Keine Überschrift könnte noch irgendwie originell sein, sämtliche Medien, besonders natürlich die großen Tageszeitungen und Sender, haben es uns bereits erzählt: „Trauer in Apfelgrün“ und „Er kam, den Menschen die Angst zu nehmen“ hieß es in der Süddeutschen Zeitung, „Der Maßstab“ in der FAZ, auf deren Homepage man außerdem ein sehr stilvolles Jobs-Profil in Schwarz sehen konnte, und auf Facebook wurden sofort zahlreiche digitale Orte der Huldigung zusammengebastelt. Beim frühabendlichen Zappen durch die Standardprogramme des deutschen Fernsehens gingen die Diskussionen darüber los, was die Digitalität nun eigentlich mit uns tut und rund um den Globus hielt man Menschen Mikrofone unters zitternde Kinn – sie erzählten davon, wie Steve Jobs sie inspirierte, ihnen Hoffnung machte, sie zu Entdeckern hat werden lassen.

Wir wollen die Geschichte des Steve Jobs kurz nachzeichnen und zwar deswegen, weil wir nicht viel über ihn wissen, aber interessant finden, dass Menschen, die Jobs offenbar nicht kannten, weinend auf der Straße stehen, hilflos sind, nicht weiter wissen. Das erinnert frappierend an ein anderes großes Medieninferno, das vor ziemlich langer Zeit vor sich ging – als Lady Diana starb, vergoss die Welt ebenfalls Tränen. Und an eines, das erst ganz kurz zurückliegt und über das wir berichteten, den Tod von Amy Winehouse nämlich. Es ließen sich bestimmt noch dutzende andere Beispiele finden, sie funktionieren alle gleich: eine Person, die gute Musik oder schöne Designs entwickelt hat, manchmal auch ein einfach nur ein Eisbär, der zur falschen Zeit am falschen Ort war und dann auch noch niedlich daherkam, werden zu Popikonen stilisiert. Seltsam, kannte sie doch schließlich keiner von all denen da draußen, vor den Bildschirmen oder hinter den Zeitungen.

Mit Steve Jobs ist es natürlich ähnlich: Alle berichten über ihn, als sei er ein guter Freund gewesen, zumindest aber ein besserer Bekannter. Der Ton in den Tagesblättern wird dann so, dass die Leser merken: jetzt wird’s irgendwie persönlich. Jeder weiß schöne Geschichten über ihn zu erzählen, nette Anekdoten, die den Menschen Steve Jobs greifbar machen sollen und damit auch die Trauer, die sich nun breit macht, legitimieren. Wenn man jemanden gern hatte, dann darf man auch weinen, wenn er stirbt. Das scheint aber – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – ein ziemlicher Unfug zu sein. Greifbar machen kann man Steve Jobs nicht, und nun – das ist noch nicht einmal zynisch – schon gar nicht mehr. Allenfalls kann man sich kurz ärgern oder bedauern, dass der Mann, dem man sehr gute Designs und Technik verdankt, nun nicht weiter an deren Entwicklung beteiligt sein wird. Worum geht es also, wie kann man diese eigentümliche Trauer, die Musikusse und andere Künstler via Facebook und Twitter kundtun, spezifizieren? Vermutlich nur, wenn man sich die Bedeutung anschaut, die Jobs für Apple-Produkte und Apple-Produkte für diese Menschen  haben.

