Mit ihrer Band „Aloha from Hell“ hat es Vivien Bauernschmidt geschafft. Plattenvertrag mit Sony BMG, Reisen nach Amerika und Japan mit Fotoshootings und Interviews für große Blätter wie „Elle“ und den „Playboy“. 2009 gewann die Band um Vivien den deutschen Musikpreis Comet in der Kategorie „Bester Durchstarter“. Vor gut einem Jahr gab die Band ihre Auflösung bekannt. Vivien ist nun erwachsen geworden. In ihrem ersten Interview nach der Bandauflösung erzählt sie uns, warum die damalige Zeit sie geprägt und erwachsen gemacht hat.

Du machst dein Abi in Berlin. Wie ist es dazu gekommen?
Wir haben uns 2010 aufgelöst und dann habe ich mir gesagt, dass ich entweder die Schule in Aschaffenburg zu Ende mache und mich für zwei Jahre dort durchkämpfe oder aber jetzt schon nach Berlin ziehe. In dem Moment kam es ganz gut, dass ich eine Anfrage für ein Studioprojekt in Berlin bekommen habe, wo ich die Stimme für eine animierte Band machen sollte. Damit war dann der finanzielle Teil schon einmal geklärt, damit ich meinen Eltern sagen konnte: „Mama, Papa, ich habe jetzt eine Schule und eine Wohnung gefunden und habe eine Geldquelle. Berlin ist halt einfach eine Stadt der Musik – hier habe ich halt die besseren Chancen wieder durchzustarten.

Machst du das Studioprojekt immer noch?
Ja, das mache ich immer noch, und zwar mit den selben Produzenten, die uns auch bei Aloha from Hell begleitet hatten. Letztens ist die EP mit drei Liedern herausgekommen und es wird auch noch ein komplettes Album geben. Da arbeite ich die ganze Zeit – neben der Schule – noch dran und schreibe dort auch die Texte und singe es dann ein. Allerdings stehe ich da nicht mit meinem Namen dahinter, also weiß es so zusagen keiner.

Du hast gerade Aloha from Hell gesagt. Hast du den Trubel um deine Person in der damaligen Situation realisiert?
Als wir damals den Bravo Bandnewcomer Contest 2007 gewonnen haben, wodurch wir dann auch den Plattenvertrag bekommen haben, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Welcher Musiker träumt denn nicht davon, groß auf der Bühne zu stehen und die Chance zu haben, Erfolg zu haben? Ich war damals erst einmal total platt. Ich habe die ersten ein, zwei Jahre – es ging vier Jahre – gar nichts mitbekommen. Ich habe das nicht realisiert, ich habe mich normal gefühlt und außerdem war ich damals 14 Jahre alt, als es losging. Und natürlich habe ich mitbekommen, dass die Leute jetzt meinen Namen und unsere Songs kennen. Aber so richtig realisiert, dass ich irgendwie berühmt bin, habe ich irgendwie nicht.

Bis heute nicht?
Nein, teilweise bis heute nicht. Außer, als wir in Japan waren. In Deutschland da lebe ich, da ist meine Familie – hier ist alles normal. Und auch trotz der Auftritte und vielen Fernsehauftritte muss ich sagen, dass ich auf dem Boden geblieben bin, was mir auch meine Eltern mit auf den Weg gegeben haben. Aber an dem Punkt, wo wir das erste Mal nach Japan geflogen sind und ich nach dem langen Flug total zermürbt aus dem Flugzeug gestiegen bin und dann auf einmal die vielen Japaner sah, die unsere Namen schrien und uns Sachen schenkten, da realisierte ich zum ersten Mal, dass ich in irgendeiner Weise „bekannt“ bin.

