Vierter Teil: Wedding

Der Wedding liegt genau zwischen Gesundbrunnen und Moabit und gehört zum Bezirk Mitte. Man ist von dort aus ziemlich schnell an allen Orten, die einem als jungen (Neu)Berliner wichtig erscheinen. Und weil noch dazu die Mieten größtenteils selbst erschwinglicher sind als in Neukölln oder anderen Stadtteilen, die als günstig gelten, zieht es immer mehr Studenten in Richtung See- und Türkenstraße. Es gibt dort schöne sanierte Altbauten, auf den Straßen ist immer etwas los, man hat das Gefühl von „Multikulti“, für das sich Viele auch nach Neukölln oder Kreuzberg aufmachen. Der Ausländeranteil lag 2009 bei 31,4 Prozent, das ist in etwa soviel wie in Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln. Es gibt hier ein schönes und lesenswertes Magazin, das jährlich erscheint  den „Wedding“, der große Geschichten über kleine Menschen erzählt, zwischen all dem Lärm und Geschrei auf den Straßen also auch einmal kurz genau hinhört und sammelt, sich erinnert und aufschreibt. Er zeigt ganz gut, wie es im Wedding heute aussieht: Früher einmal ein klassischer Arbeiterbezirk, regiert heute die Arbeitslosigkeit. Trotzdem wirkt es hier nicht trist, nicht grau, sondern wuselig, urban und bunt. Man sieht viele türkische Familien, die mit ihren Kinderchen am Rand des Markplatzes sitzen oder die Müllerstraße entlang jagen. Zugleich viele Menschen, die Künstler sind oder hier werden wollen – im Soldiner Kiez zwischen Osloer, Soldiner und Drontheimer Straße tut sich seit einigen Jahren sehr viel, der Verein „Kolonie Wedding“ beherbergt bislang 32 Kunst-Projekträume. Zeitgenössische und internationale Kunst entsteht hier und wird an jedem letzten Wochenende im Monat gezeigt. Die jungen Männer mit verwuschelten Haaren, Cordhosen, runden Brillen, Hosenträgern, feinen Hemden und Lederschuhen, die uns hier entgegenlaufen, passen dazu natürlich wie die Faust aufs Auge – sie erinnern ein bisschen an Louis Garrel aus Bertoluccis „Die Träumer“.

Nur wenige Schritte weiter geben Trainingshosen den Ton an, meist aus dunklem Synthetikstoff mit ein paar weißen Streifen. Sie sind bequem und man braucht sich nicht extra umziehen, wenn man vor die Tür geht. Dazu eine etwas abgeschmirgelte Lederjacke und schon steckt man warm. Auch die oft gesehene Kombination aus hellen Socken und stabilen Sandaletten hat sich gehalten, trotz recht eisiger Temperaturen.

Bei all diesen kleinen Beobachtungen will sich kein spezifisches Bild ergeben. Der gewollt abgeranzte Look, den man andernorts oft zu sehen bekommt, hat sich hier – vielleicht noch – nicht durchgesetzt. Aber auch klassischen Chic, der von Geld berichtet, sieht man so gut wie nie. Stattdessen eben ganz viel von dem, was manch einer arroganterweise manchmal den „Normalo-Look“ nennt – er ist praktisch, kostet nicht allzu viel und fällt weder positiv noch negativ auf.