Gegründet wurde Apple 1976 von Jobs und seinem Freund Steve Wozniak und Ronald Wayne. Als „Apple with Bites“, „Apfel mit Biss“ eben, wurde der „Apple I“ vorgestellt – er musste vom Besitzer selbst zusammengesetzt werden und verkaufte sich ungefähr 200 Mal. Nichts im Vergleich zu seinem Nachfolger, dem „Apple II“, der zu einem regelrechten Welterfolg wurde. Er kam sehr schlicht daher, eckig und kantig, eher wie ein Fernseher. Die Nachfolger lassen wir einmal außen vor, irgendwann kam jedenfalls die Wende mit dem „Macintosh“, das war 1984. Er arbeitete als erster Computer überhaupt mit einer Maus als Standardeingabegerät und verfügte außerdem über eine grafische Benutzeroberfläche – das war die Geburtsstunde des Mac und der Tod der Apple-Serie. Zwei Jahre und einige Zerwürfnisse mit verschiedenen Mitarbeitern später kaufte Jobs zusammen mit Edwin Catmull die von George Lucas gegründete „Pixar Inc.“, die uns seitdem schöne Filme wie „Toy Story“, „Cars“ oder „Ratatouille“ bescherte – inzwischen gehört sie zu „Walt Disney Company“. Im selben Jahr gründete Jobs außerdem das Computerunternehmen „NeXT Computer“, aufgrund neuer Zerwürfnisse um seine ehemalige Firma Apple herum, musste er sich verpflichten, Apple eine Zeitlang Einblicke in die Entwicklungen von NeXT zu geben. Er tat es und kehrte 1996, zehn Jahre später also, zu Apple zurück, nachdem dieses NeXT aufgekauft hatte. Er wurde Berater, Vorstandsmitglied und für eine kurze Zeit Geschäftsführer. 1997 ließ er alle karitativen Programme, die das Unternehmen zuvor über Jahre hinweg gefördert hatte, einstampfen – man müsse Geld sparen, um das Unternehmen wieder rentabel werden zu lassen. Auch, nachdem dies ganz offensichtlich geschehen war, wurden die Programme nicht wieder aufgenommen. Ebenso gibt es keine einzige Stiftung, die Jobs‘ Namen trägt oder sich aus seinem Geld speist. So etwas wäre aber gut und sinnvoll gewesen, Talenteförderung beispielsweise, was auch immer. Stattdessen hat Steve Jobs veranlasst – darüber hatten wir schon einmal kurz berichtet – dass den Arbeitern in einer der größten Fabrikanlagen der Welt, in Longhua nämlich, Schwimmbäder und Wellnessoasen gebaut werden. Eine Art Versprechen für ein gutes Leben sozusagen, das umso zynischer wird, wenn man sich einmal ansieht, dass die Arbeiter selbst darüber nur verdutzt sind: Wann sollen sie das nur nutzen, bei all den Überstunden? Viele von ihnen haben sich das Leben genommen, weil es einfach kein wertvolles mehr war; Apple hat das bedauert, mehr aber auch nicht. Vielleicht sogar haben sie danach gleich noch ein Kino gebaut – als kleinen Bonus. Das Problem, um das es eigentlich geht, sehen sie natürlich nicht, weil es nichts mit dem zu tun hat, weswegen Foxconn, das für HP, Dell oder eben Apple produziert, hier arbeiten lässt. Es geht darum, dass junge Menschen ausbrechen wollen aus dörflichen Strukturen, die Chance haben wollen, eines Tages in die Stadt zu kommen, dort ein angenehmes Leben zu führen, mit alten Traditionen, die sich sehr oft mit Unfreiheit und Enge verbinden, zu brechen. Natürlich haben die Konzerne, deren Geräte wir hier nutzen, keine Zeit und kein Interesse, diese internen Probleme zu benennen oder bei ihrer Lösung zu helfen. Und vermutlich wäre auch niemand bereit, für sein Laptop oder seinen MP3-Player das Dreifache dessen auszugeben, was er jetzt dafür bezahlt. Das ist der übliche Kreislauf, der einem Kopfzerbrechen bereitet: Man weiß um die Probleme, ist aber entweder zu geizig oder zu arm, sich ihnen entgegenzustellen und selbst wenn man es tut, ist man sich bei all dem Gerede von Ausweglosigkeit an allen Enden der Welt gar nicht sicher, ob man damit wirklich hilft. Das hier soll aber keine Moralpredigt werden, kein erhobener Zeigefinger zum Ende, schließlich darf jeder selbst entscheiden, wie konsequent er handeln möchte. Steve Jobs aber, so schöne Ideen und Visionen er auch gehabt haben mag, hat wohl das eine oder andere Mal Dinge nicht getan, die nötig und richtig gewesen wären. Und deswegen ist eine so starke Emotionalisierung seiner Produkte, wie sie stattgefunden hat und stattfindet, übertrieben und schade.