Wie ist es, wenn man Geld mit dem verdient was man kann?
Das Finanzielle habe ich gar nicht so wirklich mitbekommen. Ich habe zwar Geld bekommen, aber dadurch dass ich so jung war, habe ich das mit meinen Eltern geklärt und die haben gesagt: „Vivien, wofür brauchst du jetzt das ganze Geld?“ Und ich habe gesagt, dass ich es nicht brauche. Dann habe ich mir natürlich immer mal wieder was abgezwackt, wenn ich Klamotten kaufen wollte oder mir etwas anderes leisten wollte. Und das fand ich gerecht, denn wenn man hart für sein Geld arbeitet, dann kann man sich auch was leisten, dachte ich mir damals. Aber den meisten Teil habe ich angelegt, weil ich es für die Zukunft, wie zum Beispiel das Studium, haben wollte.

Ist das Musikbusiness wirklich so hart, frisst es einen teilweise wirklich auf?
Das kann ich bestätigen, allerdings mit Abstrichen, denn das Business ist das, was du daraus machst. Aber ich war halt echt noch verdammt jung und wurde ständig ins kalte Wasser geworfen und musste lernen zu schwimmen. Am Anfang wurde auf mein Alter noch Rücksicht genommen, ich war halt das kleine Küken. Aber nach einiger Zeit hieß es dann: „Vivien, du hast das Interview verkackt! Vivien, guck‘ mal nicht so!“ Und da schluckst du im ersten Moment schon einmal, aber im Endeffekt hat es mich weiter gebracht, weil ich es versucht habe, nicht zu doll an mich heran zu lassen. Und in manchen Momenten war mir die Kritik auch ganz lieb, weil ich auch weiß, dass ich nicht perfekt bin und manchmal muss man Kritik auch einstecken können.

Bist du vor allem dadurch und die damalige Zeit erwachsen geworden?
Vor allem durch die Zeit – definitiv ja! Die Dinge die man damals gemacht hat, macht man jetzt nicht mehr. Ich habe die Naivität abgelegt und ich bin, trotz meiner Emotionen und meines Temperaments, sachlicher geworden. Aber ich habe auch gelernt, dass man auch einmal Risiko eingehen kann und etwas wagen kann. Und was auch wichtig ist, ist, dass ich gemerkt habe, dass man nicht immer das perfekte Mädchen sein muss, denn man darf auch Fehler haben. Das macht irgendwo auch den Menschen aus.

Wie ist es dann in dem Moment, wo die anderen Menschen in deinem Umfeld merken, dass du berühmt wirst?
Als ich 14, 15 Jahre alt war und es in den Medien losgegangen ist, da habe ich sehr oft geweint. Vor der besagten Zeit war ich wirklich beliebt und auf einmal merkte ich, wie viele Menschen hintereinander weg waren. Auf einmal haben sich alle abgekapselt uns gesagt, dass ich mich verändert hätte. Jetzt denke ich mir, dass es völlig normal ist, dass man sich verändert, vor allem auch, weil ich einen Prozess durchlaufe, den meine Mitschüler – ich ging ja damals noch zur Schule – eben noch nicht durchmachen. Das war ein ungemeiner Reifeprozess. Das haben wenige verstanden und auch wenige kamen damit zurecht, dass ich etwas mache, was ich gerne mache und der Neidfaktor spielt in dem Alter natürlich auch eine Rolle. Im Nachhinein sehe ich das positiv, weil ich so schon früh gemerkt habe, wer zu mir steht und wer wirklich meine Freunde sind – und die habe ich heute noch. Es ist zwar nur eine handvoll Leute, aber die sind da und gehen mit mir durch Dick und Dünn und das schätze ich.

