...sind wir! Wir sind schnell gelangweilt, haben eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, können uns nur schwer konzentrieren und wählen deshalb die Piratenpartei. Was aber viel spannender ist: Wir sind die letzte Generation, die ein Leben ohne Internet kennt. Eine Typisierung aus erster Hand oder warum der Generationskonflikt heutzutage ein digitaler ist:

In der letzten Ausgabe haben wir begonnen, ein bisschen auf uns selbst zu schauen. Klar, das tun wir tagtäglich, wenn wir über unser Studium, unsere Jobs, Freunde und Familie oder unseren Einkauf beim Ökobauern reden. Natürlich notieren wir aber nicht permanent, was in uns vorgeht und was sich aus den verschiedensten Diskussionen ergibt. Und noch seltener setzen wir uns dann zusammen und archivieren, was wir entdeckt haben, um ein Porträt unserer Generation zu malen. ‚Notieren‘ ist hier übrigens ein erstes gutes Stichwort, das direkt wieder zu dem führt, was in der letzten Ausgabe mit Marc Prensky ein „prädigitaler Akzent“ genannt wurde: wenn ich nämlich von ‚notieren‘ spreche, meine ich dann ein Aufschreiben mit dem Bleistift oder ein flinkes Hämmern in die Tastatur? Ich – und da meine ich nun wirklich einmal nur mich selbst – rede dann in der Tat von Stift und Papier, es scheint also nicht um einen Akzent zu gehen, der sich ab und an noch einschleicht, während sich das Gros dessen, was ich den Tag über tue, am Rechner abspielt, sondern vielmehr um ein richtiges Verweigern. Mit Aufstand oder Anti-Trend hat das aber trotzdem recht wenig zu tun, stattdessen damit, dass die Digitalisierung in all ihren Auswüchsen bisweilen einfach stressig ist, ablenkt, mich abgehetzt sein lässt. Mag sein, dass das auch am Studium liegt – in den Geisteswissenschaften hat man nun einmal viel mit echten Büchern und echten Handschriften auf echtem Papier zu tun. Wenn hier digitalisiert wird, dann zumeist im Sinne der Bücher selbst, das heißt also, um auf die echten Schätze nicht allenthalben zugreifen zu müssen und ihr Papier so noch schmirgeliger und rissiger werden zu lassen. So oder so: sich den Büchern zu widmen, ist und bleibt ein einsames Vergnügen, insofern da eben kein Like-Button an Hegels „Ästhetik“ klebt, der den Draht zur Gruppe all derer herstellt, die da auch gerade drin lesen. Es sei denn, man liest die Texte auf Plattformen, die Facebook parallel zum eigenen Tun füttern – auch das gibt’s natürlich. Es ist aber nicht nur unnötig, sondern lenkt auch ziemlich stark ab; es ist und bleibt ein Rätsel – ob nun ein kleines oder großes sei mal dahingestellt –, wie einige Menschen parallel philosophische Texte lesen und sich permanent über Online-Plattformen mitteilen können. Deswegen: Gern wieder mehr echte Bücher zum Anfassen, mit eigenem Geruch, irgendwelchen Flecken und ein paar verknitterten Seiten. Nun schreien Viele auf: Warum so kompliziert? Wieso kein Kindle, wo man alles auf einmal haben kann und sich trotzdem nicht den Arm zerrt beim Tragen? Nun, weil ich glaube oder wenigstens an mir selbst beobachten kann, dass die Wissensaneignung und -speicherung eine andere ist, wenn sie zu einem Großteil vorm PC stattfindet. Da sieht alles ziemlich gleich aus, es gibt weder Buchrücken noch überhaupt die Möglichkeit, irgendetwas zu blättern. Und über Geruch muss gar nicht erst gesprochen werden. Alles sieht gleich aus und fühlt sich gleich an: nach den Tasten des jeweiligen Laptops eben. Wobei das selbstverständlich immer nur eine Frage des Geschmacks bleiben kann. Was uns davon aber wegholt, ist der Umgang mit dem Wissen oder den Schriftstücken (da ist er wieder, der Akzent), die man nutzt. Eine Hausarbeit kann man heute gut und gern schreiben, ohne auch nur ein einziges Mal in der Bibliothek gewesen zu sein. Google Books hält die meisten Sachen bereit, beim Rest hilft das Gutenberg Projekt vom Spiegel. Man kopiert also und schreibt ab, gibt natürlich alles korrekt an und doch: Wird man zwei Wochen später gefragt, wen und was man da in welchem Kontext angeführt hat, muss man erst einmal ziemlich grübeln. Und kommt noch nicht einmal mit Sicherheit zu einem Ergebnis. Denn: es ist eben ein sehr rasches, manchmal unüberlegtes, vor allem hektisches Arbeiten, das man da mit dem Internet betreibt. Ein anderes, als wenn man in einem Buch in Ruhe nach bestimmten Stichworten suchen muss, weil es dafür nun einmal keine Suchmaschine gibt, die sofort mit passender Seitenzahl und gelber Markierung aufwartet.

Man braucht das eben geschilderte Phänomen auch gar nicht unbedingt auf geisteswissenschaftliches Arbeiten oder Denken zu beschränken, sondern kann es mit einem recht passenden Schlagwort als Trick in ganz vielen Bereichen analog setzen. Das Wort heißt: Verfügbarkeit. Wenn immer alles da ist und da sein soll und auch klar ist, dass es, zunächst einmal gut archiviert im WWW, auch dableiben wird, dann kann man sein Köpfchen als Speicher guten Gewissens entlasten. Wozu sich merken, wann der Bus fährt? Warum wissen, auf welcher Straße man gerade geht? Oder wieso überhaupt sich noch Gedanken ums abendliche Essen machen – die richtige App ‚weiß‘ all das schon, ehe man selbst seine Gedanken hätte sortieren können. Sie ortet, hilft beim Austüfteln des Speiseplans und all den anderen Hürden des Alltags. Sie macht den Dschungel der Stadt, der eigentlich gar keiner ist, ganz leicht ganz übersichtlich und ist vor allem immer zur Stelle. Und ganz eigentlich weiß sie natürlich gar nichts, sondern merkt sich nur ein paar Pfade, die wir im Netz irgendwann eingeschlagen haben, oder spielt eben Navigationsgerät. All das hilft ihr dann dabei, so tun zu können, als ob ihre Ergebnisse unsere Wünsche wären. Nachdenken mussten wir dabei indes nicht. Ob das den Nutzer dümmer macht, müssen andere entscheiden. Statistiken zum Beispiel, die uns in zehn Jahren erzählen werden, wie gut oder schlecht wir mit der permanenten Verfügbarkeit von Wissen umgegangen sind. Ob wir uns tatsächlich schlechter zu helfen wissen, wenn‘s mal eng wird, weil wir Verfügbarkeit und Verlässlichkeit aus irgendeinem seltsamen Grund gleichsetzen. Was man aber vielleicht sagen kann: Das Internet, die Handy-Apps, die E-Books und all die anderen Formen digitaler Globalisierung – sie schaffen es auf famose Weise, uns unseren Skeptizismus klammheimlich wegzunehmen und ihnen Vertrauen zu schenken. Einen kleinen Rest Erinnerung an die alte Welt – Bücher, Landkarten, Kompasse – sollten wir uns aber behalten; für den ersten großen Stromausfall zum Beispiel.