördern und zu modernisieren, ist ihm gut geholfen, wenn er auch auf die Meinungen hört, die nicht seiner entsprechen. Der außenpolitische Sprecher der SPD, Rolf Mützenich, sagte der „Berliner Zeitung“: „Im Land wächst eine junge und selbstbewusste Mittelschicht heran, die neben sozialer und wirtschaftlicher Beachtung auch politische und rechtliche Reformen stärker anmahnt“. Und die liegt eben darin, mehr auf Jene zu hören, die noch jetzt in den Hörsälen der russischen Universitäten und Hochschulen sitzen und darauf hoffen, nach ihrem Abschluss eine Anstellung im eigenen Land zu finden. Doch auch das ist äußerst fraglich in dem Land, in dem militärische Motive schon immer wichtiger als andere Themen waren, denn in Russland wird strikt zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung unterschieden, so dass Absolventen viel zu unvorbereitet in das Berufsleben starten und oft keinen Job finden und ins Ausland gehen.

Die Chance Russlands ist groß, wenn es sich in seinem selbsterschaffenen System nicht verliert. Ansonsten droht der Rote Riese, in Winterstarre zu fallen. Und diese Möglichkeit scheint im Moment größer zu sein, als dass es mit Putin an der Macht zu alter Stärke findet.