Eine abschließende Frage zu dem Kapitel Aloha from Hell: Wie ist es, mit Tokio Hotel in eine Kiste gepackt zu werden und mit ihnen verglichen zu werden?
Ich liebe Tokio Hotel (lacht laut). Nein, dass wir mit ihnen verglichen wurden, habe ich eher als Ehre als eine Beleidigung aufgenommen, denn schließlich sind sie erfolgreich. Vom Musikstil fand ich uns nicht gleich, außerdem haben wir noch einen gewaltigen Unterschied. Er ist (lacht wieder) ein Mann und ich bin eine Frau – als Frontsängerin. Allerdings hatte ich, trotzdem wir bei einem Konzert gemeinsam aufgetreten sind, nie das Vergnügen sie kennenzulernen. Ich kann nichts großartiges zu Tokio Hotel sagen, weil ich sie persönlich nicht kenne – trotz eines gemeinsamen Konzerts in Athen. Aber generell ist es so – mit wem wir auch verglichen wurden –, dass man immer verglichen wird. Schließlich können wir die Welt nicht neu erfinden, denn irgendwie macht man auch das Gleiche. Ich habe das alles positiv aufgenommen und mir gedacht, dass ich es ja doch irgendwo richtig gemacht habe, wenn man mit so etwas großem wie Avril Lavigne oder Paramore verglichen wird.

Wie ist es nach all dem Trubel und dem Erfolg, sich wieder auf die Schulbank zu setzen und in die Bücher zu schauen um zu lernen?
Ich habe schon damals gesagt, als ich meine Schule abgebrochen habe, dass das kein Abbruch sondern eine Pause war. Denn ich hätte nie im Leben meine Schule abgebrochen. Ich wollte etwas Standhaftes und ich weiß auch, dass ich bis 50, 60 nicht Musik machen kann, auch wenn es schön wäre. Für mich war es also kein großes Problem, mich wieder auf die Schule konzentrieren und mich auf ein normales Leben zu besinnen. Sicherlich ist es geiler wenn man nur rumreist und vieles erlebt, aber ich hatte mich von Anfang an damit auseinander gesetzt.

Was willst du nach deinem Abitur machen?
Nach dem Abi werde ich erst einmal Musik machen. Das kann ich mir nicht nehmen lassen, noch einmal richtig an den Start zu kommen. Ich möchte halt schon jetzt neben der Schule die Grundbasis aufbauen dafür. Habe jetzt ein paar Lieder gemacht und bin ein bisschen in der Selbstfindungsphase und probiere derzeit jedes Genre aus. Weil ich weiß, dass ich jetzt noch experimentieren kann, allerdings möchte ich nach dem Abi schon mal ein paar Songs und ein Konzept haben, damit ich dann gleich wieder zu Plattenfirmen gehen kann.

Und wenn du jetzt in diesen Moment sofort wieder die Möglichkeit hättest im großen Stil Musik zu machen, welche Richtung wäre es dann?
Wie gesagt, ich probiere gerade aus. Und man sagt immer ungern, dass man Popmusik macht, aber ich glaube, ich komm da nicht weg, deswegen ist es schon so, dass ich Pop mit Eiern machen will.

Und in der „beruflichen“ Hinsicht?
Ob ich mit 19 oder aber erst mit 20 anfange zu studieren, ist mir egal. Es heißt also nicht nur, dass ich mich musikalisch selbst finden möchte, sondern auch beruflich. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen zu studieren und halt dann ein Jahr nach dem Abschluss damit anzufangen.

In welche Richtung?
Gerade interessiert mich besonders der Studiengang International Business Management. Ich weiß es aber noch nicht so genau und will mich darüber noch ein bisschen informieren. Ich möchte halt etwas Festes machen, damit ich auch das Prinzip des Musikbusiness verstehe und vielleicht in die Richtung gehen würde. Allerdings kann sich das innerhalb von einem Jahr noch so ändern.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Schwer zu sagen – da bin ich ja schon fast 30. Da ja alle großen Stars mit 27 sterben (lacht wieder laut), bin ich froh wenn ich noch lebe, und sagen kann, dass ich musikalisch alles ausprobiert habe und vor allem, dass ich noch Musik mache – ob groß oder klein. Und mit Anfang 30, da wünscht sich jeder schon einen festen Job, eine Familie und einfach Zufriedenheit.